Seine Wahl, meine Wahl, unsere Wahl

Mein Pony hat selten die Wahl. Er lebt, wenn wir es ehrlich betrachten, bei mir in Gefangenschaft. Jeder Mensch, der sich ein Tier hält, sollte sich das mal eingestehen und sich überlegen, ob das ok ist, was er da tut.

Ich bin für mich persönlich (!) zu dem Schluss gekommen, dass das unter bestimmten Umständen ok ist und ich meinem Pony im Gegenzug eine Menge zu bieten habe (nämlich vor allem ein Luxus-Leben mit immer genug Futter und Wasser, tierärztlicher Versorgung und Heucob-„Rente“, die bedeutet, dass er deutlich länger Leben kann als die Zähne es zulassen würden).

Aber zu einem Leben in Gefangenschaft gehört auch immer Beschäftigung in irgendeiner Form. Unser Paddock mag schön sein, aber er ist viel zu langweilig, um sein Leben darin zu fristen. Und hier kommt die Wahlfreiheit ins Spiel. Traditionell sind die meisten von uns damit aufgewachsen, dass wir mit dem Pferd machen, was WIR wollen. Wir haben einen Plan, gehen damit zum Pferd und stülpen den Plan übers Pferd. In meiner Lebensrealität ist das auch oft nicht so einfach zu ändern. Bin ich zum ausreiten verabredet, dann steht da eine Uhrzeit im Kalender. Habe ich noch andere Termine und nur JETZT Zeit zum Reiten, dann steht für mich das Fitness-Training meines Ponys oft über seinem persönlichen Zeitplan. Duncan akzeptiert das in der Regel so und macht mit, was ich ansage. Wenn ich mit dem Halfter komme, bewegt er sich eigentlich immer auf mich zu.

Aber neulich sagte mein Pony plötzlich „nein“. Sieht mich mit dem Halfter kommen, schaut mich an, dreht sich um und geht weg. Da bin ich dann schon mal erschüttert und besorgt – und ich lasse ihn in Ruhe. Eine Stunde später kam er wieder ganz normal. Da er nach einer Stunde am Heunetz wieder ansprechbar war, denke ich, er hatte einfach Hunger. Ich hatte an diesem Tag die Möglichkeit, ihm die Wahl zu lassen und also habe ich sein Nein akzeptiert. Wenn sich meine Hunger-Theorie bestätigt, kann ich das nein in Zukunft leicht vermeiden indem ich dafür sorge, dass er vorher Heu hat.

An anderen Stellen ist es ganz leicht, mit seinem Nein umzugehen. Ich habe das für mich zum Beispiel beim abspritzen beschlossen. Wenn es medizinisch notwendig sein sollte (z.B. als er Fieber hatte und wir ihn kühlen sollten), dann wird er abgespritzt, egal ob er da gerade Lust drauf hat (Keksrate muss halt stimmen). Aber wenn es nur darum geht, ihm eine Erfrischung nach dem Sport zu gönnen, dann soll es ja etwas Angenehmes sein. Wenn er dann also einen Schritt zur Seite geht, dem Wasserstrahl ausweicht, dann höre ich auf. Und das kommt vor, wenn ihm dann anscheinend nicht heiß genug ist für eine kalte Dusche. Es ist ja nicht mein Körper, was weiß ich, wie er sich fühlt?  Oft möchte er auch nur Rumpf und Beine gekühlt haben, findet Hals aber blöd. Oder er findet es unter der Mähne blöd. Und dann sehe ich keinen Grund, meinen Plan durchzusetzen. Ich weiß, dass ich zur Not, wenn es wirklich wichtig ist, ihn dazu bewegen kann, mitzumachen. Das reicht, der Rest ist Wellness.

Auch beim Einsprühen hat Duncan ein Wörtchen mitzureden. Er ist – wie ich – wählerisch bei den Gerüchen. Wenn ein Mähnen- oder Fliegenspray ihn offensichtlich anwidert, nehme ich eben etwas anderes.

Und damals, als zum ersten Mal seine kleine Freundin kam, da hatte er auch eine Wahl. Ich hatte damals gesagt, wir machen nur dann Kinder-Unterricht, wenn er einverstanden ist. Nach dem ersten Treffen wusste er ja, was da auf ihn zu kommt und so war ich sehr gespannt auf den zweiten Termin. Das Mädchen ging in den Stall und stand gedankenversunken mit dem Halfter in der Hand – sie überlegte, wie das Halfter aufs Pony gehört. Da ging Duncan zu ihr hin und schob seine Nase ins Halfter. Und ich wusste: obwohl es sehr anstrengend für ihn gewesen war, findet er Kinder-Unterricht völlig ok.

Einmal keine Lust haben darf natürlich jeder. Ein einmaliges Verhalten lässt mich zwar aufhorchen, aber noch keine Entscheidung treffen. Erst wenn ich ein Muster sehe, versuche ich, Lösungen zu finden.

