Lupe

Mein Pony ist schief. Klar, jedes Lebewesen ist schief. Aber Duncan ist gelegentlich so schrecklich schief, dass wir auf dem Reitplatz quasi nicht mehr geradeaus reiten können. Aber nicht immer, nur manchmal.

Ach, ich hör sie schon, die vielen guten Tipps, die gleich angeflogen kommen. Geraderichtendes Training nach Methode xy. Oder dieser, jene oder selle Therapeut. Und bestimmt muss ich selbst auch behandelt werden, denn ja, ich bin auch schief.  Stimmt ja sogar.

Arnulf hat mein Pony schon unzählige Male behandelt und mir Übungen gezeigt. Ich selbst habe einige Therapeuten verschlissen, die sich völlig erfolglos an mir ausgetobt haben. Jeder hatte eine andere Diagnose und Herangehensweise parat. Gemeinsam hatten sie eigentlich nur eins: sie haben mich Zeit und Geld gekostet.

Und da muss ich an etwas denken das ich selbst immer antworte, wenn ich nach „dem besten Mittel gegen Strahlfäule“ gefragt werde. Der Markt ist voll von solchen Mitteln und das sagt uns vor allem eins: es gibt kein Mittel, das in allen Fällen hilft. Sonst gäbe es ja längst nur noch dieses eine und alle anderen würden sich nicht mehr verkaufen.

Generationen von Reitmeistern aller Art und Sorte haben sich bereits an der Schiefe der Pferde abgearbeitet. Dann folgten Generationen an Therapeuten aller Couleur. Dass sich nicht längst eine Methode durchgesetzt hat, lässt mich stark vermuten, dass es eben individuell ist. So ein Pferd ist ein komplexes System, da kommen viele Faktoren zusammen und die auseinanderzudröseln ist wohl eigentlich unmöglich.

Ich wähle jetzt einen anderen Weg und kehre zurück zur Beobachtung. Ich schaue nochmal ganz genau hin: wann ist mein Pony schief? Gibt es zeitliche Zusammenhänge mit Wetter, Fütterung oder dem Training am Vortag? Wo und wann kann ich als allererstes die Schiefe wahrnehmen? Beim Ausritt am Sonntag hatte ich den Eindruck, er würde beim geradeaus laufen den Kopf stets ganz leicht nach links stellen. Eine neue Beobachtung, darauf hatte ich bisher nich geachtet. Als nächstes nehme ich mir vor, auch im Freedom Based Training darauf zu achten, ob er öfter nach links schaut als nach rechts. Aber vorsicht: seine gesamte Mähne hängt auf der linken Seite, da kann man sich auch schnell mal vertun. Oder nimmt er den Kopf nach links um mit dem linken Auge weiter nach hinten sehen zu können, an der Mähne vorbei?

Ebenfalls fiel mir beim Ausritt auf, dass ich auch hier nochmal mit den Rotationen spielen könnte. Wie bewegt sich sein Brustkorb unter mir ganz genau? Und was kann ich tun, damit es sich anders anfühlt? Ob dieses anders besser ist, muss sich  dann aber auch erst noch zeigen.

Jedenfalls fällt mir noch eine Sache auf: wenn ich ihn im Gelände mit der Hand am Hals streichle, um ihm zu sagen, dass er das gut macht und alles fein ist, dann mache ich das immer mit der rechten Hand. Somit gebe ich den rechten Zügel öfter vor als den linken. Das Problem dabei ist: ich kann ihn links nicht am Hals streicheln ohne mit Massen an Wallehaar in Kollision zu geraten. Ich werde also wohl wieder öfter einen Zopf flechten und mich dann darin üben, ihn mit der linken Hand zu streicheln. Außerdem kann ich dann vielleicht besser sehen, wie es mit seinem Genick und der Stellung wirklich ist.

Im Schritt trage ich die Zügel oft einhändig und zwar – ihr ahnt es vielleicht schon – in der linken Hand. Dadurch drehe ich mich im Sitz.

Das alles sind Dinge, die auf dem Reitplatz viel weniger problematisch sind, viel leichter zu korrigieren, aber vor allem sind die Zeiten viel kürzer. Aber im Gelände sind wir 1-3 Stunden unterwegs, da kommt was zusammen. Und hier kann ich nun ansetzen und sehen, was sich verändert.

Von Elsa Sinclair habe ich gelernt, WIE klein die Dinge sein können, die wir beobachten. Und wo sich Muster ergeben können, die wir vorher nicht mal geahnt haben. Es ist wie der Blick durch eine Lupe, ein Detail zur Zeit. Und dann das nächste kleine Detail und das nächste, bis das Gesamtbild sich verändert. Und ich hoffe auf das was Elsa sagt: wenn Du es dann gesehen hast, wirst Du es nicht mehr nicht sehen können.

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