Duncan schaut zu mir – seine neue, kleinste Freundin hat noch keine klare Körpersprache und er ist sich nicht sicher, was zu tun ist. Ich stehe in der Mitte, Arnulf ist bei dem Mädchen. Duncan bekommt drei verschiedene Infos von drei verschiedenen Menschen.
Genauso geht es uns Pferdebesitzern und Reitern irgendwie auch ständig. Der eine sagt so, der andere so. Ich habe mich hier schon einmal darüber ausgelassen. Dann bekomme ich Fragen gestellt oder Theorien werden mir aufgetischt darüber, wie der Pferdekörper funktionieren soll und welches Körperteil wo hin bewegt werden muss damit das Pferd korrekt läuft. Und ich denke dann immer zurück in meine Vergangenheit: vor 25 Jahren (oje, ich werde alt) hat mir eine Tierärztin für viel Geld erklärt, wie der Huf des Pferdes funktioniert und wie ich ihn bearbeiten muss, damit das Pferd gesund bleibt. Dieses Wissen war die Wahrheit (natürlich). Erst 7 Jahre später dämmerte mir, dass diese „Wahrheit“ der Wirklichkeit nicht standhält. Die versprochenen Ergebnisse blieben aus und ich nahm mir fest vor, jede Theorie nur noch danach zu beurteilen, welche Ergebnisse sie liefert. Dann kam das Interent und social media und jetzt kann jeder, mit jeder beliebig absurden Theorie, angebliche Beweise posten dafür, wie toll die eigene Methode funktioniert. Und gerade kürzlich habe ich erst wieder erlebt, wie sehr da – sagen wir es freundlich – gemauschelt wird.
Wenn ich aber rausgehe in die Wirklichkeit – damit meine ich meine persönliche Lebenswirklichkeit – dann sehe ich dort nicht die versprochenen Ergebnisse. Und das liegt in aller Regel nicht daran, dass die Pferdemenschen, die mir begegnen, sich nicht bemühen würden. Es liegt viel mehr daran, dass die angebotenen Theorien entweder Humbug sind oder zumindest fragwürdig. Und daran, dass all diese Theorien mit einer Liste an Verboten daher kommen was man auf keinen Fall tun soll (was zur Folge hat, dass insgesamt viel zu wenig getan wird und das Pferd gar keine Chance hat, Muskeln aufzubauen oder gesund und fit zu werden). Und wenn die Methode tatsächlich gut ist und funktioniert, dann tut sie das oft nur, wenn sie absolut korrekt durchgeführt wird. Dazu braucht es dann nicht nur das passende Equipment, sondern auch die passende Umgebung (z.b. eine Reithalle mit gutem Boden in der man sich beliebig lang im Schritt an der Band aufhalten kann…..). Und natürlich vor allem eine Pferdebesitzerin, die diese Methode im Handumdrehen erlernt, um sie dann bei ihrem Pferd anwenden zu können.
Wie dankbar ich doch bin, dass ich meine Freundin kennengelernt habe. Die hat gar keinen Reitplatz. Die geht mit ihren Ponys viel und zügig ins Gelände, wahlweise geritten oder gefahren, manchmal geht man auch spazieren, aber das eher selten. Wenn geritten oder gefahren wird, dient der Schritt lediglich dem Aufwärmen, ansonsten ist der Trab die Gangart der Wahl. Als wir damals unseren ersten kleinen Distanzritt geritten sind (28km) ist ihr winziges Pony mit meiner Freundin obendrauf kilometerweise im leichten Galopp neben meinem trabenden Finlay her bzw vor ihm her gezogen und das einzige was nachher an diesem Pony müde war, war der Kopf. Vielleicht war es damals, dass mir klar wurde, wie idiotisch meine Bemühungen waren, mein Pony fit zu kriegen, in dem ich Schulterherein reite.
Ja, ich mag Schulterherein, es ist eine tolle Übung (die man auch super im Gelände reiten kann). Aber ein korrektes Schulterherein zu führen oder zu reiten ist gar nicht so einfach wie es immer erzählt wird (ganz abgesehen davon, dass die Definitionen von „korrekt“ massiv voneinander abweichen). Und die Klientel mit der ich zu tun habe, sind in der Regel Frauen in meinem Alter, die neben Arbeit, Hund und Kind eben auch noch ein Pferd haben, zu dem sie 4-5 mal in der Woche fahren und dann eine Stunde Zeit haben. Davon wird man nunmal keine Top-Reiterin. Und das ist doch auch gar nicht schlimm, schließlich geht es um ein Hobby.
Eine Reiterin, die ich schon lange kenne, hat sich vor ein paar Jahren von mir verabschiedet, weil sie eine jener tollen Methoden lernen wollte. Etwas später kehrte sie zu mir zurück. Sie hatte ein Erlebnis gehabt, dass ihr klar werden ließ, was sie eigentlich will: sie möchte die Zeit mit ihrem Pferd genießen. Denn diese Zeit – das musste ich ja selbst schmerzlich erfahren – kann schneller vorbei sein als gedacht.
Und hier kommt die gute Nachricht: wir können die Zeit mit unserem Pferd genießen, ohne es dabei kaputt zu machen. Mit freundlicher, kompetenter Hilfe, die keine Raketenwissenschaft aus ein bisschen Freizeitreiten macht, geht es den allermeisten Pferden und ihren Reiterinnen prima.
Liebe Lioba, danke, danke für diesen tollen Artikel!!! Ich wusste immer, dass du eigentlich meine Trainerin sein solltest. So schade, dass wir so weit auseinander wohnen 😢.
Seit Juli 23 sind wir in unserem neuen (alten) Stall zurück. Es war eine anfangs harte Zeit, aber jetzt scheint es, als ob wir alles geschafft haben. Ab jetzt reiten wir an jedem Tag aus, wenn es natürlich das Wetter und die Wege zulassen. Es ist so herrlich das zu genießen 🙏😍. Liebe Grüße Angelika und Amadeus 😘
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