Lernprozess

Völlig unabhängig voneinander haben zwei Schülerinnen mir in den letzten Wochen fast identisch formuliert gesagt „ich hab gelernt, dem Lernprozess zu vertrauen“. Und da kann ich nur sagen: ich auch.

Die eine Schülerin erklärte es einer anderen, die eine erste Stunde bei mir gehabt hatte, so: „Am Anfang klingt das immer voll kompliziert, wenn Lioba das erklärt, aber am Ende wird es dir doch klar und ist alles ganz logisch und einfach“. Ok, nun hätte ich ja lieber gehört, ich könnte alles so erklären, dass es von Anfang an einfach und logisch klingt. Aber vielleicht ist es besser, wenn es das nicht tut, denn wenn etwas allzu einfach ist, ist es vielleicht zu sehr vereinfacht…..

Viele Menschen lernen im Erwachsenenalter nicht mehr so oft neue Dinge. Als Reiter lernt man aber immer dazu (hoffentlich!) und das ist eins der Dinge, die die Beschäftigung mit der Reiterei oder grundsätzlich mit Pferden so interessant macht. Es gibt unendlich viel zu entdecken und auszuprobieren und selbst wenn man jemals mit einem Pferd alles können würde (kann man ja eh nicht), sind da ja noch all die anderen Pferde, die ganz anders sind.

Ich bin keine Lern-Expertin. Aber ich habe auf unzähligen Kursen (von denen ich bei die meisten nur Zuschauer war) herausgefunden, wie es für mich am besten funktioniert. Ich darf mir nicht allzu viele Notizen machen, sonst kann ich nicht gut genug zuhören. Wenn ich einfach zuhöre und hin schaue, bleiben Dinge hängen. Ich habe ein sehr auditives Gedächtnis und es ist für mich hilfreich, wenn der Reitlehrer Dinge oft auf die selbe Art sagt (auf Kursen passiert das ja meistens eh) und am allerbesten in einer etwas auffälligen Tonlage, auf Englisch oder mit einem Akzent, so dass es sich vom „Alltagsdeutsch“ abhebt. Da ich Menschen sowieso mehr an ihrer Stimme als an ihrem Aussehen erkenne, kann ich diese Sätze dann eins zu eins in meinem Kopf abrufen (und es macht mich völlig irre, wenn jemand anders diese Sätze dann anders sagt!).

Nach dem Hören kommt für mich dann das Fühlen. Mein Highlight diesbezüglich war mein letzter Kurs mit Merlin, an dem ich im Oktober 2019 teil genommen habe. Vielleicht war ich damals etwas schlechter im Lernen, weil kurz zuvor mein Finlay gestorben war, mag sein. Jedenfalls erarbeiteten wir eine neue Feinheit im Schulterherein. Erst im Mai 2020 kam dann plötzlich der Moment. Ich arbeitete mit Merlin auf dem Reitplatz, es machte „klick“ und ich wusste: DAS hat mein Reitlehrer im Oktober gemeint! Weil ich es plötzlich fühlen konnte. Der lustige Plot-Twist: Vor diesem magischen Moment war mir gar nicht klar gewesen, dass ich es noch nicht richtig gefühlt hatte!

Lernen geht unterschiedlich von Mensch zu Mensch. Wenn ich Schülerinnen habe, die sehr stark visuell lernen, bin ich herausgefordert. Denn dann darf ich auf einem Sinneskanal unterrichten, der bei mir völlig unterrepräsentiert ist. Auch das ist für mich dann ein Lernprozess und eine spannende Reise: welche Erklärung kommt bei dieser Schülerin am besten an? So wird auch Unterrichten niemals langweilig.

Um etwas bestimmtes lernen zu können, muss man aber wohl auch „bereit“ sein. Manches mal, wenn mir jemand etwas erklärt oder wenn ich etwas „plötzlich“ begreife, kann ich mich erinnern, wie mir das jemand schon mal vor vielen Jahren erklärt hat und ich es entweder abgelehnt habe oder einfach nicht verstehen konnte und verworfen habe. Es braucht ein gewisses Level an Vorwissen, um bestimmte Informationen überhaupt aufnehmen zu können und manchmal die Bereitschaft, einen liebgewonnen Glaubenssatz über Bord zu werfen.

