Harmonie

Um Harmonie herzustellen, braucht es zwei. Das klingt nach einer Binsenweisheit, oder? Ich hätte das auch vermutet, wenn es mir jemand so gesagt hätte. Aber so richtig klar war es mir eigentlich nicht. Ich bin ein ziemlich harmoniesüchtiger Mensch, ich hasse Streit. Das wurde mir in der Vergangenheit oft zum Verhängnis, weil ich ausgenutzt, manipuliert oder anderweitig schlecht behandelt wurde. Dann habe ich eingesehen, dass ich zwei Möglichkeiten habe: ich lerne, mit manchen Menschen zu „streiten“, also in irgendeiner Form für mich einzustehen, und gleichzeitig verbanne ich so viele dieser Menschen wie möglich aus meinem Leben. Leichtes Spiel für mich, da ich ja selbständig bin und es zum Glück wirklich genug nette Leute gibt, die meine Arbeit mögen und wertschätzen. Und im privaten Umfeld kann ich mir ja sorgfältig aussuchen, mit welchen Menschen ich mich umgebe.

Um Harmonie herzustellen, braucht es nämlich zwei, und wenn mein Gegenüber nicht daran interessiert ist, kann ich mich auf den Kopf stellen und mit den Füßen wackeln, das wird nichts ändern.

Da musste erst Elsa Sinclair kommen und mir einen völlig neuen Blick auf die Pferdewelt eröffnen, damit mir das in dieser Deutlichkeit vor Augen geführt wird und ich entdecke, wie ich echte Harmonie mit meinem Pony erreichen kann. Nicht die Art von „Harmonie“ die wir oft sehen, bei der in Wirklichkeit ein Partner (nämlich das Pferd) einfach das macht, was der andere sagt. Das ist keine echtes Einverständnis zweier Lebewesen, das ist Gehorsam, Erziehung, gute Ausbildung – nenne es wie Du willst. Es ist nichts schlechtes daran, aber es ist keine Harmonie, bei der der Gleichklang dadurch entsteht, dass jeder seinen eigenen Anteil hat und etwas dazu beiträgt, dass die Verbundenheit bestehen bleibt. Vergleichbar vielleicht so: wenn ich – als absolute Null im Tanzen – jetzt mit einem hervorragenden Tänzer tanzen würde, dann könnte der mich vielleicht so gut führen, dass ich mich eingermaßen durch einen Wiener Walzer stolpern könnte. Harmonie wäre da nicht, ich müsste einfach zusehen, dass ich mich möglichst gut anpasse und er müsste 100% der Verantwortung übernehmen für die Schrittfolge und die Bewegungen die wir machen. Wenn er genügend Geschick hat und den Tanz ganz einfach wählt, kommen wir mit Glück so durch, dass ich ihm nicht auf die Füße trete. Das ist oft das, was wir in der Pferdeausbildung tun: Erfahrene Ausbilder wählen eine Aufgabe so, dass das Pferd sie einigermaßen erfüllen kann, wenn man sie gut durch führt. Wenn man dann aber versucht, einen Laien das selbe tun zu lassen, wird es nicht klappen, weil Pferd und Reiter dann nicht wissen, wie es geht.

Wenn wir aber unser Pferd mitnehmen in den Prozess, wenn wir üben, wie wir gemeinsam (!) Übereinstimmung herstellen können, wie jeder sich ein bisschen an den anderen anpasst, dann kann echte Harmonie entstehen. Und die fühlt sich vor allem fürs Pferd ungleich besser an, als das reine „geführt werden“. Das heißt, wenn das Pferd dieses Gefühl immer wieder mit uns findet, wird es anfangen, danach zu suchen und besser mit uns zu kommunizieren. Es wird auf eine für uns verständliche Art und Weise ankündigen, was es gleich zu tun gedenkt, was uns wiederum die Möglichkeit gibt, der Bewegung zu folgen. Umgekehrt können wir dann unsere Bewegungen so ankündigen, dass das Pferd wirklich die Möglichkeit hat, sich MIT uns zu bewegen anstatt immer leicht hinterher zu hängen.

Wer passt sich wem an?

