Jeder, der mit Pferden arbeitet, kennt wohl die Macht der Bilder in unserem Kopf. Das, was wir denken und uns vorstellen, kommt eigentlich immer gleich beim Pferd an – unser Körper vermittelt es eindeutig. Und nur allzu oft sind unsere Pferde bereit, dieses Bild Wirklichkeit werden zu lassen – leider unabhängig davon, ob es ein gutes oder ein schlechtes Bild ist.
Und viel zu oft habe ich gehört, wie Reiterinnen das vorgeworfen wird (inklusive mir selbst) nach dem Motto „na wenn Du so viel Angst hast dass er durchgeht, dann muss er ja durchgehen“. Kleiner Tipp: So ein Satz hilft nicht. Denn die Bilder in unserem Kopf sind erst mal da (wie der berühmte rosa Elefant). Die lassen sich nicht einfach ausradieren. Es ist viel Arbeit, sie zu verändern und braucht oft eine große Portion Hilfe von außen. Wenn wir zu einem negativen Bild im Kopf noch eine Schippe Schuldgefühle hinzufügen, weil da ein böses, negatives Bild im Kopf ist, wird nichts besser.
Amanda Barton habe ich mehrfach dabei beobachten dürfen, wie sie ihren Schülerinnen meisterhaft beim Verändern der Bilder geholfen hat. Allerdings ist dann in der Reitstunde auch nichts anderes passiert, denn die Veränderung des Bildes hat alle Kapazitäten beansprucht. Auch mir hat sie damals geholfen, als ich mit Finlay zum ersten Mal auf Kurs war. Hier die Kurzversion, weil ich die Geschichte so gern mag:
Finlay war gerade angeritten, ich konnte ihn im Schritt lenken. Wir waren auf unserem ersten Kurs und der fand in einer Halle statt, wo auf der anderen Seite ein Offenstall war. Man konnte nichts sehen, aber alles hören und so manch überraschendes Geräusch kam plötzlich von hinter der Wand. Ich hatte Sorge, dass Finlay sich erschrecken und loshüpfen könnte und teilte meine Sorge mit Amanda. Die fragte mich, wie ich das wahrnehme, diese Angst und ich sagte „fühlt sich an als hätte ich Würmer in meinem Magen“.
Nachdem wir eine Weile gesprochen hatten, kam uns die Lösung: Es sind gar keine Würmer, die ich da in meinem Magen fühle, sondern Raupen! Und aus Raupen werden bekanntlich wunderschöne Schmetterlinge und Schmetterlinge im Bauch ist eins der schönsten Gefühle die es gibt, oder? Und so veränderte sich meine Angst im Nu in Freude. Danke, Amanda, bis heute hilft mir dieses Bild in manchen Situationen.
Nun war es aber so, dass die Situation tatsächlich sehr ungefährlich war. Finlay war ja gar nicht der Typ für wilde Hüpfer und er war sehr entspannt auf diesem Kurs. Es war NUR mein Kopf der ein Problem hatte, mein Pony hatte keins.
Mit Duncan im Gelände ist das etwas anders (gewesen). Hier ist (hoffentlich war!) das Problem in meinem Kopf: wenn wir jetzt galoppieren und der kommt ins Rennen (aus Angst oder Spaß ist egal) dann hält der nicht mehr an. Der rennt bis zur nächsten Straße (die ja leider meistens nicht weit ist) und wir landen vor einem Auto. Dieses Bild in meinem Kopf war da und wollte einfach nicht weg gehen.
Daher bin ich mit Duncan sehr vorsichtig mit Gelände-Galopp. Ich checke ständig die Bremse und lasse nicht zu, dass er das Tempo selbständig erhöht. Und wenn er aus dem Trab ungefragt angaloppiert, pariere ich ihn durch. Das dauert lang, denn wenn er einmal im Galopp ist, braucht er einige Sprünge, bis er wieder in den Trab gefunden hat. Und dieses Gefühl ist es, was meine Angst immer wieder aufflammen lässt: ein Pony, dass aus einem langsamen Galopp 10 Sprünge zum durchparieren braucht, wie lange braucht das aus einem Renngalopp? Viel zu lang jedenfalls.
Am Sonntag plötzlich änderte sich das: Duncan konnte einen halben oder ganzen oder zwei Galoppsprünge machen und sofort durchparieren. Anscheinend hat seine Balance sich verbessert, so dass er nicht mehr so sehr seinem Schwerpunkt hinterherrennt. Und in meinem Kopf ändern sich die Bilder. Einfach so. Plötzlich kann ich, selbst wenn ich es versuche, die Angst nicht mehr abrufen. Weil ich fühle, dass die Gefahr im Moment einfach nicht besteht.
Das erinnert mich daran, immer zu überprüfen, wo Bilder in Reiterköpfen her kommen: haben sie eine reale Ursache? Dann arbeite ich nicht so gern an den Bildern, sondern lieber an der Ursache (also an der Ausbildung von Pferd und Reiter). Denn manchmal sind es nur Bilder im Kopf, aber eben nicht immer. Manche Bilder sind Warnschilder, die wir nicht ignorieren sollten. Sie weisen uns die Richtung, in die die gemeinsame Ausbildung weiter gehen darf, so dass die angsterfüllten Bilder eines Tages verschwinden.