Kampf gegen das Unbekannte

Heute gibt es einen Artikel außer der Reihe, für alle die Anteil nehmen, und wissen wollen, was mit Diego los ist. Weil ich selbst es nicht leiden kann, wenn ich nur höre, dass ein Pferd etwas hat und dann keine weitere Info kriege, was war und was ist. Wir sind immer noch mittendrin und bis es in die eine oder andere Richtung zu Ende gegangen ist, werden noch Wochen vergehen, also bekommt Ihr einen Zwischenstand.

Schon seit Herbst ist Diego nicht ganz fit. Erst hatte er das fiese Hufgeschwür, wodurch er stark abgenommen und Muskulatur verloren hat. Dann haben wir ihn wieder aufgepäppelt, aber es zeigte sich, dass er nicht mehr so enthusiastisch Heu fressen mochte wie früher. Er hat schon gut gefressen, aber er war schneller satt und das fand ich ein bisschen komisch. So haben wir dann überlegt, wo wohl das Problem ist und haben gesehen, dass seine Schneidezähne schief geworden sind. Also war für uns klar: ein Zahnproblem. Im Januar ging es also zum Spezialisten, der die Zähne bearbeitet hat. Der fand allerdings, dass der Zustand der Zähne altersgemäß eigentlich ganz ok war und kein Anlass sein sollte, schlechter zu fressen. Das Gebiss wurde korrigiert und zunächst schien es Diego besser zu gehen. Dann mochte er wieder nicht genug Heu fressen und nahm ab. Ich fing an, ihm Heucobs einzuweichen, die er mit dem größten Vergnügen verspeiste. Somit stand für uns fest: immer noch ein Zahnproblem. Wir entschieden uns, einen anderen Zahnspezialisten zu fragen. Zwei Wochen vor dem Termin ließ Diego plötzlich die Heucobs manchmal stehen. Aber nach einer Woche fraß er wieder ganz normal. Der zweite Zahnspezialist arbeitete die Zähne nach und vergrößerte die Zahnzwischenräume, in denen sich Futter sammelte. Unsere Theorie war, dass vielleicht manchmal Futter dort hängen bleibt und Diego weh tut.

Diegos Zustand wurde wieder besser, er nahm zu, fraß Brei und auch Heu. Wir wagten es, über Ostern wegzufahren. Aber kaum waren wir im Urlaub, kam auch schon der Anruf: Diego frisst nicht. Ostersamstag. Zum ersten Mal kam ich auf die Idee, Fieber zu messen (in diesem Fall messen zu lassen), und siehe da: die Temperatur stieg flott. Einmal maß meine Freundin 38,4°, kurze Zeit später schon 39,2°. Es war also klar: ein Notfall. Unsere beiden wunderbaren Freundinnen packten Diego ein und fuhren in die Klinik, damit wir ihn über Nacht versorgt und unter medizinischer Aufsicht wussten, während wir selbst die Heimreise antraten. Übt Verladen mit Euren Pferden, es kann Leben retten! Unsere Freundinnen hatten keinerlei Probleme Diego trotz seines Zustandes zum Einsteigen zu bewegen.

In der Klinik bekommt er Fiebersenker und man nimmt ihm Blut ab. Weil alles nicht so schlimm aussieht, nehmen wir ihn am Sonntag wieder mit nach hause und vereinbaren einen Termin zur Untersuchung der Maulhöhle am Dienstag.

Weiterhin frisst Diego keinerlei Heu und auch keine eingeweichten Heucobs. Ich werfe also alle meine Fütterungsprinzipien über Bord, wir geben ihm Müsli, Hafer-Leinsamen-Schleim und lassen ihn immer wieder kurze Zeit auf die Weide. Er frisst ein paar von unseren „Keksen“, also Heucobs die man trocken füttert.

Die Untersuchung der Maulhöhle und Röntgenbilder des Kiefers sind ohne Befund, aber im Blutbild zeigen sich Entzündungswerte. Diegos Temperatur schwankt immer wieder rauf und runter, oft ist sie im Normbereich zwischen 37° und 38°, aber sie geht auch immer wieder für ein paar Stunden über 38°, jedoch – zum Glück – nicht über 39°. Er wirkt einigermaßen munter, etwas matt, aber nicht apathisch. Wir vereinbaren einen Termin für eine Magenspiegelung am Donnerstag. Inzwischen erhöhen wir die Weidezeit nach und nach. Es zeigt sich, dass wir ihn überreden können, mehr von den Keks-Heucobs zu essen, wenn wir sie einzeln aus der Hand füttern. Eine langwierige, aber wirksame Methode um wenigstens etwas Raufaser ins Pony zu bekommen.

