Ich unterrichte ständig Reiterinnen mit eigenen Pferden. Und manchmal ist das ein großes Problem. Nämlich dann, wenn beide, Pferd und Reiterin, nicht wissen, was da noch so möglich wäre. Unbewusste Inkompetenz nennt sich das, wenn man gar nicht weiß, was man nicht weiß. Duncans kleine Freundin hat es neulich treffend beschrieben: sie mühte sich ab, einen schönen runden Zirkel zu reiten. Nach einigen Runden hatte sie plötzlich raus, wie sie ihren Körper einsetzen muss. Aber das war ihr nicht klar, sondern sie sagte „das hat er alleine gemacht, ich hab gar nichts gemacht“. Da musste ich lachen, denn so lange da Gras am Reitplatzrand steht wird Duncan ganz sicher nicht von allein einen schönen runden Zirkel laufen. In Wirklichkeit war er den gelaufen, weil sie korrekt geritten ist. Aber sie kennt das nicht: Reiten aus dem Sitz. Sie kennt nur drücken, ziehen und schieben um zu lenken. Deswegen hatte sie keine Vorstellung davon, dass Reiten mit Sitzhilfen sich so anfühlen kann als hätte man „gar nichts gemacht“.
Wie leicht reiten sein kann, wie einfach Aussitzen sein kann, wie fein Pferde reagieren können – viele Reiterinnen wissen das nicht, weil sie es nie gefühlt haben. Sie mühen sich ab auf dem Weg zu einem Ziel, das sie noch gar nicht kennen. Und das ist für mich manchmal ganz schön kompliziert zu unterrichten.
Für mich selbst gilt allerdings das gleiche. Neulich bin ich Diego geritten und plötzlich war da ein neues Level. Seine Trabtritte wurden (noch) größer, dabei ruhiger und erhabener und obwohl ich schon immer sage, ich lasse Diego fliegen, war ich dem Fliegen diesmal noch näher als sonst. Und hier kommt eine weitere Schwierigkeit: wenn man das einmal gefühlt hat, will man das immer wieder. Aber man kann es anfangs nicht wiederholen. Es ist wie damals, als ich das Jonglieren gelernt habe. Ich hatte mir ein Buch gekauft und drei Bälle. Man lernt jonglieren ja aber nicht aus einem Buch, genauso wenig wie man reiten aus einem Buch lernt. Das Buch zeigt einem die Technik, aber der Körper muss das fühlen. Beim jonglieren läuft das so: man wirft die Bälle in die Luft und sie fallen zu Boden – 100 mal, vielleicht öfter. Ab und zu fängt man ein oder zwei Bälle, aber alle drei in der Luft zu halten kommt einem lange Zeit unmöglich vor. Dann gelingt es irgendwann. Aber nur kurz. Dann fallen die Bälle wieder wie Steine zu Boden und der Erfolg lässt sich nicht wiederholen. Das Stadium der bewussten Inkompetenz ist erreicht: ich weiß, dass da etwas ist, was ich noch nicht kann (aber ich möchte es lernen!)
Lernen fängt mit viel Zufall an, das vergessen wir gern. Der Körper macht zufällig eine passende Bewegung. Jetzt muss das Gehirn abspeichern: diese Bewegung führt zum Erfolg! Aber von einmal ist da eben nix wirklich abrufbar gespeichert. Es braucht noch mehr Zufälle, bis es schließlich genug gute Zufälle gab, so dass der Körper die Bewegung absichtlich wiederholen kann. Beim reiten wie auch beim jonglieren kann das nicht bewusst passieren, denn das bewusste Denken ist dafür viel zu langsam (ein weiteres Problem beim Unterrichten: bis ich gesehen habe, was zu tun ist, es gesagt habe, meine Schülerin es gehört hat und dann umsetzen konnte ist der Moment in dem es zu tun gewesen wäre schon längst vorbei).
Der Körper muss das machen, ohne dass das Gehirn allzu viel denkt. Das Gehirn kann Bilder und Ideen liefern, aber keine Handlungsanweisung geben. Und dann, mit viel Glück, lässt sich der goldene Moment immer häufiger wiederholen, bis er schließlich zum neuen Standard wird. Bewusste Kompetenz ist beim Reiten keine sehr bewusste Kompetenz sondern eher ein „ich weiß, dass mein Körper das kann“. Und dann habe ich vielleicht noch ein paar Tricks die mir helfen, um da hin zu kommen. Unbewusste Kompetenz hingegen haben oft die begnadeten Reiter, die das, was sie da tun, leider überhaupt nicht unterrichten können, weil sie nämlich nicht wissen, wie sie das eigentlich machen.
Beim jonglieren ist es einfach zu sehen, wann man ein Ziel erreicht hat: wenn ich die drei Bälle quasi beliebig lang in der Luft halten kann, hab ich es geschafft. Dann kann ich mir neue Figuren ausdenken oder mehr Bälle jonglieren. Beim Reiten sind die Stufen eigentlich unsichtbar. Ich kann mich natürlich an Lektionen lang hangeln. Kann ich schon im Galopp einen schönen runden Zirkel reiten? Kann ich einen Seitengang reiten? Aber das, was gutes reiten wirklich ausmacht, ist viel weniger greifbar. Geht mein Pferd „über den Rücken“? Hebt es den Brustkorb an? Ist es „geradegerichtet“? „Versammelt“ es sich? All diese merkwürdigen Reiterbegriffe, die niemand zu meiner Zufriedenheit wirklich erklärt, versuchen meiner Ansicht nach, ein bestimmtes Bewegungsgefühl zu beschreiben, das man eben eigentlich nicht beschreiben kann. Wer das alles nie gefühlt hat, wird nicht wissen wie es ist. Eben so wie jemand, der nie Schokolade gegessen hat, nicht wissen kann, wie sie schmeckt, auch wenn 100 Leute es ihm beschrieben haben.
Und so endet dieser Artikel mit der einzigen Empfehlung die ich geben kann: versucht, verschiedene Pferde zu reiten und seid offen für das, was da noch kommen kann. Hört nie auf zu träumen von feiner, leichter, kraftvoller, so dass dieses Bild auch immer bei eurem Pferd ankommen kann, denn auch euer Pferd weiß wahrscheinlich nicht, wie gut sich das alles anfühlen kann. Die gute Nachricht: das Niveau von Pferd und Reiter ist dabei völlig egal. Leicht und fein reiten erfühlen, das kann auch Duncans kleine Freundin schon, während sie im Schritt das Lenken übt (und nein, Duncan ist NICHT leicht zu lenken, weil er selbst noch mit seinem Gleichgewicht kämpft und nur dann schön laufen kann, wenn man ihn entsprechend unterstützt). Man muss also nicht warten bis zur ersten Piaffe, damit reiten Spaß macht.
„aber der Körper muss das fühlen“.
Ulkig, das sagte gestern auch eine meiner Sprachschülerinnen: sie FÜHLT ihre Muttersprache und braucht da nicht über Regeln nachzudenken.
Ist wohl was ganz ähnliches.
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