Als einfachste Methode das zu üben empfinde ich den Gleichschritt. Dort können wir Menschen uns zur Not zu 100% ans Pferd anpassen. Und dann passiert die Magie: das Pferd fängt an, sich auch an uns anzupassen. Und beide gemeinsam finden heraus, wie es am besten funktioniert.

Das setzt natürlich voraus, dass das Pferd grundsätzlich an Harmonie interessiert ist! Manchmal ist es das nicht. Weil es zum Beispiel gerade erst erwachsen wird. Ich weiß genau, wann Duncan wieder einen Pubertätsschub hat, weil er dann sowohl in der Herde als auch bei mir nicht freundliche Gemeinschaft sucht, sondern Grenzen .

Aber auch wenn ein Pferd gar nicht weiß, dass Harmonie mit Menschen möglich ist und wie sie funktionieren kann, wird es nicht danach suchen. Ein Pferd kann das wohl nur wissen, wenn es das erst mal von anderen Pferden gelernt hat. In einem vernünftigen Herdenverband passiert das von allein. Aber auf Jungpferdekoppeln habe ich da ehrlich gesagt so meine Zweifel, denn die jungen suchen oft nach Grenzen und eher selten nach friedlicher Übereinstimmung. Wenn niemand da ist, der ihnen die Harmonie anbietet, wissen sie vielleicht nie, dass es dieses gute Gefühl überhaupt gibt. Und wenn so ein unnatürlich aufgewachsenes Tier danach noch von einem Pensionstall in den anderen umzieht (leider traurige Realität), dann wird es auch keine stabile Herde vorfinden, in der es nachträglich lernen kann, wie schön dieses gegenseitige Anpassen ist.

Hat das Pferd auf normalem Wege von den anderen Pferden gelernt, dass diese Art des Zusammenseins ein erstrebenswerter Zustand ist und wie man da gemeinsam hinein findet, dann muss es auch noch lernen, wie das mit dem Menschen geht. Denn Menschen sind keine Pferde, so viel steht fest. Menschen bewegen sich anders, haben keinen Schweif und keine beweglichen Ohren, sind viel zu langsam und so weiter. Außerdem sind Menschen nicht so lang wie Pferde. Und ich komme immer mehr zu dem Schluss, dass das eins der größeren Probleme in der natürlichen Kommunikation ist . Ich kann als Mensch entweder neben der Schulter oder neben der Kruppe oder neben dem Kopf meines Pferdes stehen, aber ich kann nicht – wie ein anderes Pferd das kann – meine Schulter an seiner Schulter ausrichten während unsere Hintern nebeneinander sind und unsere Köpfe auch. So bleibt eine Menge Raum vor und hinter mir übrig, den ich nur imaginär füllen kann. Darum ist es auch so schwierig für Pferde, geradeaus neben ihren Menschen her zu gehen ohne zu schwanken, zu drängeln, sich seitlich zu verschieben oder weg zu driften.

Das Pferd darf also lernen, wie es Harmonie mit dem Menschen herstellen kann und der Mensch darf lernen, wie er Harmonie mit dem Pferd herstellen kann. Beide müssen erst herausfinden, wie gut sich das anfühlt. Beide dürfen die Erfahrung machen, dass man manchmal nicht mehr sicher ist, wer die Bewegung initiiert hat. Diese Art von Übereinstimmung ist genauso fragil wie Gleichgewicht. An beidem zu arbeiten ist meditative Konzentrationsarbeit, sieht von außen oft komplett unspektakulär aus, bringt uns aber dem näher, wonach wir uns gerade im Zusammensein mit unseren Pferden so oft sehnen und wovon viele von uns von Kindesbeinen an träumen: echte Verbundenheit mit unserem Pferd.

