Der Geduldsfaden

Katja Hunold (Reiten ist orange) schrieb neulich auf Facebook über eines ihrer Berittpferde. Eine Bekannte der Besitzerin des Pferdes sagte – als sie vom derzeitigen Ausbildungsstand des Pferdes hörte:

„Soviel Geduld hätte ich ja nicht!“ Katja Hunold schreibt dann weiter:

Das höre ich oft, und frage mich dann immer, wo hier denn Geduld erforderlich ist….

Geduld klingt nach mühseliger Arbeit oder frustrierendem Warten auf ein bestimmtes Ereignis oder Ziel, das dann Spaß oder Befriedigung vermittelt. Aber was könnte das für ein Ziel sein?

Die erste L-Dressur gewinnen? Das erste Mal einen Parcours springen? Oder was? Ab wann macht denn die Arbeit mit dem Pferd Spaß?

Smokey, seine Besitzerin und ich haben überhaupt keine Geduld. Wir fangen einfach sofort an, Spaß zu haben, und das bleibt hoffentlich das Pferdeleben lang so!

Unter dem Post gab es dann ein paar Kommentare, einer davon kam von Christian Stahn, den ich auf Elsa-Kursen getroffen habe:

„Soviel Geduld hätte ich ja nicht!“ – wie oft ich das von anderen über mich gehört habe

Dabei gilt für mich, wenn ich das Training in z.B. 12 Teilschritte pro Minute zerlege, so muss ich nur 5 Sekunden Geduld aufbringen. Und das 12 Mal in Folge.

Wenn ich hingegen nur 1 Trainingsschritt festgelegt hätte, so hätte ich 60 Sekunden lang Geduld aufbringen müssen. Mach ich aber nicht

Ich glaube, es ist diese Art von Denke, die diese beiden Ausbilder an den Tag legen, die den großen Unterschied macht. Nur: wie lernt man das? Ich jedenfalls habe das garantiert nicht in der Schule gelernt. In der Schule – wo man ja angeblich hingeht um das Lernen zu lernen – wurde uns niemals erklärt, welche Lernmethoden es gibt. Ein einziger Lehrer hat ein einziges mal erklärt, welche Methode er zum Vokablen lernen empfiehlt (EINE Methode). Ansonsten wurde erwartet, dass wir es irgendwie hinkriegen, den Stoff zu lernen und ich erinnere mich gut an einige Mitschüler, die daran verzweifelt sind. Heute denke ich: Hilfe wäre möglich gewesen! Jahre später habe ich die Show von Michael Bully Herbig gesehen, der Schauspieler für seinen „Wickie“-Film ausgewählt hat. Dort kam unter anderem eine Szene vor, in der die (angehenden) Schauspieler beim Textlernen unterstützt wurden. Es wurde geraten, während des Lernens durch den Raum zu gehen und zwar auch seitwärts, rückwärts oder sonstwie kurios in Bewegung. In der Schule und auch beim Hausaufgaben machen wurde aber immer stillsitzen verlangt! So kann ich heute sagen: in der (durchschnittlichen) Schule lernt man so einiges, aber bestimmt nicht das lernen.

Was hat das jetzt mit dem Geduldsfaden zu tun, fragt Ihr Euch? Das kann ich Euch sagen: da wir in der Schule nicht gelernt haben zu lernen, haben wir von Anfang an eingetrichtert bekommen, dass nur das Ergebnis zählt. Glücklich sein kann man erst, wenn man die gute Note im Zeugnis sieht. Vorher ist alles harte Arbeit und manchmal ist es kaum zu schaffen. Es ist schwierig, mühsam, kompliziert und bringt einen zur Verzweiflung. Manchen fällt es leicht und manchen fällt es schwer, da kann man (angeblich) nix machen. Aber für alle gilt: der Weg ist sch…. nur das Ziel ist erstrebenswert.

Und wenn man einem jungen Menschen das oft genug sagt, wird er das glauben. Das Gehirn wird glauben, dass Lernen bedeutet, Dinge stumpf zu wiederholen, bis man sie sich mit Glück einigermaßen merken kann (wenn auch maximal bis zur nächsten Klassenarbeit, danach muss Platz gemacht werden für neue Informationen). Das Gehirn wird glauben, dass der Spaß erst nach der Arbeit kommt (ich glaube in meiner Generation gab es kein Kind das nicht erst die Hausaufgaben machen sollte, bevor es spielen geht. Ich zweifle auch hier die Sinnhaftigkeit stark an….).

