Richtige Antworten

In der Regel, wenn wir Pferde ausbilden, zeigen wir ihnen, was sie tun sollen. Wir zeigen ihnen, welche Reaktion erwünscht und welche unerwünscht ist. Und wenn wir das gut hinkriegen, können dabei alle – auch das Pferd – eine Menge Spaß haben.

Was wir den Pferden eher selten zeigen, ist, wie viele Möglichkeiten es gibt, auf eine bestimmte Situation zu reagieren. Für uns ist es in den meisten Fällen so, dass wir eine vorgegebene Antwort im Kopf haben, bevor wir die Frage stellen. Diese Antwort finden wir richtig und alles andere hat unser Gehirn schon vorab als „falsch“ eingestuft. Das kann so weit gehen, dass manche Pedanten eine Antwort als falsch betiteln, weil sie nicht den gewünschten Wortlaut hat. Ich habe zum Beispiel erfahren, dass es Menschen gibt, die es ganz schrecklich finden, wenn ihnen jemand am frühen Morgen ein freundliches „Guten Tag“ entgegenbringt, weil man um diese Uhrzeit gefälligst „Guten Morgen“ zu sagen hat. Ok das ist ein extremes Beispiel, aber gar nicht selten sind wir im Pferdetraining genau so unterwegs.

Wäre es nicht gut, wenn wir unseren Pferden auch beibringen würden, dass es mehrere richtige  Antworten geben könnte, so dass ihnen nachher mehr Möglichkeiten zur Verfügung stehen? Gleichzeitig können diese Antworten für uns wichtige Informationen enthalten. Wenn ich z.B. ein Kundenpferd bitte, den rechten Vorderhuf zu heben und es hebt stattdessen den linken, ist diese Antwort zwar technisch gesehen „falsch“, kann aber ein wichtiger Hinweis sein. Ich habe schon erlebt, dass in dem linken ein großer Stein steckte und das Pferd den erst loswerden wollte und um Hilfe bat. Es kann aber auch sein, dass das Pferd gerade den rechten Huf aufgrund seines aktuellen Gleichgewichts nicht gut heben kann, aber auch nicht ungehorsam sein möchte. Dann kann ich ihm helfen, sich schlauer hinzustellen, um den rechten Huf heben zu können. Oder es ist ein altes oder krankes Pferd, das grundsätzlich Schwierigkeiten hat mit dem Hufeheben und ebenfalls nicht total verweigern möchte, sondern mir sagen, dass es für die Bearbeitung die Hufe nicht hergeben mag, weil das zu schmerzhaft oder zu anstrengend ist. In jedem Falle gilt: wenn das Pferd den linken statt den rechten Huf hebt, kann ich sehen, dass es sich bemüht. Das Pferd kann verhindern, dass wir in Streit geraten, und trotzdem seine Meinung sagen. Schlau, oder? Und aus diesem Grund auch irgendwie eine „richtige“ Antwort.

Duncan soll derzeit lernen, sich selbst besser zu regulieren und mit seinen eigenen schlechten Launen kreativer umzugehen, anstatt sie am nächstbesten auszulassen. So lange wir beide gemeinsam etwas tun, hat er nur selten schlechte Laune, aber in seiner Freizeit ist er oft etwas miesepetrig, weil er noch nicht erwachsen genug ist, um Wege zu finden, sich selbst bessere Laune zu machen. Gerade so wie menschliche Teenager. Also üben wir verschiedene Möglichkeiten, wieder ein besseres Gefühl zu finden. Auch hier gibt es viele richtige Antworten (und nur eine wirklich falsche).

Je größer das Repertoire an (einigermaßen) richtigen Antworten ist, die man im Angebot hat, desto besser und einfacher wird das Leben für alle Beteiligten.

Egal, was wir machen, wie wir es machen und warum, wir können alle die Augen offenhalten und beobachten, welche ANDEREN richtigen  Antworten unser Pferd für uns bereithält.

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