Viele Reitschülerinnen beklagen sich, sie wüssten nie, was sie mal so machen könnten mit ihrem Pferd. Was könnte man denn mal üben? Inzwischen gibt es eine große Auswahl an Büchern und Internetseiten, wo man sich Anregungen für Übungen holen kann, allerlei mit Stangen und Hütchen, aber auch alles andere was das Herz begehren könnte. Aber während die einen keine Ideen haben, ist mein Kopf ständig voller Ideen was ich alles üben könnte. Überall sind noch Dinge, die ich gerne verbessern oder überhaupt mal anfangen und ausprobieren möchte. Die Welt ist voller kleinerer und größerer Herausforderungen für unsere Pferde und uns. Und selbst wenn es bis zur nächsten Chance auf einen Distanzritt noch viele Monate dauert, kann ich allein dafür schon eine Übungsliste schreiben, die sich gewaschen hat. Und da habe ich noch gar nicht angefangen mit den Dingen, die hier ungenutzt herumstehen, wie z.B meine schöne Garrocha, die ich seit Monaten nicht in der Hand hatte.
Ich glaube, es hapert oft an zwei Fähigkeiten, wenn Menschen sich mit ihren Pferden langweilen. Die eine ist, Aufgaben schwieriger zu machen. Ok, Du kannst Dein Pferd longieren. Kannst Du das auch, während Du selbst in der Mitte nicht stehst, sondern sitzt?
Die andere Fähigkeit ist das Gegenteil: die, Aufgaben leichter zu machen. Vorstufen zu finden, Dinge herunterzubrechen. Die Meister in dieser Disziplin sind immer dort zu finden, wo Menschen am wenigsten Druck auf ihre Pferde ausüben. Bei denen, die ausschließlich positiv verstärken (also clickern) und Elsa Sinclair (und vielleicht ähnlich trainierenden Menschen, die ich persönlich nicht kenne). Denn je weniger Druck man aufs Pferd ausübt, desto kleinschrittiger muss man arbeiten. Ich kenne niemanden, der Aufgaben so sehr ins Detail zerlegen kann wie Elsa. Dazu gehört dann aber auch zwangsläufig, dass man als Mensch lernen muss, winzige Details zu sehen. Am Anfang sieht man da nix. Weil das Gehirn das nicht kann. Ich erinnere mich an unseren ersten Distanzritt. Meine Freundin – immer vorneweg mit ihrem schnellen Pony, ich damals auf meinem sehr gemütlichen Finlay immer mit Abstand hinterher – war dafür zuständig, die Markierungen auf der Strecke zu finden. Anfangs war das ein Desaster. Wo sind die Marker bloß? Aber nach einer Weile sagte sie „ich fange an, sie zu sehen“. Ihr Gehirn hatte geübt und gelernt, die Markierungen schneller zu finden.
Mein Gehirn hingegen findet ein Jakobs-Kreuzkraut auf der Wiese wo Arnulf 3 mal vorbeimarschiert ist, so dass er inzwischen schon schwört, ich würde die da „reingucken“.
Und so stellt sich mir die bange Frage, ob Bücher und Internetseiten mit vorgegebenen Übungen nicht am Ziel vorbeigehen. Denn eigentlich müssten PferdebesitzerInnen ihr Gehirn dahin trainieren, Übungen selbst verändern zu können. Ja, am Anfang ist das mühsam aber ich habe gute Nachrichten: man kann über solche Fragen nicht nur beim Pferd nachdenken. Dafür eignen sich auch all die Leerlaufzeiten beim Autofahren, Putzen, Absammeln oder was sonst so ansteht. Und wenn man länger darüber nachdenkt, fällt einem dann bestimmt was ein, wie man eine bereits bestehende Übung wahlweise komplizierter oder einfacher machen kann. Und wenn man das öfter macht, wird man sein Gehirn alsbald dahin trainiert haben, immer mehr und immer lustigere Ideen auszuspucken. Ich lade alle dazu ein, das mal auszuprobieren.
Tipp an meine persönlichen Reitschülerinnen: wenn Du eine eigene Idee mitbringst, brauchst Du Dich nicht immer mit meinen bekloppten Aufgabenstellungen rumschlagen.