Frech gefüttert

„Meine Osteopathin hat gesagt ich soll dem nicht mehr so viele Leckerlies geben, der ist so frech“. Oh, dieser Satz hätte fast meine Unterrichtsstunde gesprengt, aber ich habe mich dann auf zwei kurze Sätze beschränkt und mich lieber dem gewidmet, worum ich gebeten worden war.

Aber jetzt muss ich da doch noch was zu sagen. An dem Satz ist ja so ziemlich alles falsch!

Ein Pferd wird NICHT frech, weil es Leckerlies bekommt. Beweis? Die vielen „frechen“ bzw schlecht erzogenen Pferde, die nie mit Futter belohnt werden. Ganz einfach. Da muss ich nur an unsere Schulpferde von früher denken….  Davon abgesehen ist „nicht mehr so viele Leckerlies“ ganz sicher KEIN Rezept um die Pferdeerziehung zu verbessern. Der Erfolg dieser Erziehung hängt nämlich in keiner Weise mit der Anzahl der gegebenen Leckerlies zusammen. Und ich meine in KEINER Weise, niemals. Der Erfolg der Erziehung hängt wesentlich davon ab, ob der Mensch einen Plan, Ahnung von Körpersprache und ein gutes Timing hat. Das alles kann man MIT oder OHNE Leckerlies haben – oder eben nicht haben.

Ich kenne ein paar Menschen, die lieber ohne Futter arbeiten, weil ihr Pferd durch die Gabe von Futter aufdringlich wird (sagen sie). Ich sage: es wird durch schlechtes Timing bei der Futtergabe aufdringlich. Aber wenn ein Mensch keine Zeit, keine Lust oder nicht das nötige Wissen hat, sich damit auseinanderzusetzen und sich deswegen entscheidet, das Futter lieber wegzulassen, finde ich das völlig ok. Denn Futterlob ist eine Kunst für sich. Dadurch, dass Futter so ein starker Verstärker ist, belohnt man das Verhalten natürlich viel mehr als wenn man ohne Futter lobt. Das heißt, dass jeder Fehler, den der Mensch macht, deutlicherer Konsequenzen hat als ohne Futter. Und wenn jemand sich das nicht zutraut, dann ist es mir lieber, es wird ohne Futter gearbeitet, als wenn ständig ungünstiges Verhalten mit Futter verstärkt wird. DAS ist dann nämlich unter Umständen ein wirklich großes Problem. Pferde, die einen bedrängen, weil sie Futter wollen, sind kein Spaß.

Deswegen hatte ich am Anfang auch Zweifel, ob meine kleinen Schülerinnen mit Duncan mit Futter arbeiten sollen. Ich hatte erst die Idee, dass nur ICH ihn belohne, aber es stellte sich schnell heraus, dass das nicht praktikabel ist. Also hilft nur eins: Duncans kleine Schülerinnen müssen von Anfang an das korrekte Timing lernen. Und das können sie auch! Da Duncan das mit dem Futterlob von mir von klein auf ganz gut verinnerlich hat, ist es auch recht leicht. Das führt dazu, dass ich seine kleine Freundin völlig bedenkenlos mit einem Tupper voller Möhrenstücke zu Duncan gehen lassen kann. Beide haben das voll raus: er steht vor ihr und flippt schier aus, weil er sooooo gern die Möhrenstücke will. Sie wartet, bis er einen Schritt rückwärts von ihr weggeht, dann bringt sie ihm die Möhre. Wieder rückwärts, Möhre. So kommt er nicht ein einziges Mal auf die Idee, das Mädchen zu bedrängen. Er weiß, dass ihm das keinen Erfolg bringt. Und er weiß, welches Verhalten ihm diesen Erfolg bringt. Die Entscheidung ist leicht, egal, wie groß die Gier auch sein mag.

Neulich hatte die Kleine dann eine neue Idee und während ich abgelenkt war, weil ich mit ihrer Mutter über den nächsten Termin verhandelte, versuchte sie, das rufen zu üben. Sie ließ Duncan zurück gehen, rief ihn dann beim Namen, ging etwas rückwärts um ihn anzulocken. Er kam gierig auf sie zu und sie merkte, dass „hooo“ ihr jetzt auch nicht mehr ganz so viel half. Aber sie bekam keine Angst und er wurde auch nicht allzu fordernd, denn beide wussten sich zu helfen. Sie wusste ganz genau, dass er jetzt nichts bekommen durfte, weil er viel zu nah gekommen war. Und er wusste, dass er wohl wieder zurückgehen muss, bevor er etwas bekommt. Ich hingegen wusste, dass wir das mal zusammen anschauen und schlauer üben müssen, damit es besser klappt. Trotzdem war ich stolz auf die beiden, denn sie haben hervorragend gezeigt, wie sicher eine gute Grundstrategie einen machen kann. Dann kann auch mal kurz Chaos ausbrechen, ohne dass es im Desaster endet.

Futter kann Ponys gierig machen. Es kann ablenken. Es kann auch sehr viel Stress auslösen. Aber es macht überhaupt niemanden frech oder aufdringlich. Frech und aufdringlich, bissig oder sonstwie unangenehm werden Pferde aus Unsicherheit oder weil die falschen Dinge belohnt wurden – mit oder ohne Futter. Lasst Euch also bitte keinen Futterbären aufbinden. Wer mit Futter belohnen möchte, sollte sich damit beschäftigen, wie das gut funktionieren kann. Auch wer nur gelegentlich einen Keks gibt, sollte Regeln einführen, wann und wie es den gibt, das macht das Leben für alle Beteiligten leichter. Wer lieber ohne Futter belohnen möchte, sollte herausfinden, was das eigene Pferd als echte Belohnung empfindet. Timing ist für alle das A und O.

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