Hoffnung vs. Optimismus

Gestern habe ich einen Podcast darüber gehört, wie Hoffnung entsteht. Sehr interessant war das mal wieder, denn was ich z.B. nicht wusste: zwischen Hoffnung und Optimismus besteht ein entscheidender Unterschied. Optimismus ist die grundsätzliche Einstellung „wird schon gut gehen“, ohne dass man selbst unbedingt das Gefühl hat, etwas dazu tun zu müssen. Hoffnung entsteht nur, wenn „Will-Power“ und „Way-Power“ vorhanden sind. Soll heißen: Wenn ich den Willen habe, etwas zu tun und einen Weg sehe, wie ich etwas tun könnte. Dann kann Hoffnung entstehen, selbst wenn die Wahrscheinlichkeit, dass das wirklich funktioniert, gering ist.

Ich dachte natürlich sofort an meine Reitschülerinnen, die zu mir kommen, um von mir die „Way-Power“ zu bekommen. Klar, ich bin dazu da, Wege aufzuzeigen wie Dinge funktionieren können. Das ist meine Aufgabe. Aber die Will-Power, die kann ich nicht verkaufen. Manchmal sage ich im Unterricht „das üben kann ich dir nicht abnehmen“. Ich kann begleiten und helfen, unterstützen und motivieren. Aber üben und wiederholen muss jede für sich selbst.

Und das gleiche gilt fürs Pferd! Wenn ich meinem Pferd eine Aufgabe stelle, kann ich ihm dabei helfen, es richtig zu machen (meistens läuft das darauf hinaus, dass ich die Häppchen klein genug mache). Aber üben muss das Pferd dann schon auch noch dürfen. Und das ist etwas, was wir oft vergessen, scheint mir. Viele von uns sind mit dem Gedankenmuster aufgewachsen, dass wir dem Pferd nur sagen müssen, was es tun soll und dann tut es das auch. (Wehe, wenn nicht!). Viele haben auch ein Gefühl dafür, dass Pferde trainiert werden müssen im Sinne von Kraft und Ausdauer. Aber ich erlebe oft, dass in Menschenköpfen nicht präsent ist, wie viel Übung es erfordert, neue Bewegungmuster zu erlernen. Für uns selbst wissen wir das, aber fürs Pferd vergessen wir es schnell. Wenn ein Pferd das dann einmal richtig gemacht hat, dann erwarten wir, dass das ab jetzt immer klappt.

Und nicht nur der Körper muss Gelegenheit bekommen, Dinge zu üben. Auch der Geist oder vielleicht die Seele muss üben dürfen. Meine neue Leidenschaft ist, Dinge „kaputt machen“ und „reparieren“. Auf körperlicher Ebene haben Duncan und ich das in der Handarbeit geübt: nachdem die Balance im Schritt gut war, sind wir ein Stück getrabt. Danach war der Schritt wieder „kaputt“, die Balance verloren. Wir haben die Balance repariert und als es wieder gut war, haben wir sie mit einem kleinen Trab mutwillig wieder in Gefahr gebracht. So können wir jetzt auch nach einem Balanceverlust viel schneller wieder rein finden und das ist eine nützliche Fähigkeit! Ganz nebenbei ist natürlich auch der Trab besser geworden.

Auch beim Thema Entspannung übe ich gern mit den Pferden. Anstatt jeden Stress zu vermeiden übe ich: rein in den Stress, wieder raus aus dem Stress.

Das ist etwas, was in meinen Augen viel zu wenig Beachtung findet. Viel zu oft machen wir etwas mit unseren Pferden, was sie stressig finden und dann, wenn wir fertig sind, stellen wir das Pferd weg. Es bleibt mit seinem Stress allein. Der klingt dann (hoffentlich) auf natürlichem Wege wieder ab, aber der Mensch hat damit nichts zu tun. Das ist aber nicht das, was mein Pferd lernen soll! Ich möchte, dass mein Pony weiß: mit dem Menschen zusammen durch eine stressige Situation gehen und dann mit dem Menschen zusammen wieder entspannen. Und wenn ich das oft genug übe und bestimmte Handlungen mit dem Stressabbau verknüpfe, dann wird mein Pferd sehr viel schneller wieder runter kommen, wenn es sich mal aufgeregt hat. Denn Aufregung ist nicht immer zu vermeiden, so ist das im Leben nun mal.

