Hirnmasse

Meine Reitschülerin zieht ihr Bein hoch, kippt mit dem Oberkörper nach hinten und versucht verzweifelt, eine Seitwärtsbewegung aus ihrem Pferd herauszupressen. Dabei verliert sie ihre Mitte total, weil sie sich durch das hochgezogene Bein so weit zur Seite schiebt, dass sie zum Ausgleich in der Hüfte einknicken muss. Ihre rechte Körperseite sieht jetzt für mich optisch nur noch halb so lang aus wie Minuten zuvor. Ich erkläre ihr, was da passiert und was sie besser machen kann. Ein paar Versuche später sagt sie frustriert „das ist so blöd, wenn man es anders machen will, aber es einfach nicht hinkriegt!“

Jepp, ich weiß. Da sind Datenautobahnen in ihrem Gehirn, viel gegangene Pfade, die das sparsame Hirn immer wieder gehen möchte, weil es so schön vertraut und einfach ist.

Unser Gehirn spielt uns Streiche – ständig. Auch beim Reiten.

Ich habe mal einen Podcast gehört in dem es eigentlich um Clickertraining ging. Dort hatten sie ein verblüffendes Beispiel für Lernen:

Man stelle sich einen bellenden Hund vor. Der Hund kläfft in einer Tour und geht einem gewaltig auf die Nerven. Schließlich reißt der Geduldsfaden und der Mensch brüllt den Hund an.

Jeder, der einigermaßen bei Verstand ist, weiß, dass das am Verhalten des Hundes nicht wirklich etwas ändern wird. Aber die meisten von uns tun es trotzdem. Warum? Weil der Hund nach dem menschlichen Brüller eben doch kurz still ist. Vielleicht nur eine Sekunde, vielleicht zwei Sekunden. Und unser Hirn speichert ab: Hund anbrüllen = Hund hört auf zu bellen.

Was zwei Sekunden später passiert, wenn der Kläffer wieder loslegt, ist unserem Gehirn schon egal. Die schwabbelige graue Masse hat eine Verknüpfung erschaffen, die fortan immer wieder abgerufen wird und sich in den meisten Fällen bestätigen wird: Hund anbrüllen = Hund hört auf zu bellen.

Wie lange der Hund still ist – egal. Ob der Hund wirklich nachhaltig gelernt hat, nicht mehr zu bellen – schnurz. Es war kurz still und das reicht unserem Hirn als Erfolg aus.

Gleiches passiert beim Reiten: ich drücke etwas fester, das Pferd geht einen Schritt zur Seite – Erfolgserlebnis. Dass das nicht nachhaltig ist und bald nicht mehr funktionieren wird – egal. Das Gehirn sagt von jetzt ab: fester drücken löst das Problem.

Und weil die graue Schwabbelmasse zwar extrem formbar, aber halt auch faul ist, macht es viel Arbeit, solche Verknüpfungen zu lösen und neue zu schaffen. Sehr viel Arbeit.

Und das gilt nicht nur für unser eigenes Oberstübchen, sondern auch für das von Pferden (und bellenden Hunden).

Vielleicht können wir ein bisschen mehr Gnade walten lassen mit uns selbst, aber auch mit unseren Pferden, die genauso gern wie wir an unsinnigen Gewohnheiten festhalten wollen, selbst wenn sie gar nicht (mehr) zum Erfolg führen.

Veränderungen brauchen Zeit, Wiederholung und Aufmerksamkeit. Gute Gewohnheiten erschaffen sich nicht von selbst und über Nacht. Aber wenn sie mal da sind, wenn die Datenautobahn im Hirn mal umgebaut ist, dann wird es leichter. Das ist die gute Nachricht. Umso wichtiger, dass wir uns stets und ständig auf das fokussieren, was gut ist und gelungen – bei uns und beim Pferd. Damit die Hirne merken, wo echte Erfolgserlebnisse stattfinden, auch wenn sie am Anfang noch so klein sein mögen.

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