Ui, was für ein Sonntagsausflug! Mein Mädchen war ja der Meinung, ich hätte wohl von Kraft geträumt und würde mich ein bisschen überschätzen und da sei es Zeit, dass ich mal so richtig müde werde. Und zwar nicht durch wildes Galoppieren (das wäre ja mein persönlicher Favorit gewesen), sondern durch ausgiebiges Schritt-Gehen. Nun wisst ihr ja, für mich gilt: Hauptsache raus.
Aber vorher alles anziehen. Hufschuhe! Da hat mein Mädchen geflucht und mit meinen vorderen Schuhen gekämpft, weil die einfach nicht auf meine Hufe gehen wollten. Schließlich wurde es ihr zu bunt, sie hat die Raspelmaschine zur Hand genommen, meine Hufe wieder besser in Form gebracht und dann ging es. Sie sagt, es ist gut, dass ich diese Schuhe hab, die zwingen sie dazu, meine Hufe immer tiptop in Form zu halten. Meine Hufe wachsen nämlich sonst zu viel nach vorn und das ist nicht gut.
Nachdem das geregelt war und der ganze Rest angetüddelt war, hat mein Mädchen die Aufsteigehilfe geholt. Jaaaaa ok, sie hat gesagt, ich soll warten. Aber ich wollte halt los! Und wenn sie den Hocker holt, dann weiß ich doch: sie will aufsteigen! Warum soll ich ihr dann nicht entgegenkommen? Da hat sie gelacht und sich gefreut, weil ich so viel Lust hab, loszulegen.
Und wie! Los ging es Richtung Dorf. Ich munter vorneweg im flotten Schritt. An meinen schottischen Freunden mit den Hörnern vorbei – die waren noch am pennen – und dann den schmalen Weg mit den Weidenbäumen entlang. Ach guck, da ist jetzt auch ein Zaun und noch mehr schottische Freunde! Die waren aber weit weg und ich kenn die ja auch, die sind ok. Direkt am Dorfeingang kam dann der Gulli. DER Gulli den ich zwar schon lange kenne, aber letztes Mal trotzdem etwas gruselig fand, weil ich ja ganz allein vorne war und die ganze Verantwortung hatte! Dieses Mal hat mein Mädchen gesagt, wir haben Zeit und wir gucken so lange ich gucken muss, aber sie möchte, dass ich vorneweg da rüber gehe und ich schaffe das. Ach, Mädchen! Ich bin doch jetzt 5 Jahre alt und also erwachsen! Und ich konnte ganz ohne gucken über den Gulli marschieren. Zack! Mädchen stolz. Wir haben dann Kekse gegessen – nein: ICH habe Kekse gegessen bis Diego mich eingeholt hatte.
Dann durchs Dorf. Dort kam uns ein Auto entgegen mit ganz lauter Musik und mein Mädchen war schon wieder stolz, weil mich das einfach GAR NICHT gestört hat. So ging es weiter. Auch an der Baustelle vorbei, da hab ich mir kurz angeschaut, was da so an Materialien rum liegt, aber ich war ganz entspannt dabei.
Schließlich kamen wir zu unserer Trabstrecke und los ging es! Mein Mädchen meinte, ich sei wohl doch vernünftiger geworden, weil ich gar keinen Galopp angeboten habe. Haha! Ich musste mich doch nur erst warmtraben! Wir mussten noch kurz durchparieren um an einem Hund vorbei zu gehen, danach wieder los und da dachte ich: Galopp macht doch mehr Spaß! Aber ich hab dann doch eingesehen, dass Trab auch fein ist und es dann ja keinen Ärger von oben gibt – also Trab. Naaaaaaa gut.
Mein Mädchen hatte sich eine lange Tour vorgenommen und als Regel ausgegeben, dass ich sie 1 Stunde trage und sie dann 10 min zu Fuß geht und dann wieder 1 Stunde tragen usw. Alsbald war die erste Stunde um und das traf sich gut, wir haben dann nämlich erst mal eine schöne Graspause gemacht (für meinen Blutzucker!). Außerdem waren wir fast im nächsten Dorf angekommen. Dort ging sie also zu Fuß mit mir durch. Da war vielleicht was los! Es kamen ständig Leute, Autos, Pferdeanhänger, Fahrradfahrer. Ich war aber ganz entspannt unterwegs. Bin doch jetzt 5! Nur ein Hund, der komische Geräusche hinterm Zaun gemacht hat, konnte mich ganz leicht beunruhigen. Wenn der aber auch so schief singt!
Aus dem Dorf raus, Mädchen wieder rauf auf meinen Rücken und weiter ging es. Immer im Schritt. Das ist auf Dauer anstrengender als es sich anhört, vor allem weil Diego ja so flott unterwegs ist und irgendwie auch nie müde wird (wie macht er das?) und so war ich ganz froh, als wir dann wieder an eine Trabstrecke kamen, das lockert alles einmal auf.

Und so ging es weiter. Nach einer weiteren Stunde wieder eine Graspause, das hat wieder gut gepasst: Graspause am Dorfrand, zu Fuß durchs Dorf. Und dann Richtung nach hause. Puh, ich war einigermaßen durch. Mein Mädchen war sich nicht sicher, ob ich jetzt eigentlich kopf- oder körpermüde bin. Ich wusste das selbst gar nicht so genau, ich war nur müde. Aber mein Mädchen sagt, sie weiß genau, dass wir Schotten serienmäßig mit Reservetank ausgeliefert werden und ich soll den mal aufmachen. Ok, nach einer Weile hab ich ihn gefunden und dann ging es nochmal, so dass ich den Rest der Strecke dann doch noch gut geschafft habe. Diego hat sich nix anmerken lassen, aber manchmal konnten wir hören, dass er ein bisschen schlurft. Im Tempo hat er aber nicht nachgelassen.
Wir haben insgesamt einen neuen Rekord aufgestellt und waren 16km in gut 3 Stunden unterwegs! So eine weite Strecke bin ich noch nie an einem Stück gelaufen. Mein Mädchen sagt, jetzt werden mir wieder schöne Muskeln wachsen. Und wahrscheinlich träume ich dann wieder von Kraft und nächstes Mal müssen wir noch weiter gehen, bis ich müde bin.
Nach einer schönen Dusche und Pause mit Heu kam mein Mädchen wieder runter in den Stall und hat mich gerufen. Ich kam gleich angelaufen, was sie sehr gefreut hat, weil ich unsere Tour wohl nicht zu anstrengend fand. Ach Mädchen, ich weiß doch wie es ist: wenn ICH müde bin, dann bist DU doch auch müde und das heißt, heute machen wir gar nix anstrengendes mehr. Und ich hatte recht: keine Anstrengung. Stattdessen bekam ich eine schöne Massage! Der Mann hat meinem Mädchen gezeigt, wie sie meine Schultern etwas lockerer kriegen kann. Mein Job war, still zu stehen und zu zeigen, welche Stellen ich mag und welche nicht so. Aaaaaah ja da ist es gut! Das will sie jetzt regelmäßig machen, damit ich vornerum etwas lockerer werde. Bestimmt kann ich dann noch besser und schneller und länger laufen! Juhuuuu!


Ach das war ein schöner Sonntag. Ich fühle mich tatsächlich sehr ausgetobt, obwohl ich gar nicht galoppiert bin.
Euer wandernder Sir Duncan Dhu of Nakel
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