Wer die nicht sucht und darauf keine Lust hat, braucht keinen Unterricht bei mir zu nehmen. Systeme, in denen das Pferd nur „dressiert“ wird, interessieren mich nicht mehr. Aber zum Glück bin ich damit ja nicht allein. Viele träumen von der tiefen Verbindung zum geliebten Vierbeiner. Ein bisschen Gleichschritt gehen üben mag lächerlich wirken, kann uns unserem Ziel aber ein großes Stück näher bringen. Und in den letzten Wochen gab es mehrere Momente wo Duncan und ich plötzlich im Gleichschritt unterwegs waren, obwohl ich das gar nicht geplant hatte. Mein Highlight war, als ich Duncan vom Rundlauf abgeholt hatte und einfach losgerannt bin, er frei hinter mir her, dann setzte er zum Überholen an (dachte ich). Und plötzlich trabte er genau so neben mir wie ich lief, im perfekten Gleichschritt den ganzen Weg runter. Und das obwohl er mir jahrlang versichert hat, dass ich dafür einfach viel zu langsam bin! Momente wie dieser sind es, in denen ich ganz klar fühle: ich bin meinem Pony wichtig. Mit mir zusammen zu sein, bedeutet ihm etwas. Immer wenn ich ihn in der Herde mit einem seiner Kumpel im Gleichschritt sehe, denke ich „die beiden sind Freunde“. Und nach mehreren Erlebnissen dieser Art in den letzten Wochen denke ich, ich kann das auch über uns sagen: Wir sind Freunde.

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  1. Avatar von Vorgärtnerin
  2. Avatar von zuselfee

4 Comments

  1. das hast du schön geschrieben.
    Begegnungen der dritten Art.

    Ich wollte ja noch fragen … Fohlen allein mit Mit-Fohlen sind unnatürlich, aber Duncan ist ja sozusagen als Einzelkind aufgewachsen unter Älteren und Senioren.
    Eure kleine Herde bietet genug Abwechslung, aber ein natürlicher Herdenverband ist es ja auch nicht. Meinst du, ihm fehlt dadurch was?
    Und ab wann kann ein Fohlen als Einzelkind aufwachsen?
    (Gibt es eigentlich auch sowas wie Welpenschutz bei Pferden?)

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    1. „Natürlicher Herdenverband“ ist ein sehr weit gefasster Begriff. In der Natur gibt es alles von Einzelfohlen bis riesige Herden. Was Duncan vielleicht fehlt, ist ein jüngeres Pferd in der Gruppe, das würde dafür sorgen, dass er schneller erwachsen wird. So wird es natürlich immer irgendwie „der Kleine“ bleiben. Allerdings ist unsere Gruppe da besser geworden, er hat lange nicht so viel Narrenfreiheit wie Finlay sie hatte, der sich mit 8 Jahren noch wie ein Fohlen benehmen durfte. Ich bin überzeugt, dass unsere Oldies gelernt haben, dass man das nicht zulassen sollte. Außerdem ist Duncan von Natur aus erwachsener als viele junge Pferde die ich kenne. Wie beim Menschen halt auch: jeder ist anders. Und niemand kann sagen was gewesen wäre wenn. Was „Welpenschutz“ genau sein soll, weiß ich nicht. Junge Pferde haben – wie junge Hunde und junge Menschen – bis zu einem gewissen Alter eine Art Narrenfreiheit und müssen sich dann nach und nach an mehr Regeln halten. Da das aber nur für natürliche Familienverbände gilt und wir die hier nicht haben, hängt das davon ab in wie fern unsere älteren Pferde Duncan als „ihr Fohlen“ ansehen. Ich glaube ein Stück weit tun sie das, aber nicht komplett.

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      1. Danke.
        Mit Welpenschutz meinte ich die Zeit, während der ein Fohlen zwar nicht mehr gesäugt wird, aber noch bei der Mutter bleiben sollte. Wie lange ist das, weißt du das?
        Bei Hunden ist das zuletzt krass aufgefallen, als wegen lockdown und so alle nen Hund haben wollten. Da wurden viele Welpen, gerade aus den professionellen Vermehrerstationen in Osteuropa, zu früh der Mutter weggenommen, damit die schnell neue Welpen austragen konnten.

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      2. Meistens werden Fohlen nach 6 Monaten abgesetzt -also von der Mutter getrennt. (was ich zu früh finde, in der Natur werden sie nach ca einem Jahr abgesetzt wenn das neue Fohlen kommt).

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