Vor zwei oder drei Jahren kam ich zu einer neuen Schülerin, die mir im Vorfeld berichtete, wie schwierig ihr Pferd werden kann. So, dass man es an schlechten Tagen nicht mehr unbeschadet zum Reitplatz führen konnte.
Gleichzeitig zeigte sie mir, dass das Pferd oft bei der Bodenarbeit nach dem Strick schnappt und auf ihm herumkaut. Was man dagegen machen könnte, wollte sie wissen. Mein erster Vorschlag war: gar nichts. Denn das Schnappen nach dem Strick sah für mich nach reiner Unsicherheit aus. Das Pferd war nervös, er musste auf etwas herumkauen, der Strick bamselte direkt neben seinem Maul herum, also rein damit. Ich fing an, mit dem Pferd ruhig zu arbeiten. Das Schnappen des Stricks war mir dabei allezeit ein guter Wegweiser und er ist es bis heute. Das Verhalten ist so gut wie weg, es ist die absolute Ausnahme geworden, dass er sich den Strick schnappt, aber wenn er es tut wissen wir beide, die Besitzerin und ich: das war viel für ihn. Vielleicht braucht er eine Pause oder wir machen die Übung etwas einfacher, gehen einen Schritt zurück. Und so haben wir beide das, was sie anfangs wegtrainieren wollte, lieben gelernt: ein Stress-Anzeiger den man nicht übersehen kann.
Auch ein anderes Pferd hat einen solchen Anzeiger. Der ältere Wallach, der als nicht mehr reitbar in meinen Unterricht kam, hat einige körperliche Baustellen. Aber ich war überzeugt, dass wir ihn mit gutem Training zumindest verbessern können. Das erste was mir auffiel, war, dass er während der Handarbeit dauernd auf dem Gebiss klapperte und öfter den Kopf schüttelte. Das Kopfschütteln, so erklärte mir die Besitzerin, käme von seinen zwei Genickbeulen. Und dass er so mit dem Gebiss klappert – naja, er ist eben immer sehr überambitioniert. Dachte sie.
Mit geduldiger und ruhiger Arbeit wurde der Wallach immer geschmeidiger und lernte, sich besser zu tragen. Heute wird er wieder geritten und profitiert auch davon, obwohl er nicht immer ganz taktklar geht. Das Klappern auf dem Gebiss und das Kopfschütteln sind für uns auch bei ihm wertvolle Anzeiger geworden. Beides ist so gut wie weg und wenn es doch mal auftritt wissen wir – wie auch bei dem anderen Pferd – wir müssen einen Schritt zurückgehen, wieder für Entspannung sorgen und noch besser auf das Pferd achten.
Mit solchen Pferden zu arbeiten finde ich extrem leicht. Denn man sieht ihnen 2 Meilen gegen den Wind an, wie gestresst oder entspannt sie sind. Die introvertierteren Typen sind so viel komplizierter. Wenn Diego vor der Kutsche nicht recht vorwärts möchte, ist das zwar für uns eindeutig – wir kennen ihn gut – aber für manch anderen wäre es „Faulheit“ (ein Grund, warum viele Tinker irgendwann Probleme bekommen mit den Menschen, weil ihre Unsicherheit nicht erkannt wird). Und der sonst so sichere Diego ist sich beim Fahren noch so gar nicht sicher. Es fällt ihm schwer, sich ohne Reiterhilfen auf der Mitte der Straße auszubalancieren und er möchte so sehr alles richtig machen, dass er sich selbst stresst – ein Verhalten, dass wir bei ihm auch schon oft beobachtet haben. Die leiseste Kritik kann ihn total verunsichern, wenn die Aufgabe noch nicht 100% vertraut ist.
Duncan zeigt Unsicherheit wieder anders, er wird dann eher etwas schneller, ein bisschen hampelig und zappelig. Das war besonders sichtbar, als er zum allerersten Mal mit seiner kleinen Freundin gearbeitet hat. Sie wusste nicht, wie sie ihn führen kann und er war total verloren (obwohl ich versucht habe, ihm Signale zu geben, die ihm helfen). Er war unglaublich schnell und wusste sichtlich nicht wohin mit sich.
Aber eine Sache haben alle 4 hier beschriebenen Pferde gemeinsam: wenn sie unsicher werden, werden sie auch schief. Sie verziehen und verbiegen sich in ihrem Körper, können nicht mehr von hinten nach vorne geradeaus gehen. Die Energie der Hinterbeine verpufft entweder in Windungen der Wirbelsäule oder geht nach unten in den Boden anstatt das ganze Pferd kraftvoll nach vorn zu bewegen.
Und das kann schnell zum Teufelskreis werden. Denn wenn man diese Pferde dann treibt, dann finden sie manchmal den Ausweg nicht. Manchmal schon! Aber nicht immer. Es gilt, genau zu beobachten. Und sich zu fragen: ist das Pferd unsicher, weil es nicht gut laufen kann, oder kann es nicht gut laufen, weil es unsicher ist? Und so habe ich wieder etwas entdeckt, worauf ich mehr Augenmerk legen möchte in der Arbeit mit Pferden. Es bleibt spannend….