Pferde kommunizieren über Verhalten. Nur: was ist normal? Und was nicht? In manchen Fällen, wie bei meinem Kundenpferd neulich, ist das ganz klar. Den Rücken runterdrücken und den Kopf hochreißen, wenn man leicht mit Daumen und Zeigefinger in den Rücken drückt ist nicht normal. Und wenn es dann noch immer an derselben Stelle dieselbe Reaktion gibt, dann heißt das „aua“. So weit, so einfach.
Einmal war ich bei einem Hufkunden, der lahmte. Ob er wohl ein Hufgeschwür bekommt? Na dann nehme ich mal die Abdrückzange. Nur: Huf in die Hand, Zange in die andere Hand und das Pferd zieht den Huf schon weg, bevor ich ihn mit der Zange überhaupt berührt habe! Anscheinend weiß er, dass es mit der Zange wehtun kann. Aber würde es auch jetzt weh tun oder ist das nur eine Erinnerung? Das sagt er mir ja nicht.
Und dann sind da die unspezifischeren Symptome. Wie das Pferd, das zu mir in den Unterricht kam, weil es so nervös war und nie stillstehen konnte. Aus einer Intuition heraus riet ich zur Magenspiegelung und BINGO das Pferd hatte schlimmste Magengeschwüre. Oder der eine, super nette Kerl von Wallach, der gelegentlich ausrastete. Auch das war kein Erziehungsproblem, sondern Folge eine Borreliose-Infektion.
Was Diego seinerzeit genau hatte, wissen wir bis heute nicht – vermutlich einen Abszess irgendwo im Körper. Ein anderes Kundenpferd wurde kürzlich mit einer Kehlkopflähmung diagnostiziert, die aufgrund von Asthma 3 Monate übersehen wurde, weil man die Atemnot immer dem Asthma zuschrieb. Ein anderer, der partout keine Muskeln aufbauen konnte, stellte sich ebenfalls als chronisch krank heraus: Magenentleerungsstörung.
Seit ich mit Pferden zu tun habe, hat sich viel verändert in der Pferdemedizin. Wo früher ein Pferd einfach als „alt“ abgestempelt und im Zweifel auch fix eingeschläfert wurde, gibt es heute noch eine Palette an Möglichkeiten. Und wo – leider auch heute noch oft – ein Pferd als „widersetzlich“, „stur“ oder „faul“ gilt, finden engagierte Pferdebesitzer und Tierärzte oft Schmerzen als Ursache für Verhalten. Diagnostik und Medizin haben sich irrsinnig entwickelt in den letzten 30 Jahren. Als ich Teenager war, musste man für ein simples Röntgenbild noch in die Klinik fahren, heute kann man sogar Magenspiegelungen vor Ort im eigenen Stall durchführen.
Aber es kommen eben auch immer neue Probleme dazu. Borreliose ist schon lange auf dem Vormarsch, jetzt kommt die Anaplasmose immer mehr bei den Pferden an. West-Nil-Fieber ist schon da – vor 2 Jahren waren es Einzelfälle in Brandenburg und jetzt ist es so verbreitet, dass auch hier zur Impfung geraten wird – andere Dinge (z.B. Babesiose) sind im Anmarsch. Es wird also alles komplizierter.
Die Tierärztin, die Duncan mit seinem Fieber behandelt hat, hat mir allerdings auch einen Satz erzählt, der mir Mut gemacht hat: sie hat im Studium gelernt „wenn die Pferdebesitzerin sagt, da ist was, dann ist da was. Auch wenn man das als Tierarzt nicht gleich sieht“. Da lernen die jüngeren Tierärzte doch mal was Vernünftiges. Mein Duncan wäre ja an seiner Colitis nach der Kastration vielleicht gestorben (oder jedenfalls ganz sicher nicht so glimpflich davongekommen) wenn ich damals auf meinen (jetzt ehemaligen) Tierarzt gehört hätte. Der hat mir auch im Nachgang noch versichert, das sei alles Quatsch gewesen, mein Pony hätte halt wegen dem Stress ein Magenproblem gehabt. Wie gut, dass mein Pony so deutlich war und wir sofort in die Klinik gefahren sind. Duncan hat gewissermaßen damals sein eigenes Leben gerettet, weil er so unmissverständlich klar gemacht hat, wie schlecht es ihm geht.
Auch bei einem kleinen Hufgeschwür war er deutlich und humpelte was das Zeug hielt (spielte aber gleichzeitig wilde Wutz im Paddock, das eine schließt das andere nicht immer aus!).
Jetzt habe ich gelernt, was ich ihm NICHT an der Nasenspitze ansehen kann: Fieber. Während Diego bei 39,2° das Fressen vollständig eingestellt hat, war Duncan auch mit 40,6° noch im Trab zum Gras unterwegs. Zum Glück ist Fieber nun eins der wenigen Symptome die auch für den Laien kostenlos und schnell zu überprüfen sind. Und ich nehme mir fest vor, dieses einfache Mittel öfter zu nutzen, weil ich mich schon manches Mal im Nachhinein geärgert habe, dass ich das nicht einfach schnell gemacht habe.
Zum Glück haben jetzt, während seiner Antibiose, die Tierärztinnen jedes kleinste Symptom sehr ernst genommen, Duncan mit Argusaugen (eher Argusohren) überwacht und mich ganz wunderbar beraten, so dass er das starke Medikament gut vertragen hat.
Und ich hab wieder was über mein Pony gelernt und bin froh, dass ich nicht (nochmal?) mit einem fiebrigen Pony ausreiten war. Denn er wäre ja trotzdem gelaufen, leider.
„Und wo – leider auch heute noch oft – ein Pferd als „widersetzlich“, „stur“ oder „faul“ gilt, finden engagierte Pferdebesitzer und Tierärzte oft Schmerzen als Ursache für Verhalten.“
Dafür muss man nur mal Ariane Telgens Fallanalysen im Internetz angucken.
Es ist so gut wie kein Pferd dabei, das nicht zuvor schon eine Odyssee von Ärzten, Kliniken, Chiropraktikern, Hufschmieden, Heilpraktikern, … hinter sich und die Besitzer:in an den Rand des Ruins gebracht hat.
Da hört auch kein Fachmensch zu, wenn die Besitzerin (meist sind’s ja doch Frauen) sagt, dem Pferd geht’s schlecht.
Und der Eicheneck’sche Dreisprung – Magen-Zähne-Sattel – ist kaum gesprungen, bis das Pferd artig zeigt, wo es sonst noch klemmt und weh tut.
Ich frag mich oft, warum TÄ so kundenunfreundlich sind. Ihnen sollte doch dran gelegen sein, dass der Kunde wiederkommt und noch ein Blutbild, noch mal röntgen, dies und das machen, das bringt ihm doch Geld?
Seltsame Leute.
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