Freizeit

Eine Woche haben wir bei meinen Eltern verbracht. Ohne Ponys. Ich weiß immer gar nicht, wie ich das überstehe, aber ich überstehe es.

Als wir gestern nach hause kamen, tauchte Duncan wenige Sekunden nach unserer Ankunft am Stalltor auf. Er ist ja kein Pony der großen Gefühlsausbrüche, da wird nicht wild gewiehert oder gebrummelt. Aber ich hatte das Gefühl, dass er mich gezielt begrüßt. Ich ging zu ihm und er streckte mir ganz sachte seine Nase entgegen – nicht auf der Suche nach einem Keks, sondern als Begrüßungsgeste, die ich mit einer zarten Berührung erwiederte. Einen Moment waren wir zusammen still bevor ich meine Hand wieder weg nahm, dann wiederholte Duncan die Geste und ich entsprechend auch. Ich bin dann weg gegangen, um den Moment so stehen zu lassen und es nicht zu überspannen.

In Filmen – und vielleicht auch auf social media – wird uns gezeigt, wie spektakulär Begrüßungen aussehen können. Wenn das Pferd im Galopp vom Gras zur Besitzerin läuft (etwas, was meinen Ponys niemals einfallen würde), dann sieht das aus wie die große Liebe. Und natürlich möchte ich nicht absprechen, dass es möglicherweise die große Liebe IST. Aber vielleicht ist diese Liebe eben nicht größer als die, die in Duncans stiller Begrüßung lag.

Duncan geht es hier gut, auch wenn ich nicht da bin. Er hat seine Herde, sein Futter, seinen Weidegang, seine kleine Freiheit des Paddocktrails. 23 Stunden seines Tages verlaufen genauso, ob ich da bin oder nicht. Nur, dass ihm jemand anders sein Essen serviert. Aber in letzter Zeit habe ich eine interessante Beobachtung gemacht:

Immer dann, wenn wir einen Ausflug unternommen haben, ganz besonders dann, wenn es Montags flott mit dem Ausreitkumpel los ging, begrüßt Duncan mich am nächsten Tag viel fröhlicher und enthusiastischer als sonst. Häufig brummelt er mich dann sogar an, was er sonst nie tut. Selbst wenn er – anhand des mitgebrachten Equipments und des Ablaufs – schon weiß, dass wir auf den Reitplatz gehen, kommt er hoch motiviert zu mir und wirkt enorm fröhlich. Ausflüge und Abenteuer sind sein Lebenselixier und wirken offenbar noch tagelang in ihm nach. Nun war ich eine Woche lang nicht da – keine Unternehmung, kein Ausritt, kein Erlebnis.

Je länger ich Duncan habe, desto mehr sporne ich auch meine Reitschülerinnen an, etwas mit ihren Pferden zu MACHEN. Ich sehe die Welt der Freizeitpferde zunehmend mit anderen Augen. Das fing an mit dem Training für den Distanzritt mit Finlay, als mir plötzlich klar wurde, dass unsere „große Runde“ mit 6km eine absolute Lächerlichkeit für ein gesundes Pferd ist. Und jetzt, mit Duncan, nimmt das noch ganz andere Dimensionen an. Ein Freizeitpferd – so scheint es mir – ist oft ein Pferd mit zu viel Freizeit. So schön so ein Stall auch sein mag, so groß Weide, Paddock und die Herde auch ist, für ein gesundes Pferd wird es eben doch schnell langweilig.

Mein alter Warmblüter hat das etwas anders gesehen, der wollte gern seine Ruhe haben. Aber heute bin ich überzeugt, dass das dem geschuldet war, dass Menschen ihm in seinem Leben so wenig Gutes getan hatten. Ich würde ihm gern heute noch einmal neu begegnen, mit all dem, was ich jetzt weiß und kann. Und dann schauen, worauf er eigentlich Lust hatte. In seinem tiefsten Inneren. Ich glaube, im Herzen war er Springpferd, es gibt ein paar Indizien dafür. Aber er war traumatisiert, unverstanden und nachher körperlich gehandicapt und ich war zu unerfahren und wusste zu wenig, um ihm helfen zu können. So war er nachher ganz zufrieden, hier mit seiner Herde im Paddock zu leben und alt zu werden. Heute denke ich: ich hätte sein Leben bereichern können, wenn ich nur gewusst hätte, wie!

Finlay und Merlin hatten jeweils ihre eigenen Wünsche, wie ich ihr Leben bereichern konnte. Und obwohl Merlins Bereicherung mittlerweile in 3-5 Eimern „Seniorenbrei“ täglich besteht, geht er auch mit Freude nochmal kurz auf die Wippe, wenn es sich ergibt. Und auch Diego freut sich, wenn wir ihn holen um etwas zu unternehmen. Er kommt nicht wiehernd angelaufen, oft braucht er einen Moment, bis er sich entscheidet, zu kommen. Aber wenn ein paar Tage lange niemand von uns Zeit hatte für ihn, drängelt er sich ein bisschen vor und möchte, wenn ich Duncan hole, lieber selbst dran sein. Wenn die Motivation einem Pferd nicht so deutlich ins Gesicht geschrieben steht, sind Menschen oft verunsichert. Aber wir Menschen haben auch nicht immer ein strahlendes Lächeln auf den Lippen, wenn wir zum Sport gehen. Das ist oft nervig, anstrengend und man muss erst mal in Gang kommen. Trotzdem kann es nachher Spaß machen und es tut uns körperlich und seelisch gut – wenn es denn der für uns passende Sport ist. Und was das ist, ist für jeden individuell.

Beim Ausreiten selbst fühlt Duncan sich für mich genauso an, wie beim Reiten auf dem Platz. Aber danach, einen Tag später, bekomme ich eine klare Rückmeldung darüber, was seine Lieblingsbeschäftigung ist, wenn er mit leuchtenden Augen vor mir steht und mir vermittelt, wie toll doch unser Ausflug gestern war und wie zufrieden er damit ist.

Und jetzt, wo ich eine Woche nicht da war, lag in seiner Begrüßung auch eine Art Hoffnung: die Annahme, dass jetzt Schluss ist mit zu viel Freizeit (also Langeweile) und dass es wieder los geht mit der einen oder anderen Extra-Beschäftigung. Dass wir wieder Zeit zusammen verbringen können. Vorzugsweise natürlich draußen, im Galopp….

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