Vieles an dem, was Pferde tun, fasziniert mich. Eins erstaunt mich in letzter Zeit immer wieder ganz besonders:
Wir erwarten ständig, dass die Pferde ein von uns gewünschtes Energieniveau haben. Sie sollen ruhig und entspannt sein, während wir sie putzen und satteln, aber schon 20 Minuten später sollen sie munter vorwärts galoppieren. Sie sollen fröhlich voran marschieren während wir bequem im Sattel sitzen, aber wenn ein Kind oder Anfänger reitet, sollen sie langsam machen und lieber stehenbleiben anstatt zu viel vorwärts anzubieten. Im Anhänger sollen sie ruhig sein, egal was draußen passiert, aber kurz danach sollen sie einen Sprung anziehen und ohne zögern überwinden. Und das alles völlig unabhängig davon, wie sie ihren eigenen Tag hätten gestalten wollen, ob sie gut geschlafen haben, gerade lieber fressen oder verdauen würden oder ob es Streit in der Herde gab.
Es ist in meinen Augen höchst erstaunlich, dass das überhaupt klappt. Ein wichtiger Faktor dabei sind sogenannte Anker. Das Gehirn verknüpft Situationen mit bestimmten Stimmungen. Viele Menschen kennen zum Beispiel das Gefühl, dass sie müde werden, sobald sie sich aufs Sofa gesetzt haben. Egal wie viel Energie vorher noch da war, das Gehirn hat gelernt: Sofa= Entspannung. Umgekehrt kann man sich noch so müde zum Sport schleppen, an irgendeinem Punkt merkt das Gehirn: geht los! Und stellt doch nochmal etwas Energie zur Verfügung.
Mit einem meiner Kundenpferde, der teilweise so gestresst war, dass man ihn kaum noch zum Reitplatz führen konnte, habe ich einzige und allein daran gearbeitet, den Reitplatz als Ort der Entspannung wahrzunehmen. Als dann durch eine Eingliederung in der Herde viel Stress war, konnten wir mit ihm auf den Reitplatz gehen, wo er sofort entspannte und zur Ruhe kam.
Und langsam merke ich, dass auch Duncan das inzwischen so kann: Am Putzplatz angebunden stehen heißt dösen, es gibt nichts zu tun. Im Gelände Schritt reiten heißt ruhig unterwegs zu sein. Aber sobald es in den Trab geht, ist alle Energie da. Das ist manchmal irritierend für mich, denn er kann im Schritt fast schläfrig und desinteressiert wirken, besonders dann, wenn ich absteige und zu Fuß gehe. Also stelle ich mich auf eine ruhige Tour ein, aber sobald wir traben und der „Dieselmotor“ warmgelaufen ist, steht fast unbegrenzt Energie zur Verfügung – bis zur nächsten Schrittpause. Nur bei reinen Schrittausritten steigert er die Energie irgendwann – ich vermute, weil er es unverschämt findet, wenn wir nur Schritt reiten. Das macht in seinen Augen nämlich keinen Sinn.
Und wehe wir verankern Dinge aus Versehen falsch: Stoppelfeld = wilder Galopp. Oder Schritt = alle Körperspannung loslassen. Longe = ausbuckeln. Alles keine klugen Assoziationen.
Es gilt also, gut zu beobachten, was womit verknüpft wird.
Aber auch im Verlauf der Jahreszeiten erwarten wir oft, dass unser Pferd sich bitte an das anpassen soll, was WIR möchten. So wollen wir häufig die Sommersaison nutzen für größere Events, ob es nun Kurse, Distanz- oder Wanderritte, Turniere oder gemeinsame Urlaube sind.
Viele Pferde – ganz besonders die Nordtypen wie wir sie haben – halten aber eher sowas wie „Sommerschlaf“. Sie finden es oft zu warm und wollen eigentlich zwischen fressen und verdauen gar nicht sooo viel unternehmen. Wenn es aber wieder kalt und windig wird, dann haben sie endlos Energie. Mein Merlin war immer ab 5° abwärts am besten zu reiten, da wurde er richtig wach und hatte Lust. Und darüber, was Duncan sich so als Winterprogramm vorstellt, möchte ich lieber gar nicht nachdenken…
Wir können das oft nicht ändern. Aber wir können es mal wahrnehmen und anerkennen. Und dann so weit wie möglich verbessern. Vorhersehbar zu werden, kann schon viel helfen. Wenn unsere Pferde schon an der Ausrüstung oder unserer Stimmung ablesen können, wie viel Energie gleich gefragt ist, können sie sich leichter anpassen. Und wenn sie es nicht können, brauchen wir vielleicht mal Plan B und müssen uns an sie anpassen – so herum oder anders herum.