Und weil unser Gehirn all diese Dinge glaubt, tun wir uns so schwer damit, den Prozess des Lernens an sich schön zu finden.

Aber hier kommt die gute Nachricht: so ein Gehirn kann ein Leben lang lernen. Und das heißt, wir können auch nach der Schulzeit noch lernen, dass es anders besser geht. Und hier hilft uns das Zusammensein mit Pferden und einem guten Ausbilder, denn ein guter Pferdeausbilder wird uns darauf hinweisen, was schon alles klappt, uns helfen, Lernschritte zu zerlegen und kleiner zu machen bis wir Erfolge sehen, uns ermuntern, unser Pferd zu loben (was auch in uns ein Belohungsgefühl auslöst), er wird uns selbst loben und er wird uns auffordern, aufzuhören wenn es am schönsten ist, anstatt sinnlos zu wiederholen. Ein guter Ausbilder wird kreative Wege finden, um Dinge zu üben, am besten in vielen Varianten, denn dann bleibt es spannend und interessant.

Und wenn wir uns mit all diesen Dingen lang genug beschäftigen, wird unser Hirn lernen, dass Lernen Spaß machen kann, wenn man es richtig anstellt. Und das dann, wenn Lernen keinen Spaß macht, entweder das Thema für uns so gar nicht interessant ist oder der Lernstoff nicht gut präsentiert wurde (gut für unser individuelles Gehirn).

Und wenn unser Gehirn das gelernt hat, wird unser Geduldsfaden immer länger und länger, weil wir die Freude im Prozess finden und nicht am Ende. Und ich würde mir so sehr wünschen, dass solche Dinge endlich in der Schule gelehrt werden, denn es würde unser aller Leben so viel leichter machen….

Aber noch ein anderer Gedanke kommt mir dazu. Seit ich selbst Menschen und Pferde unterrichte, bemerke ich Veränderungen bei mir. Früher war mein Ziel, Mensch und Pferd etwas beizubringen. Und ganz ehrlich: das bedeutet, dass ich mir gewünscht habe, dass die beiden sich so verhalten, wie ich es mir vorstelle. Wenn dieser Effekt eingetreten ist, habe ich mich gut gefühlt. Heute ist das anders geworden. Heute bedeutet Unterrichten für mich viel mehr, dass ich Raum zum Wachsen schaffe. Ob Reiter und Pferd aber ihre Chance nutzen und wachsen, das kann ich nicht „machen“. Ich kann unterstützen, kann Tipps geben, kann eine gute Umgebung dafür schaffen. Wie bei einer Pflanze, bei der es auch gar nichts nützt, daran zu ziehen, damit sie wächst. Man kann sie düngen, an den richtigen Standort pflanzen und gießen, Schädlinge von ihr fern halten und so weiter. Aber wachsen muss sie schon selbst und das kann ich von außen nicht steuern. Und ich denke: vielleicht ist es das, was Leute mit Geduld meinen. Die Geduld, auszuhalten, dass ich den Prozess nicht beschleunigen kann. Egal wie gut ich als Ausbilderin bin: ein Pferd und ein Mensch brauchen eine gewisse Zeit um zu lernen und sich zu entwickeln und das kann ich nicht ändern. Selbst auf der rein körperlichen Ebene ist das so: ich kann einen Muskel trainieren, aber wachsen wird er erst in der Ruhephase. Und wenn ich ungeduldig bin und zu viel trainiere, wird der Muskel nicht wachsen.

Wenn ich beim Reitunterricht in der Mitte stehe und schweigend beobachte, wie Pferd und Reiterin ihre Bahnen ziehen, weil ich beiden Zeit geben will, zu fühlen, dann fühle ich manchmal schon meinen Geduldsfaden ein bisschen ziehen. Aber ich weiß auch ganz sicher: Es lohnt sich, diesen Faden immer weiter zu knüpfen. Denn je länger er ist, desto mehr Spaß können alle Beteiligten haben UND desto besser werden dann die Ergebnisse.

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