Kinder und Pferde

Als Duncans „kleine Freundin“ zum ersten Mal zu ihm kam, kannten wir uns schon. Sie war 2020 schon mal bei uns und ist ein paarmal Caruso geritten. Dann kam Corona und das entsprechende Chaos und ich habe dieses Projekt abgebrochen. Nach einigen Jahren dann die Nachricht: wir wollen wieder kommen. Und ich habe Mut gefasst, es mit Duncan zu probieren, ohne zu wissen ob er sich dafür überhaupt eignet.

Was in der Zwischenzeit passiert war: nix gutes. Das Mädchen hatte Reitunterricht, aber halt leider keinen schönen. Und die Horrorstorys, die sie mitbrachte waren so extrem, dass Arnulf eines Tages spekuliert hat, ob einiges davon erfunden sein könnte. Aber ich bin mir sicher, dass nichts erfunden ist, denn das Mädchen hat die Reaktion der Pferde auf die entsprechenden Situationen viel zu treffend beschrieben als das jemand ohne viel Erfahrung sich das ausdenken könnte.

Einige Highlights waren: „meine Freundin ist beim Absteigen mit dem Bein am Sattel hängen geblieben und das Pony ist durchgegangen“ Himmelherrgottnocheins, wer setzt denn Kinder, die noch nix können auf ein Pferd, das es nicht aushält, wenn jemand etwas ungeschickt absteigt? Aber auch „Duncan ist das erste Pferd das ich kenne, das keine Angst vor der Gerte hat“. Na prima, dann weiß man ja gleich Bescheid, wie mit den Pferden umgegangen wird. Den Kindern wurde dort auch die alte Leier vorgelebt von „setz dich durch“ (gleichzusetzen mit „hau drauf“).

Duncan hat sich das Vertrauen seiner kleinen Freundin hart erarbeitet und ich zolle ihm höchsten Respekt dafür, wie er ohne Vorerfahrung mit ihr eine so gute Verbindung aufgebaut hat und sich so schön auf sie einlässt.

Jetzt haben wir anscheinend eine weitere solche Aufgabe angenommen. Diese Woche war ein neues Mädchen bei uns. Die 8jährige möchte gern etwas mit Ponys machen, wenn da nur die Angst nicht wäre. Und hier bekommt Angst eine ganz neue Definition: eine Stunde haben wir damit verbracht, vor der Stalltür zu stehen und Duncan Kekse hinzuwerfen, weil sie sich nicht traute, ihn aus der Hand zu füttern. Am Ende der Stunde hat sie ihn dann zweimal sanft über die Nase gestreichelt. Für uns Erwachsene wirkte das wie sehr wenig, aber das Kind war glücklich und um nichts anderes geht es.

Auch dieses Kind hat schon eine schlechte Reiterfahrung hinter sich, weil eine Reitlehrerin das Pony auf dem sie saß traben ließ, obwohl das Kind das nicht wollte.

Ich selbst habe damals auch das reiten gelegentlich auf die harte Tour gelernt. Aber dennoch waren die Ponys auf denen ich saß wenigstens einigermaßen kindersicher, bis ich etwas mehr Erfahrung hatte. Und während damals noch eher die militärische Sitte herrscht, nach einem Sturz einfach wieder aufzusteigen und weiter zu reiten, muss man natürlich auch sehen, dass viele Kinder und Jugendliche deswegen das reiten aufgegeben haben. Weil auf ihre Ängste nicht eingegangen wurde, weil keine Rücksicht genommen wurde und weil niemand ein passendes Konzept dafür hatte, geschweige denn ein entsprechend ausgebildetes Pferd. Dabeigeblieben sind eben nur die totalen Freaks wie ich, die kein Sturz, kein Unfall und keine Angst jemals von den Pferden weggebracht hätte.

Vielleicht kann mein wunderbares Pony dazu beitragen, die Welt für ein paar Kinder ein bisschen besser zu machen. Ich habe schon Pläne geschmiedet, wie auch die 8jährige Mut und Vertrauen fassen kann und ich bin gespannt, ob diese Pläne aufgehen. Derweil schaue ich der 13jährigen zu, die so viel Mut und Selbstbewusstsein gewonnen hat und freue mich sehr darüber, dass mein Pony dazu einen Beitrag leisten konnte. Er ist eben Herzensreparateur im Hauptberuf und anscheinend kann er mehr Herzen reparieren als nur meins.

Gerade für junge Mädchen ist der Umgang mit Ponys charakterbildend: für sich selbst einstehen, eigene Grenzen klar, aber freundlich kommunizieren, sich nicht einschüchtern lassen von Größe und Stärke. Aber auch: um Hilfe bitten, sich mit Ängsten auseinandersetzen, die eigene Körperwahrnehmung verbessern. Das Pony ist frei von Vorurteilen, übt keinen Leistungsdruck aus, erwartet aber Klarheit, Freundlichkeit und dass es selbst gesehen und wertgeschätzt wird. Duncan kommuniziert klar, direkt und dabei völlig ungefährlich seine Meinung und erwartet Antworten auf seine Fragen. Ich bin dabei nur Übersetzer (in beide Richtungen) und Ideengeber. Ich möchte einen Raum zum Ausprobieren schaffen, aber dafür braucht es natürlich Anleitung, was man denn überhaupt ausprobieren könnte. Den ganzen Rest erledigt Duncan und überrascht mich damit immer wieder. Ich hoffe, er bekommt noch öfter die Gelegenheit, diese ganz besondere Fähigkeit einzusetzen.

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