Neulich war ich mit Duncan zum ersten Mal wieder auf dem Sommerreitplatz. Nachdem ich an Finlays Todestag nicht dazu in der Lage war, habe ich am Tag danach einfach Arnulf mit dort hin geschleppt, damit ich nicht allein bin. Alle Ponys verfolgten uns, weil sie hofften, es ginge auf die Weide. Duncan war verwirrt, blieb auf dem Weg mehrfach stehen, fing dann Streit mit Merlin an, sprang etwas am Strick herum. Dann gingen wir beide auf den Sommerreitplatz, die anderen Ponys durften ja nicht mit und waren entsprechend aufgeregt. Es waren also spannende 5 min am Anfang bis die Situation sich beruhigt hatte. Duncan kam im „Arbeitsmodus“ an und ich war zufrieden, so dass ich nach 8 min unsere Session für beendet erklärte. Ich brachte Duncan zurück auf den Rundlauf, die anderen Ponys waren derweil außer Sichtweite gegangen. Und als das Halfter runter und der letzte Keks verspeist ist, da zischt mein Pony im gestreckten Galopp zu seiner Herde.

Und das ist überhaupt nicht sinnvoll! Denn so wie er los gerast ist, war klar: er ist noch voll im Stress. Ja, er hat gut mitgearbeitet, aber er ist nicht so entspannt gewesen wie ich dachte und er hat jetzt das eigentliche Problem, nämlich dass er nicht allein da oben sein wollte, ohne mich gelöst (bzw lösen müssen). Ich war also der Stressauslöser ohne ihm dann zu helfen den Stress wieder abzubauen. Wenn das oft genug passiert, löst allein meine Anwesenheit beim Pferd schon einen Grundstress aus!

Beim nächsten Mal war alles sowieso schon viel ruhiger. Aber auch mein Plan war besser. Nach einer Viertelstunde konzentrierter Arbeit habe ich Duncan auf dem Sommerreitplatz los gemacht und etwas Freedom Based Training gemacht – sprich ich habe mit ihm „herumgestanden“ während er etwas grasen durfte. Dann halfterte ich ihn wieder auf und wir gingen in Ruhe gemeinsam wieder runter zum Stall.

Und so verstehe ich den Unterschied zwischen Optimimus und Hoffnung. Optimismus würde bedeuten: ich wiederhole die Arbeit auf dem Sommerreitplatz und gehe davon aus, dass es sich schon einspielen wird. Viel zu oft wird Pferdeausbildung so angegangen. Stattdessen habe ich mir den Weg der Hoffnung ausgesucht: ich tue aktiv etwas dafür, dass es besser wird. Ich kann nicht MACHEN, dass mein Pony sich entspannt und den Sommerreitplatz als „ok“ in sein Repertoire aufnimmt. Aber ich kann alles in meiner Macht stehende dafür tun, dass das passiert und dann habe ich die berechtigte Hoffnung, dass das klappt. Und wenn nicht, überlege ich mir noch ein, zwei neue Herangehensweisen.

Ich plädiere dafür, dass wir mehr mit Hoffnung (mit Will-Power und Way-Power auf Seiten des Menschen) in die Pferdeausbildung gehen als nur mit Optimismus (der fürs Pferd bedeutet „ich lass dich mit der Aufgabe allein, du wirst das schon regeln“).

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  1. Avatar von Vorgärtnerin
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3 Comments

  1. find ich schwierig, rein sprachlich.
    way = Weg, klar. Aber im Englischen ist „I will“ nicht das, was unser „ich will“ ist, sondern „ich werde“.
    Ist Will-Power dann nun die Willenskraft, grob übersetzt, oder die Werdens-/ Schaffenskraft?
    Da muss ich dich nicht auf den Unterschied hinweisen.
    (haha, rein sprachlich habe ich es mit dem Nicht-Satz also doch getan, verzeih)

    Und …
    … ehrlich gesagt begreif ich deine Version vom Freedom-based-Training nicht, wenn es für dein Pony heißt zu grasen, während du daneben stehst.
    Wenn DAS Freedom-based-Training ist, kann es jeder Mensch und jedes Pferd, solange genug Gras da ist.

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    1. Ja Willpower ist so zu übersetzen (https://dictionary.cambridge.org/de/worterbuch/englisch/willpower).
      Klar, jeder Mensch und jedes Pferd kann Freedom Based Training machen, auch ohne Gras. Die Aussage „ich stehe daneben“ ist extrem verkürzt. Der erste Schritt im FBT ist, dass ich dem Pferd zeige, dass ich gute Entscheidungen für meinen eigenen Körper treffe. Fürs Pferd ist es enorm bedeutsam, wann ich wo für wie lange stehe (so kommunizieren sie untereinander den lieben langen Tag). Die Kunst beim FBT besteht darin, dass ich als Mensch lerne, wie ich aus Pferdesicht gute Entscheidungen treffe. Vom Pferd verlange ich dabei erst mal eben gar nix, es kann machen was es will.

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  2. Hammer! Super!
    Vielen Dank für diese tollen Gedankengänge! Kann man ja auch sonstwo im Leben anwenden!
    Bitte weiter so! Viele Grüße!

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