„In der Schule soll man ja erstmal nur das Lernen lernen“ hat mein Vater mal zu mir gesagt. Scheint eins der Dinge zu sein, die man so sagt, obwohl sie nach meiner Beobachtung in den allermeisten Fällen einfach gar nicht wahr sind. Bzw. vielleicht sollte es so sein, vielleicht war es mal so geplant, aber es ist eben nicht Realität. Oder habt Ihr in der Schule das lernen gelernt? Ich nicht. Ich habe die Schule gehasst und wenn ich dort eins gelernt habe, dann, dass Lernen so NICHT klappen kann. Ein einziger – ich wiederhole: EIN EINZIGER – Lehrer hat mit uns EIN EINZIGES Mal über EIN EINZIGES Lernsystem für EINE EINZIGE SACHE (Vokabeln) gesprochen. Das war´s. Alle anderen hatten nicht einen guten Tipp, wie man Dinge lernen kann. Ich vermute, sie wussten es selbst nicht. Da nützt dann auch das beste humanistische Gymnasium nix.
Am allermeisten übers Lernen habe ich ganz woanders gelernt. Nämlich als ich als Jugendliche plötzlich die Idee hatte, das Jonglieren lernen zu wollen. Drei Bälle und ein Buch.
Drei Bälle in die Luft werfen ist kein Problem. Sie in der richtigen Reihenfolge an der richtigen Stelle wieder aufzufangen hingegen schon. Den entscheidenden Tipp bekam ich von einem anderen Mädchen: fang überm Tisch an. Denn am Anfang fallen die Bälle ständig runter und wenn man sie jedes Mal vom Boden aufheben muss, ist das unfassbar frustrierend.
Irgendwann gelang es dann mal, die Bälle eine Runde in der Luft zu halten. Aber so ein Erfolg ist nicht gleich wiederholbar. Etliche Fehlversuche liegen zwischen dem ersten und dem zweiten kleinen Erfolgserlebnis.
Heute wüsste ich: nach dem Erfolgserlebnis eine Pause machen wäre hilfreich gewesen. Dem Körper und dem Hirn Zeit geben, das abzuspeichern. Feiern. Durchatmen. Dann neu starten. Aber ich kam auch ohne dieses Wissen zum Ziel, einfach durch Wiederholung. Und bald wurden die Zeiten, die ich die Bälle in der Luft halten konnte, länger. Ich folgte zwei weiteren Tipps: Jonglieren in einer Telefonzelle habe ich zwar nie gemacht, aber direkt vor der Wand. So muss man die Bälle sauber nach oben werfen und nicht schräg nach vorn. Und wenn man selbst auf einem kleinen Hocker steht, wird das Aufheben gefallener Bälle schwieriger, das kann für Fortgeschrittene den Anreiz erhöhen, es länger durchhalten zu wollen, während man gleichzeitig nicht die Möglichkeit hat, einen Ausfallschritt zu machen.
Als ich es mit drei Bällen konnte, war mein Ehrgeiz erschöpft. Aber heute, 30 Jahre später, stelle ich bei seltenen Gelegenheiten fest: Jonglieren ist wie Fahrradfahren, das verlernt man anscheinend nicht. Ganz im Gegensatz zu all dem, was ich in der Schule gelernt habe – nichts davon ist auch nur ansatzweise hängen geblieben außer den paar Sachen die ich regelmäßig brauche.
Sicher ist jonglieren lernen nicht mit Vokabeln lernen vergleichbar, aber stellt euch nur mal vor, mir hätte damals jemand gesagt, ich könnte Vokabeln beim jonglieren lernen. Ich vermute, es hätte hervorragend funktioniert. Und stellt euch nur vor, was ich damals alles gelernt habe. Übers Anfangen, übers Durchhalten. Über das Vertrauen in den Lernprozess. Über kleine Tricks, die das Lernen erleichtern, den Frust minimieren, später die Technik verbessern. Noch heute zehre ich von dieser einen Erfahrung, wenn ich mit Reiterinnen z.B. das Aussitzen übe.
Ich wünsche mir sehr, dass SchülerInnen heute bessere Lerntipps bekommen. Aber ich fürchte, es gibt nur wenige Schulen und LehrerInnen, die es besser machen als meine damals. Und ich gestehe, dass es mir sehr schwerfällt, zu verzeihen, wie viel kostbare Lebenszeit mir gestohlen wurde in den vielen sinnlosen Jahren in denen ich genau das nicht gelernt habe, was ich angeblich hätte lernen sollen (und was durchaus interessant und lebenslang hilfreich gewesen wäre).
Ich hoffe, ich kann es ein kleines bisschen besser machen. Kann den Kindern, die mit Duncan Zeit verbringen, einen kleinen Einblick geben ins Lernen. Und wenn ich es schaffe, meine erwachsenen Reiterinnen gut zu unterstützen, können sie vielleicht auch ein bisschen erfahren, wie lernen sich anfühlen kann. Manchmal, wenn ich das leise Klimpern zu hören meine, das ein fallender Groschen auslöst, denke ich, ich habe es geschafft. Dann schleicht sich ein Grinsen auf das Gesicht der Reiterin und das steckt mich an. Und ich denke an drei Bälle und ein Buch und bin dankbar für diese Erfahrung.