Merkwürdiges Verhalten

Pferde kommunizieren über Verhalten – und es gibt immer noch eine Menge Leute, denen das nicht klar ist. Neulich hatte ich diesbezüglich eine Begegnung mit einer Reitbeteiligung eines Kundenpferdes. Nachdem das Pferd seine Besitzerin abgebockt hatte, habe ich mit der Reitbeteiligung Bodenarbeit gemacht und dabei auch den Rücken des Pferdes abgetastet. Auf leichten Druck an einer bestimmten Stelle drückte das Pferd jedes Mal den Rücken weg und riss den Kopf hoch. Und obwohl ich dachte, dass das völlig eindeutig sei, musste ich eine Menge dazu erklären, warum ich sehr davon abrate, dieses Pferd derzeit reiten zu wollen. Hä? Die verständnislose Reaktion des Menschen auf diese offensichtliche Kommunikation von Pferdeseite (aua!) ließ mich ratlos zurück.

Aber es gibt auch oft Pferdeverhalten, dass mich ratlos zurücklässt. Duncan hat eine neue Angewohnheit: wenn ich ihn aus dem Stall hole, bleibt er häufig außerhalb des Stalltors stehen und ist nur mit Mühe dazu zu bewegen, bis zum Anbinder weiterzugehen.

Ich dachte, das bedeutet, dass er den Anbinder nicht mag. Mag er den Platz nicht? Mag er nicht angebunden sein? Mag er nicht, dass er dort immer geputzt und begrabbelt wird? Ich versuchte, den Anbindeplatz positiver zu belegen, indem es dort öfter mal die Schüssel gab und beim Putzen mehr Kekse. Das Verhalten blieb.

Gleichzeitig ist er im Moment manchmal nicht so recht gewillt, zu kommen, wenn man ihn ruft. Genauer: er kommt schon, lässt sich aber auf halbem Wege von einem Grashalm ablenken, der noch dringend gegessen werden muss. Dieses Verhalten ließ mich darüber nachdenken, dass ich es vielleicht von der falschen Seite betrachte: vielleicht ist es nicht so, dass er nicht kommen möchte (er wirkt dann auch eigentlich immer motiviert, etwas zu tun), sondern eher, dass er nicht von dem Knabbergras im Paddock WEG gehen möchte. Und dieser Gedankengang wiederum brachte mich dazu, das Problem des Stehenbleibens auf dem Weg zum Anbinder von einer anderen Warte zu sehen. Meine derzeitig Arbeitshypothese: Er hat lange Zeit von mir einen Keks bekommen, nachdem er aus dem Stall gegangen war. Und zwar deswegen, weil ich ihn meistens vor mir her durch die Tür gehen lasse und ihm dabei einfach den Strick über den Rücken lege. Ich möchte aber sichergehen, dass er anhält und nicht die 5m weiter Richtung Gras läuft. Also habe ich lange Zeit immer „hooooo“ gesagt und fürs Anhalten einen Keks gegeben. Irgendwann habe ich mir das abgewöhnt, weil er angefangen hat, von selbst anzuhalten. Und ich glaube, er vermisst manchmal diesen Keks. Er findet, dass es nicht weitergehen kann, bevor er nicht den „Anhalte-Keks“ hatte. Ich werde diese These jetzt überprüfen.

Auch Diego hat manchmal interessante Arten der Kommunikation. Als wir neulich nach 3 Stunden Ausritt auf dem Weg zurück zum Anhänger waren – wir waren noch ca 500m vom Anhänger weg, bereits abgestiegen und es war für die Ponys klar wo wir sind – blieb Diego plötzlich mehrmals stehen. Er hob dann immer leicht den Schweif und ich dachte, er will äppeln oder pieschen, aber es passierte nichts. Ich machte mir Sorgen: geht es ihm nicht gut? Erst am Anhänger bemerkte ich, dass eine Bremse an der Rückseite seines Hinterbeins saß. Als ich die weggemacht hatte und ihn dort kratzte, war er sehr glücklich und das Problem war anscheinend behoben. So wie es aussieht, hat er mir – weil ich ja hinter ihm her ging – die Bremse zeigen wollen. Es fehlte aber Schweifschlagen als Hinweis für mich, dass es ein Insekt sein könnte und so habe ich ihn leider viel zu spät verstanden, den armen Kerl. Wahrscheinlich hält er mich jetzt für ziemlich dumm….

Es ist unerlässlich, dass wir lernen, das Verhalten unserer Pferde korrekt zu interpretieren. Manchmal müssen wir dazu auch nachfragen oder etwas ausprobieren. Ich finde es vor allem wichtig, immer wieder klarzustellen, dass es immer nur Hypothesen sind, die wir aufstellen. Wenn jemand mich fragt „warum macht der das?“ sage ich immer dazu, dass meine Antwort nicht notwendigerweise korrekt sein muss. Oft versuche ich auch, mindestens zwei mögliche Antworten zu finden. Es liegt an uns, immer mal zu hinterfragen, was unsere Pferde uns sagen möchten. Selbst wenn es uns eindeutig scheint, muss das nicht stimmen.

Und keine Sorge: dem Pferd mit den Rückenschmerzen wird natürlich geholfen. Und es wird natürlich auch nicht geritten, bis der Rücken wieder ok ist, denn zum Glück ist die Besitzerin verständiger als die Reitbeteiligung. Und auch die kann im Grunde nichts dafür, sie hat es halt bisher nicht besser gelernt – und etwas über Bord zu werfen, was man seit 30 Jahren so macht, ist nicht so einfach wie es sich anhört. Vielleicht konnte ich ja den Grundstein legen für etwas Nachdenklichkeit.

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