Neulich sagte eine Schülerin „ich entdecke neue Dimensionen“ und sie beschrieb den Prozess so: da ist eine Stufe vor ihr, die ist sehr hoch und sie steht davor und denkt „oh, das ist aber hoch“. Wenn sie dann endlich mühsam da hoch gekrabbelt ist, dann geht es laaaaaaaange geradeaus und sie denkt „ich komm überhaupt nicht voran, nichts wird besser“. Bis die nächste Stufe kommt, die ihr dann wieder viel zu hoch erscheint um sie zu schaffen.

Duncan und ich können jetzt auf dem Reitplatz eine zivilisierte Rechtskurve reiten. Da staunt Ihr, was? Seit über einem Jahr reite ich meinen kleinen Ritter, wieso schaffen wir erst JETZT diese Kurve?

Naja, lenken konnte ich ihn vorher schon auch, nur schön war das nicht. Er hatte nicht verstanden, wie er seine Wirbelsäule mitnehmen kann in die Bewegung nach rechts und wohin er seine Beine am besten setzt um ganz geschmeidig um die Kurve zu kommen. Was im Alltag ohne Reiter völlig selbstverständlich ist, kann mit Reiter auf dem Rücken schnell zur Herausforderung werden! Zumal unsere Reitplatzkurven etwas sind, was Pferde normalerweise so gar nicht laufen. Es sind eben „Pony-Yoga“-Übungen!

Unser Lernweg zur Rechtskurve ging ungefähr so:

  • ich stelle fest: auf dem Reitplatz kommen wir nur schlecht rechts rum
  • ich denke: Übung macht den Meister und wenn ich ihn einfach immer wieder auffordere, rechts abzubieben, wird er schon dahinter kommen, wie das geht
  • es bessert sich aber nicht nennenswert
  • ich beschließe, die Platzarbeit ruhen zu lassen und ins Gelände zu gehen bis er größer und kräftiger ist und besser gelernt hat, seinen Körper mit mir oben drauf zu benutzen
  • im Gelände ist alles toll, aber gelegentliche Versuche zeigen: die Rechtskurven auf dem Reiplatz bleiben wie sie sind.
  • ich nehme gruseligen Unterricht, der mich nirgendwo hin bringt aber zum Nachdenken anregt
  • ich übe Seitengänge an der Hand und versuche, die Dinge dort zu verbessern, was auch gelingt, das Reitproblem aber nicht löst
  • ich nehme guten Unterricht, aber zunächst nur an der Hand
  • Duncan lahmt zum Zeitpunkt des Unterrichts also reite ich Diego
  • Diego zeigt mir mit Hilfe meines Reitlehrers eine neue Dimension von Fühlen und Balance
  • ich verstehe, dass ich das auf Duncan übertragen kann und bekomme es in Teilen hin
  • ich nehme Reitunterricht auf Duncan und es gelingt unter Anleitung ganz gut, lässt sich aber allein nicht richtig wiederholen
  • ich schaue beim Kurs zu (wo glücklicherweise jemand genau das selbe Problem hat wie ich!) und kann nochmal ganz in Ruhe von außen beobachten, wie das alles aussieht und höre die Theorie dahinter nochmal in Ruhe erklärt.
  • ich fahre nach hause und versuche, das mit Duncan nach zu reiten. Es hakt noch, aber ich ahne dass es besser wird. Manche Kurven gelingen, manche nicht.
  • nach 3 Tagen Wiederholung denke ich, Duncan wird keine Lust mehr haben. Aber Duncan zieht mich förmlich zum Reiplatz. Und ich lerne gleich noch etwas neues über mein Pony. Er macht das, was Finlay immer gemacht hat: mir zeigen, wenn er etwas verstanden hat!
  • Mit der Garrocha in der Hand biegt er plötzlich wunderbar rechts ab – Zufall? Einfluss der Gearrocha auf ihn oder mich? Oder klappt es wirklich?
  • Wir testen es am nächsten Tag ohne Garrocha und ich stelle fest: ja, wir können es jetzt wirklich!!
  • Wir sind beide stolz wie Oskar und freuen uns über unsere schönen Rechtskurven im Schritt genauso wie wir uns über einen fliegenden Wechsel freuen würden. Die Reiteinheit endet nach 5 min weil ich nicht riskieren will das etwas schlechter wird.
  • jetzt kommt die spannende Zeit: wird der Erfolg dauerhaft sein und können wir jetzt (fast) immer schön rechts abbiegen? Zumindest wissen wir jetzt beide wie es geht. Wenn wir es uns noch ein paar mal neu erarbeiten müssen, kennen wir den Weg und lassen uns nicht verunsichern.

