Ich werde so oft gefragt „warum macht mein Pferd das?“. Regelmäßig schieben einige hinterher „bestimmt, weil ich was falsch mache“.
Selbst zwischen Menschen, die sich gut kennen, kommt es oft zu Missverständnissen. Und wenn dann unterschiedliche Kulturen im Spiel sind, passiert das noch schneller. Ich erinnere mich daran, wie wir meine Schwester vor vielen Jahren in Palästina besucht haben. Ihre Nachbarn luden uns alle zum Essen ein und meine Schwester erklärte: wenn der Teller leer gegessen ist, müssen wir SOFORT aufstehen und gehen! Das kam uns Deutschen sehr unhöflich vor, aber unsere Gastgeber wären aus Höflichkeit verpflichtet gewesen, so lange weiter Essen auf den Tisch zu bringen, bis wir gehen (was gerade bei ärmeren Menschen natürlich auch ein großes Problem werden kann). Wir verhielten uns also aus unserer Sicht unhöflich, damit unsere Gastgeber nicht ihrerseits unhöflich sein mussten.
Oft ist es bei Pferden ähnlich, nur dass dort meistens wir diejenigen sind, die von unseren Pferden verlangen, sich unhöflich zu verhalten. Zum Beispiel weil wir an fremden Pferden vorbeigehen, ohne dass eine Begrüßung stattfindet. Das ist aus Pferdesicht natürlich eigentlich gar nicht möglich! Aber unsere Pferde lernen trotzdem, dass es nun mal so ist. Sie lernen auch beim Ausreiten, eine Position zu akzeptieren, die sie zu dem anderen Pferd normalerweise vielleicht nie oder nicht so lange einnehmen würden. Neulich stand ich mit Duncan auf dem Hof, als eine Schülerin zum Unterricht kam. Da wir Duncan nicht brauchten, wollte ich ihn in den Stall zurückbringen. Halfter runter, Pony rufen. Duncan ging aber erst in Ruhe zu der Dame hin und sagte freundlich hallo, bevor er meinem Ruf folgte. Wie beschämend: mein Pony ist höflicher als ich! (Ok das ist gar nicht so schwer, aber trotzdem).
Auf der anderen Seite ist Duncan immer noch irritiert, dass er seine winzige Freundin nicht wirklich begrüßen darf, weil die seinen Kopf immer noch so furchterregend findet.
Kurz und gut: es lauern viele Möglichkeiten zur Fehlinterpretation auf unserem Weg, die Pferde zu verstehen. Und viele von unseren Interpretationen sind von vorneherein durch vergangene Erfahrungen geprägt. Duncan zum Beispiel bleibt oft einmal stehen bevor er in den Anhänger einsteigt. Der Grund: er äppelt nochmal. Wenn ich dann mal wieder denke, er müsste doch jetzt einsteigen, steigt er zwar artig ein, muss ja aber trotzdem äppeln, so dass ich dann gleich mal was aus dem Anhänger räumen darf. Mein Gehirn trägt immer noch alte Prägungen mit sich rum: der muss sofort einsteigen, sonst stimmt da doch was nicht. Ich arbeite daran, das loszuwerden und es ist erstaunlich schwer. An anderer Stelle habe ich schon Fortschritte gemacht: Halfter anziehen, Keks geben, losgehen. Aber auch dieses Losgehen passiert nicht immer sofort. Wenn Duncan vorher gedöst hat und noch einen Moment braucht, um sich auf Bewegung einzustellen, dann dauert es oft ein paar Sekunden, bevor die Hufe sich in Bewegung setzen. Ich habe mir also angewöhnt, nicht gleich loszugehen und am Strick zu ziehen, sondern nur ein paar Schritte zu machen, den Strick dabei durch die Hände gleiten zu lassen und erstmal zu schauen, was heute passiert. Es sind diese kleinen Momente, in denen ich Duncan zeigen kann, dass mir seine Stimmung und Meinung wichtig ist und ich nicht einfach nur will, dass er „funktioniert“, obwohl in letzter Konsequenz mein Plan über seinem steht. In den sozialen Medien sehen wir viele Videos, in denen Pferde ganz schnell das tun was gefragt wird – je schneller das Pferd reagiert, desto besser finden wir das. In meiner Herde sehe ich solches Verhalten seltener. Da wird oft ein bisschen gewartet, Kommunikation läuft in der Regel langsam und die Momente in denen sie schnell läuft sind eher die, die negativ aufgeladen sind, wenn es Streit gibt oder sich jemand erschreckt. Ist doch bei uns Menschen gar nicht anders: eine normale Alltagskommunikation ist nicht schnell und oft noch nicht mal besonders effektiv, sondern geprägt von sozialen Komponenten – Smalltalk, Ablenkungen, Momente der Stille. Kann auch mal alles nerven, wenn man eine Arbeit einfach erledigt kriegen will, ist aber normal.
Jetzt bin ich ganz vom Thema abgekommen und das ist ja auch normal. Was ich nur sagen wollte: schaut doch nochmal hin, bevor ihr Verhalten interpretiert. Und damit meine ich nicht so sehr, dass ihr das Pferd anschauen sollt. Schaut doch mal auf euch: warum denkt ihr denn, dass das Verhalten dieses oder jenes meinen würde? Da kann man Interessantes im eigenen Hirn entdecken….