Eine kleine Kettensägen-Analogie

„Merke: Bevor du anfangen kannst, musst du erst noch etwas anderes erledigen.“

Das ist einer der Lieblingssprüche meines Vaters und ich finde ihn in der Pferdeausbildung oft wieder. Neulich zum Beispiel, als ich mit einer Schülerin daran arbeitete, dass ihr Pferd die Gebisshilfen richtig versteht. Warum haben wir damit nicht schon viel früher angefangen? Ganz einfach: weil das Pferd nicht allein auf dem Reitplatz sein mochte und große Schwierigkeiten hatte, sich entsprechend zu konzentrieren und überhaupt mitzumachen. Wir hatten also erst andere Dinge zu üben und zu klären, bevor wir uns dem Thema Gebisshilfen widmen konnten.

Oder Diego vor der Kutsche: bevor es losgehen kann, muss allerhand geübt werden und das Geschirr korrekt einzustellen, dauert eine Ewigkeit, mal so probieren, mal so, bis alles endlich passt. Diese Zeit muss man sich nehmen, nützt nix. Denn wenn man sich diese Zeit nicht nimmt, wird es gefährlich für alle Beteiligten.

Am deutlichsten wird das Problem eigentlich immer beim Verladetraining. Niemand scheint Lust zu haben auf Verladetraining und so fällt den meisten Pferdebesitzern erst dann ein, dass man das ja mal üben sollte, wenn sie ihr Pferd transportieren wollen. Mit viel Glück werde ich dann zwei Wochen vorher angeschrieben und soll es dann richten. Spoiler: in vielen Fällen reichen zwei Wochen einfach nicht….

Als ich neulich mit der kleinen, elektrischen Kettensäge schnell was wegsägen wollte, kam der Spruch meines Vaters voll zum tragen. Als erstes flog die Kette vom Sägeblatt. Ok, kriege ich hin. Kette wieder dran gefummelt, neuer Versuch. Kette ab. Also von der Weide den weiten Weg bis in die Wohnung, denn zum Glück sitzt dort mein Mann im Homeoffice. Der zeigt mir, wie ich die Kette spannen kann. Ach so! Muss einem ja auch erklärt werden. Schneller Test: Kette bleibt drauf, aber die Sägeleistung geht gegen Null, die Kette ist stumpf. Neue Kette drauf. Und dann muss geölt werden und der Öl-pump-Knopf (wie auch immer der auf fachmännisch heißt) tut nicht. Oder doch? Wo kommt da jetzt das Öl nicht durch? Kettensäge wieder auseinanderbauen. Eine gefühlte Ewigkeit später ging es dann. Und ich war mittlerweile so genervt, dass ich den Ast auch mit den Zähnen hätte durchfräsen können. Himmelherrgottarschundzwirn! Ich wollte doch nur was sägen und dafür dieses kleine handliche, kraftsparende Gerät einsetzen, was jetzt meine Nerven zersägt hat!

In diesem Moment denke ich oft: komisch, bei den Pferden macht mir das nichts aus. Und dann denke ich wieder ans Verladetraining. Die meisten Dinge, die ich mit meinen Pferde mache, machen mir Spaß und ich habe bei den in der Regel kein zeitlich vorgegebenes Ziel. Schnell was absägen war in meinem Kopf eine Aufgabe von 5 Minuten, die sich plötzlich unendlich aufblähte. Es gab ein klares Ziel: der Ast soll weg, dann bin ich fertig. In der Pferdeausbildung gibt es kein „fertig“. Deswegen stresst es mich auch nicht so, wenn es mal länger dauert. Wobei es natürlich schon schön ist, wenn man „geradeaus durchtrainieren“ kann, wie ich es nenne. Soll heißen: man geht einen Trainingsschritt nach dem nächsten, egal wie klein die Schritte sind, aber es geht stetig voran. Rückschritte, Hindernisse und ungeplante Pausen nerven natürlich immer, gehören aber bekanntlich dazu und stören mich beim Pferd nicht so wahnsinnig.

Vielleicht ist es bei Hobby-Handwerkern genauso? Wenn der berühmte Spruch „der Weg ist das Ziel“ zur eigenen Wirklichkeit wird, weil man so viel Spaß hat daran, den Weg zu gehen, dann ist es vielleicht egal, wenn eine halbe Stunde für Werkzeugreparatur drauf geht. Wenn man aber auf ein Ziel hinarbeitet, dass es möglichst schnell zu erreichen gilt, dann ist das eben nicht mehr egal. Was lerne ich daraus? Mehr Verständnis für die Pferdebesitzerinnen die keinen Bock haben, bestimmte Dinge zu üben. Und dass es Teil meines Job ist, ihnen möglichst viel Spaß an diesen Übungen zu vermitteln. Und gelegentlich daran zu erinnern, dass auch Verladetraining dazu gehört, und dass man sich nicht darauf verlassen kann, dass zwei Wochen dafür reichen. Denn im Zusammensein mit Pferden bestimmt man nicht allein, wie lange etwas dauert. Das Pferd hat das letzte Wort. Oder wie Arnulf immer sagt „Du bestimmst das Spiel, das Pferd bestimmt die Zeit“.

Das Pferd! Nicht die blöde Kettensäge.

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