Ruhe bewahren

Ich würde Euch ja gern Neuigkeiten über Diego schreiben, weil ich weiß, dass viele von Euch darauf warten. Aber warten ist genau das, was wir im Moment auch tun. Heute wurde wieder Blut abgenommen, jetzt warten wir auf neue Werte. Es geht ihm deutlich besser, er frisst sehr viel besser, nimmt aktiv am Herdenleben teil und ist sauer auf mich, weil ich zu einer dieser „erst isst Du Dein Gemüse auf, dann bekommst Du Nachtisch“- Mütter geworden bin. Während er letzte Woche teilweise das leckerste Müsli verweigert hat, bekommt er jetzt von uns immer erst Heucobs und Heu (nicht unser normales, das frisst er nicht, aber sauteures, abgepacktes Zeug aus der Tüte von dem ich mich immer gefragt habe, wer zum Henker so was kauft…..). Erst schaut er uns dann an und plinkert auf die ihm eigene Art mit den Augen und wenn das nicht funktioniert, wirft er uns fassungslose Blicke nach, während wir einfach weggehen. Er frisst die Heucobs dann auf und er nascht auch etwas Heu, aber so hatte er sich das nicht vorgestellt – in seiner Zukunftsplanung gab es nur noch Müsli, Möhren und Frühlingsgras. Nun habe ich ihm versuchshalber auch das Gras noch gestrichen. Es ist nicht so, dass ich es ihm nicht gönnen würde, aber normalerweise weide ich überhaupt kein Pony um diese Jahreszeit an, das ist mir viel zu gefährlich (Hufrehe durch hohen Fruktangehalt) und es ist für uns viel Arbeit, die anderen dann immer wegzusperren, ihn raus zu lassen und kurze Zeit später wieder rein zu holen. Er soll wieder ans Heu fressen kommen, dafür braucht es vielleicht auch einen kleinen Anreiz und er ist gut genug drauf, dass ich das riskieren kann.

Das alles klingt sehr positiv und viele werden jetzt hoffen, er sei schon über den Berg. Fakt ist aber: er hatte immer gute Phasen und es kann sein, dass auch das nur eine gute Phase ist. Es kann sein, dass das Antibiotikum nicht dazu beiträgt, denn die Besserung setzte schon vor der Gabe des Medikaments ein. Wir sind also nicht gefeit davor, dass alles plötzlich wieder schlechter wird. Wir haben nach wie vor keine Diagnose, also können wir auch nicht wissen, ob das milde Antibiotikum, das er zur Zeit bekommt, hilft. Und das Blutbild bietet Interpretationspielraum, leider auch in eine sehr unschöne Richtung – es könnte sich um Krebs handeln. Diesen Gedanken schieben wir ganz weit weg, denn tun können wir dann sowieso nichts. Erst in 2-3 Wochen werden wieder alle Blutwerte kontrolliert, und wenn sich dann auch die wieder im Normbereich eingependelt haben, die dafür lange brauchen, und wenn es ihm bis dahin gut geht, dann können wir aufatmen.

Was ich in diesen Tag sehr stark spüre, ist, wie erwachsen mein Duncan geworden ist. Und ich frage mich, ob ein besonderer Lernprozess bei ihm eingesetzt hat.

Normalerweise wird ein Pferd von Natur aus erst mal nervös und hektisch werden, wenn sein Mensch nervös und hektisch ist. Und in der ersten Unterrichtsstunde mit seiner neuen kleinen Freundin hat Duncan gezeigt, wie unsicher er wird, wenn der Mensch neben ihm unsicher ist. Aber jetzt, ganz langsam, habe ich das Gefühl, dass er lernt, anders damit umzugehen. Und das ist die reine Magie (und gleichzeitig auch nur ein einfacher Lernprozess).

Am Montag bei unserem Ausritt, als ich ziemlich fertig war mit den Nerven und ziemlich tüddelig im Kopf, ist es zum ersten Mal passiert: er hat bei meiner Hektik nicht mitgemacht. Er ist cool geblieben. Und sobald ein Pferd das ausprobiert, kann das Lernen beginnen, denn jetzt kann mein Pony die Erfahrung machen, dass das Leben leichter wird, wenn man sich nicht anstecken lässt von der menschlichen Nervosität. So wie mein zauberhafter Merlin, der immer wusste, wie man mit ängstlichen, nervösen und aufgeregten Menschen umgeht. Merlin wurde immer langsamer, wenn jemand Angst hatte. Er war in der Lage, zur Not die Führung zu übernehmen und jedem Menschen die nötige Sicherheit zu geben. Woher er das konnte – keine Ahnung. Heute könnte er es wohl nicht mehr. Mit seinen 31 Jahren ist er selbst kein Ausbund an Ruhe und Gelassenheit mehr. Sobald die kleinste Unsicherheit auftaucht, merkt man ihm das deutlich an und ich führe das darauf zurück, dass er sich körperlich nicht mehr in der Lage sieht, schnell genug zu fliehen, wenn es doch ein Säbelzahntiger sein sollte. Außerdem sieht er wohl nicht mehr gut.

Aber zu seinen Hochzeiten, da hatte er diese Magie. Wenn ich furchtbar aufgeregt war, weil es auf Kurs ging und wir vor Zuschauern Unterricht bekommen haben, dann hat er mich angeschaut und mit zugeflüstert „atme, ich regel das“. Er war dann ganz besonders zuverlässig, ganz besonders engagiert und aufmerksam.

Und vielleicht kann mein kleiner großer Duncan das auch lernen. Ich wusste nicht, ob ein Pferd das lernen kann, aber wenn es einmal anfängt, diese neue Taktik zu erproben, dann denke ich, dass es schnell merken wird, dass der Mensch in einen angenehmeren Zustand kommt, wenn man als Pony die Nerven bewahrt, besonnen bleibt und besonders gut aufpasst.

Vielleicht bilde ich mir das alles nur ein. Wer weiß? Aber damals, an jenem wunderbaren Tag, an dem ich das Gefühl hatte, dass Duncan mich zum reiten einlädt, hat jemand zu mir gesagt „lass Dir nicht einreden, dass Du Dir das nur eingebildet hast. Halte diesen wunderbaren Moment fest in Deinem Herzen und glaube daran“. Und das tue ich seitdem. Und ich tue es jetzt wieder. Wir alle wissen, wie stark Pferde auf unsere inneren Bilder reagieren, weil wir sie unbewusst über feinste Körpersprache aussenden. Und wenn ich glaube, dass mein Pony mir helfen kann, die Ruhe zu bewahren, was wird dann wohl passieren? Dann wird allein dieser Gedanke mir schon helfen und mich ruhiger machen. Wir können uns also gegenseitig helfen, die Ruhe zu bewahren – oder wir können uns gegenseitig nervös machen. Es ist unsere Wahl und ich weiß, welche ich treffen möchte.

Denn nie war es wichtiger als jetzt, die Ruhe so gut wie möglich zu bewahren, während wir weiter hoffen, dass unser Diego wieder ganz gesund wird.

Hinterlasse einen Kommentar