Die Magenspiegelung zeigt keinerlei Befund, auch die Luftröhre ist unauffällig. Ich werde nervös, das Wochenende naht, die Entzündungswerte sind drastisch gestiegen, wir haben keine Ahnung, was er hat. Also machen wir noch einen Bauchultraschall für eine Übersicht. Herzmuskel, Lunge, Bauchfell, Leber, Niere, Milz, Dickdarm, Dünndarm. Alles sieht so weit ok aus. Auch eine Kotprobe bleibt ohne Befund. Der behandelnde Tierarzt möchte auf weitere Blutbilder warten, bevor er sich traut, ein Antibiotikum zu geben, aber wir sind da anderer Meinung. Wir ziehen eine zweite Tierärztin zu Rate, die netterweise am Samstag vormittag vorbei kommt. Sie ist unserer Meinung: in diesem Fall ist es angebracht, mit Antibiose zu beginnen, obwohl keine eindeutige Diagnose fest steht. So wie ich sie verstehe kann es auch durchaus sein, dass wir nie eine Diagnose bekommen, weil es einfach schwierig ist, festzustellen, WO die Entzündung im Körper ist.

Der Stand der Dinge ist also, dass Diego ein gut verträgliches Antibiotikum bekommt, dessen Wirkung wir frühestens nach 3 Tagen (also ab Dienstag) sehen. Derweil ist sein Gesamtzustand aber wieder deutlich besser geworden, er hat irgendwie aus dem bisschen Futter eine Menge Masse erzeugt, ist bei guter Figur mit glänzendem Fell und wirkt ganz zufrieden. Sein Ruhepuls scheint allerdings erhöht zu sein, da müssen wir noch ein paar Vergleichsmessungen zu unterschiedlichen Zeitpunkten machen. Er hat auch mal Phasen wo es ihm sichtlich schlecht geht, aber nie lange, nur mal so ein, zwei Stunden. Er frisst mehr und mehr von den Keks-Heucobs, auch mal ein gutes Kilo aus dem Eimer. Möhren sind sein Favorit, einige Müslis mag er auch gern essen, aber wir müssen immer etwas abwechseln, um ihn bei Fresslaune zu halten.

Wir tun derweil das, was wir die ganze Woche getan haben: warten (ich nenne es „hektisches warten“). Erst war es warten auf Untersuchungstermine, jetzt warten wir auf Blutwerte und darauf, ob das Antibiotikum eine Wirkung zeigt. Ihr könnt Euch sicher vorstellen, wie nervenzerfetzend das ist. Natürlich forschen wir selbst weiter, was das sein könnte und haben für den nächsten Tierarzt-Termin schon wieder 5 neue Fragen notiert.

Derweil lernen wir Dinge über Diego. Vor einigen Wochen meinte jemand, ob wir uns sicher sind, dass er wirklich Lust hat auf Ausreiten, wenn er nicht so gut Heu frisst. Und ich habe mich gefragt, ob diese Person recht hat: ist Diego einfach nur so artig, dass er alles mitmacht? Ich kann jetzt sagen: nein. Auch Diego, der immer alles richtig macht, alles kann und sehr artig wirkt, hat durchaus eine Menge eigene Meinung und weiß diese auch zu äußern. Klar, er steigt, tritt und beißt nicht. Aber er verweigert das Halfter, geht deutlich weg, wenn die Tierärztin auch nur mit dem Stethoskop kommt und möchte nicht mehr klaglos in den Anhänger einsteigen (ok, in seinem Fall bedeutet das, dass es 20 Sekunden dauert anstatt 10 aber der Unterschied ist klar ersichtlich). Ich hoffe sehr, dass ich ihm vermitteln kann, dass ich SEHE dass er das nicht möchte, aber dass ich im Moment leider keine Rücksicht darauf nehmen kann.

Auf der anderen Seite steht, wie viel mehr Keks-Heucobs er frisst, wenn wir sie ihm aus der Hand anbieten. Wie er sich von mir aus einer seiner schlechten Phasen holen lässt, indem ich mit ihm zur Wippe gehe und ganz sachte Vorschläge mache, was er tun könnte. Er kommt dann wieder aus sich heraus und freut sich über das angebotene Futter. All das ehrt uns sehr, denn es zeigt uns, dass er wirklich, wirklich gern mit uns zusammen ist und unsere Anwesenheit ihm ein gutes Gefühl vermittelt.

Außerdem lernen wir, wie viele wunderbare Menschen wir kennen. Menschen, die sofort Hilfe anbieten, die uns Futterproben geben, Futter schenken, Futter für uns einkaufen und vorbeibringen, mit Tierärzten Kontakt herstellen und diese zermartern sich dann auch noch das Gehirn, schicken endlos WhatsApp hin und her in ihrer Freizeit. Ihr alle seid so großartig, danke dafür!

Das hier wird kein Sprint, das ist längst zum Marathon geworden. Wie er ausgeht, weiß noch keiner, aber wir halten die Moral hoch und das tut Diego eindeutig auch. Und so lange er kämpfen will, kämpfen wir mit ihm gegen einen (noch?) unbekannten Feind.

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  1. Avatar von Stella, oh, Stella
  2. Avatar von zuselfee
  3. Avatar von Unbekannt

3 Comments

    1. ja, an die habe ich tatsächlich auch schon gedacht, allerdings passen die Symptome eigentlich gar nicht, er müsste dann deutliche Bauchschmerzen haben. Steht aber mit auf meiner Frageliste.

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  1. Lieber Diego, bleib bitte so kämpferisch! Wir denken an dich und schicken dir viele gute Gedanken und wünschen dir baldige Genesung! Sei tapfer! Alles Gute für dich und deine Familie 🍀🍀✊✊♥️

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