Neulich beim Montagsausflug habe ich mal wieder meinen kleinen Ausreit-Test gestartet. Wir waren eine lange Strecke geradeaus, dann einen kleinen Kringel geritten und wollten jetzt rechtsherum auf demselben Weg wieder zurückreiten. Duncan ist diese Runde bereits zweimal gelaufen, er kennt den Weg mit Sicherheit, zumal er das Gelände dort auch gut kennt. Als wir im Trab am langen Zügel an die Kreuzung kamen, habe ich ihn mal machen lassen. Anstatt rechts Richtung Anhänger trabte er zielsicher linksherum (ich habe ihn dann gewendet, aber bei nächster Gelegenheit wollen wir dann den Kringel einfach nochmal reiten). Dieses Verhalten kenne ich von ihm, er wollte schon öfter nicht nach hause. Aber es gibt auch die anderen Tage, an denen er durchaus nach hause will. Vielleicht kann ich irgendwann vorhersagen, was für ein Tag heute ist, im Moment weiß ich das nicht.

An einer anderen Stelle konnte ich ihm am Montag mehr Wahl lassen: bei der Gangart. Wenn er so freundlich und kommunikativ ist und nicht einfach irgendwas macht, bin ich ja gern bereit, ihm entgegenzukommen. Dann kann er auch nach Herzenslust galoppieren und wenn er meint es reicht jetzt, darf er auch aufhören. Damit ich trotzdem weiter etablieren kann, dass er zuhören soll, erwarte ich, dass er seine Übergänge anfragt und dann auf meine Hilfe wartet. Wenn er nett fragt, erfülle ich seine Wünsche nach wenigen Sekunden. Wenn er unhöflich ist, warte ich etwas länger mit der Wunscherfüllung oder verweigere sie auch mal. So kann ich mir ein höfliches Pferd ausbilden und ihm trotzdem eine Wahl lassen. Setzt natürlich voraus, dass ich seine Fragen „höre“ (also fühle).

Auf manche Privilegien besteht Duncan mit Nachdruck. Unterwegs zu förstern ist für ihn ein must-have. Ja, sicher könnte ich ihm das komplett abgewöhnen, wenn ich furchtbar viel Arbeit und Aufmerksamkeit investieren würde. Stattdessen haben wir einen für uns guten Kompromiss gefunden: nicht anhalten zum fressen und wenn ich sage, dass DIESE Pflanze nicht angerührt wird, dann wird darum auch nicht diskutiert. Soll heißen: wenn ich die Zügel annehme, wird nicht dagegen gezogen. Ist der Zügel aber lang, darf er sich mal einen Happen nehmen. Ich finde das in Ordnung so, für uns (!) funktioniert das gut.

Oft fragt Duncan im Gelände auch, ob wir nicht mal diesen oder jenen Weg anschauen könnten. Bisher habe ich nach einem Blick auf die Karte immer nein gesagt, aber selbst wenn es sich um Sackgassen handelt, könnte man da ja mal rein reiten, das werde ich mal machen. Neulich haben Arnulf und ich an einer Stelle die Ponys gefragt, wo sie lang wollen. Sie standen und haben keinen Huf bewegt, aber beide nach links (Richtung Anhänger) geschaut, was wir dann als klares Votum genommen haben.

Das meiste bestimme aber eben immer noch ich. Ich wüsste auch nicht, wie ich Duncan vorab fragen soll, in welches Ausreitgelände wir fahren wollen oder wann es ihm heute passt für eine Platz-Einheit.

Im Freedom Based Training wendet sich das Blatt dann ins Gegenteil und das ist einer der Gründe, weshalb ich es so wichtig finde für unsere Beziehung. Hier bestimmt er alles. Ich bin nur da und mache mit, was er machen möchte. Oder, wenn es mir gar nicht gefällt, mache ich kurz mal nicht mit, aber ohne ihn direkt zu beeinflussen. Die meiste Zeit sind wir einfach zusammen bei dem, was er gerade so tut. Ein- oder zweimal hat er schon gezielt mit mir darüber kommuniziert, ob ich wohl mitkomme, wenn er jetzt auf den Rundlauf geht. Und ein- oder zweimal hat er auch schon Vorschläge von mir angenommen. Und genauso oft hat er meine Vorschläge ignoriert und ich habe mich stattdessen ihm angepasst. Es gibt mir ein gutes Gefühl, dass wir auch mal diese Zeit miteinander verbringen und ich bin sicher, dass er das auch zu schätzen weiß.

Insgesamt habe ich da ja einen sehr pflegeleichten Charakter erwischt, denn Duncan findet an fast allem Freude, was man so gemeinsam unternehmen kann. Vor allem, wenn es genug Abwechslung gibt. Und da passen wir zum Glück auch gut zusammen.

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