Von den ersten Versuchen bis jetzt sind übrigens viele Monate ins Land gegangen…. Ihr denkt, das ist ein weiter Weg für eine einfache Rechtskurve? Oder seit Ihr schon länger dabei und wisst, dass das für Reiter mit einem gewissen Anspruch völlig normal ist?

Klar: hätte ich das gleich besser gewusst, wären wir schneller da hin gekommen. Andererseits: ich reite seit über 30 Jahren. Auch rechts rum – wirklich! Da muss erst ein kleiner Duncan kommen und mir erklären, wie schwer das sein kann, damit ich noch eine neue Dimension entdecke. Diese neue Dimension zu kennen und in der Lage sein sie zu fühlen wird wiederum allen anderen Pferden helfen, mit denen ich zu tun habe. Denn je besser ich selbst etwas fühle, desto besser kann ich es Pferd und Reiter vermitteln.

Dem Lernprozess zu vertrauen kann nervenzerfetzend sein. Es kann uns Geduld abverlangen – mit uns selbst oder dem Pferd. Und sicher werden wir das eine oder andere Mal zu lange vertrauen, dass der Weg den wir da beschreiten, schon zum Ziel führen wird – bis wir merken, dass wir doch wirklich auf der Stelle treten. Wie kann man nun unterscheiden, ob man auf der Stelle tritt oder nur auf einem langen Plateau unterwegs zur nächsten hohen Stufe ist? Ich weiß es auch nicht. Wenn ich mir unsicher bin, frage ich jemanden um Rat und das ist eigentlich auch der einzige Rat, den ich Euch geben kann.

Und weil ich da nun gerade so schön dabei bin mache ich heute kurz Werbung für mich selbst (obwohl ich das hasse). Ich gebe nämlich jetzt auch online-Unterricht. Wer also zu weit weg ist und mich nicht persönlich sehen kann, aber Bock auf Lernen hat, kann sich gern bei mir melden, am besten per Whatsapp an 0160-8462350 oder mail an lioba@orbis-alia.de dann besprechen wir alles weitere.

Trotz aller Hindernisse und Anstrengungen finde ich nämlich, eins steht wohl fest: Lernen macht Spaß. Mensch und Pferd und zu sehen wie stolz beide sind, wenn etwas plötzlich klappt, macht meinen Job zum schönsten Job der Welt. Ob es dabei um eine Rechtskurve im Schritt oder etwas spaktakuläreres geht, ist völlig egal.

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  1. Avatar von Vorgärtnerin

2 Comments

  1. Ist dir schon aufgefallen, dass sowohl in „der Weg den wir da beschreiten“ als auch in „ob man auf der Stelle tritt“ beides Fortbewegung zu Pferde drin steckt?

    Übrigens die Sache mit dem Plateau würd ich ohne externen Rat am Wind im Gesicht bemessen.
    Wenn ich das richtig verstanden habe, läuft kein Pferd wie der geölte Blitz, es ist immer mit Arbeit verbunden, und wenn’s Mit-Arbeit ist.
    Stillstand kann es da doch gar nicht geben, höchstens Rückentwicklung.

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