Algorithmus

Instagram zu nutzen kann lustig sein, oder sehr nervig. Je nachdem….

Was immer gleich bleibt sind die Nutzer, die nicht verstanden haben, wie das Prinzip dahinter funktioniert. Das sind die, die unter Videos kommentieren, wie sch… sie das alles finden und warum ihnen dieser Mist ständig angezeigt wird, sie wollen das doch gar nicht sehen. Und immer darunter die unermüdlichen, die erklären wie das kommt: der Algorithmus funktioniert nun mal genau so. Er merkt sich, womit man interagiert hat und zeigt einem mehr davon. Wenn man das Video bis zum Ende anschaut, wenn man dann auch noch kommentiert – und das mit möglichst vielen Worten – dann schließt der Algorithmus daraus, dass er mit ähnlichen Beiträgen dafür sorgen kann, dass man noch mehr Zeit auf Instagram verbringt. So einfach ist das.

Und neulich fiel mir zum ersten Mal auf, dass Pferde auch so einen Algorithmus haben. Es geht nicht unbedingt darum, ob mir als Mensch ein Verhalten gefällt. Es geht oft nur darum, ob ich mit diesem Verhalten irgendwie interagiere. Und es wird noch verrückter: es geht noch nicht mal unbedingt darum, dass das Pferd sich mit meiner Reaktion wohler fühlt als vorher. Hauptsache es passiert was. Negative Aufmerksamkeit ist auch Aufmerksamkeit, sagt man. Und selbst wenn das Pferd sich nach der negativen Aufmerksamkeit schlechter fühlt als zuvor, gibt es doch irgendeinen Grund, das Verhalten zu wiederholen. Das geht nicht nur Pferden so, sondern auch uns Menschen. Das Problem dabei ist, dass es sich unserer Logik so sehr entzieht. Wir denken auf der logischen Ebene, wir könnten ein Verhalten abstellen, wenn wir es bestrafen. Kann man auch, aber dafür muss die Strafe oft sehr viel härter ausfallen, als wir Pferdefrauen uns das überhaupt vorstellen mögen. Mein E-Zaun braucht mindestens 2000Volt, besser 4000, um Duncan davon abzuhalten, hindurch zu marschieren und da ist mein Duncan noch absolut harmlos gegen andere Ponys. Und diese 2000 Volt halten ihn keineswegs davon ab, wieder und wieder das Risiko einzugehen, mit dem Zaun in Kontakt zu kommen. Das heißt ein Verhalten, dass mich nervt, könnte ich damit nicht wirklich abstellen. Und ich weiß nicht wie es euch geht, aber ich fasse keinen Zaun an, von dem ich weiß, dass da 2000 Volt drauf sind…. Also bestrafen, wirklich effektiv bestrafen, ist für die meisten von uns (zum Glück) keine Option (außer natürlich in absoluten Ausnahmefällen in denen Leben oder Gesundheit von Pferd und Mensch akut auf dem Spiel stehen).

Was tun wir nun also, wenn wir ein Verhalten nicht mehr wollen? Immer mal wieder werde ich gefragt, ob es helfen würde, dieses oder jenes Verhalten einfach zu ignorieren. Ja würde es bestimmt, das Problem ist nur, dass wir das in aller Regel gar nicht können. Es hat mich etwas Zeit gekostet, das zu verstehen, aber wirkliches, echtes ignorieren ist uns fast gar nicht möglich. Und da Pferde so fein unsere Körpersprache lesen, sehen sie unsere Reaktion eben doch. Und die meisten wissen auch, wie sie Verhalten dann so steigern können, dass wir es nicht mehr ignorieren. Im Freedom Based Training, im Clickertraining und auch wenn wir anderweitig im Paddock mit den Pferden beisammen sind, können wir sozusagen aktiv ignorieren indem wir einfach weggehen – und zwar komplett, also hinter den Zaun, unantastbar sein. Es kostet etwas Umdenken, kommentarlos wegzugehen, wenn man ein Verhalten nicht mag, aber es ist sehr wirksam. In jedem anderen Training wird das so nicht gut funktionieren – wenn ich mit Duncan auf dem Reitplatz bin und einfach weggehe, wird er sich dem Gras am Rand widmen und hat eine gute Zeit.

Es braucht also stattdessen mehr positive Aufmerksamkeit. Verhalten, das mir nicht gefällt, versuche ich möglichst nicht zu „korrigieren“, sondern mit einem Verhalten, das mir gefällt, zu überspielen und zu ersetzen. Wie bei Instagram, wo ich nicht sage „ich möchte das nicht sehen“, sondern einfach jene Beiträge mehr like, mehr anschaue und mehr kommentiere, von denen ich mehr sehen möchte. Zur Not nehme ich da auch harmloses Zeug, was mich gar nicht so brennend interessiert, Hauptsache ich seh nicht mehr den Mist, den ich gar nicht will. Salopp gesagt lieber das 238561094. Katzenvideo als frauenfeindlicher Müll. Zumal Instagram vom Katzenvideo vielleicht eher zu etwas findet, was mich wirklich interessiert. Aber ich wollte ja über Pferde schreiben.

Eine Übung, die nicht gelungen ist, kann man einfach wiederholen, in den meisten Fällen muss man da gar nicht viel kommentieren. Bei Wiederholung kommt irgendwann eine bessere Version der Übung und der kann man dann die volle Aufmerksamkeit geben.

Aber am wichtigsten finde ich, sich das „nein“, „lass das doch mal“ und ähnliches abzugewöhnen. Denn das nützt überhaupt nichts. Jedes Verhalten, das ein Pferd zeigt, ist eine Botschaft an uns. Die gilt es zu hören und zu verstehen. Wenn ich mich selbst höre, wie ich schimpfe, weiß ich, dass ich einen besseren Plan brauche. Denn das Problem ist: mein Pferd kennt wahrscheinlich keinen besseren Plan. Sonst würde es sich nämlich so verhalten, dass es positive Aufmerksamkeit bekommt anstatt negativer. So einfach ist das – und so schwer. Weil die meisten von uns anders aufgewachsen sind und anders erzogen wurden. Den meisten von uns wurde immer wieder weisgemacht, man würde durch Kritik am meisten lernen. Ich bin keine Hirnforscherin und keine Expertin auf dem Gebiet, aber aus Erfahrung mit Pferden und mit meinen besten Lehrerinnen kann ich sagen: stimmt halt nicht. Man lernt am besten durch Lob und es ist meine Aufgabe, das Pferd in Situationen zu bringen, in denen ich positive Aufmerksamkeit geben kann. Für den Algorithmus.

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