Nachsitzen

Nach dem Unfall wieder aufs Pony zu steigen ist mit Unwohlsein verbunden. Die Angst ist wieder da. Aber sie ist nicht übermächtig, ich komme zurecht. Und bei diesem Maß an Angst weiß ich: ich kann reiten.

Beim reiten auf dem Platz suche ich jetzt nach jenen Lücken in Duncans Ausbildung, die ein solches Durchgehen zugelassen haben. Klar, er ist 6,5 Jahre alt (also in der Pubertät) und viele Pferde spinnen gerade etwas – es ist dieser Übergang vom Winter zum Frühling. Aber ich finde auch Lücken, die ich schließen kann. Dazu gehört zuallererst, dass ich ihn jetzt mit Gebiss reite, auch auf dem Platz, um dort das zu üben, was im Gelände solche Ausbrüche verhindern soll. Kleine Dinge. Zum Beispiel das Gefühl, wenn ich nach einer Stehpause die Zügel in die Hand nehme und Duncan mir als allererstes Gegendruck gibt. Ich habe ihm anscheinend noch nicht gut genug erklärt, was ich von ihm möchte, wenn ich Kontakt am Gebiss aufnehme.

Ich bin Duncan die meiste Zeit seines Lebens gebisslos geritten. So auch am Tag unseres Sturzes. Mir war klar, dass ich am Bosal keine Chance habe, eine Notbremse zu ziehen, ich hatte mich darauf verlassen, dass ich die nicht brauche (ich Dummerchen). Bei viele Ausritten hatte ich das Bosal UND das Gebiss mit und schon öfter das Gefühl, dass ich ihn nur durch das Gebiss noch „im Zaum“ halten konnte. Ich dachte, ich könnte ohne Gebiss los, ich habe mich auf Diegos Anwesenheit verlassen. Die Möglichkeit, dass Duncan AN Diego VORBEI durchgehen könnte, gab es in meinem Kopf einfach nicht.

Das Gebiss bekommt jetzt Scheiben und einen Kinnriemen, der das Durchrutschen durchs Maul verhindert, so dass ich auch einen herzhaften one-rein-stop durchführen kann, den wir auf dem Platz fleißig üben werden und demnächst auch im Gelände mal erproben. Ich bin gespannt, ob ich genug Kraft und Mut aufbringe, wenn mein kleiner Teenager-Rüpel es wirklich ernst meint und seinen Hals wieder so gerade und steif macht.

Auch beim Führen über den Hof gibt es noch Kleinigkeiten zu verbessern. Ich hasse es, so ein Korinthenkacker zu sein, aber wenn mein Pony blödes Verhalten zeigt, bin ich lieber ein Korinthenkacker, als dann ungerecht hart hinzulangen wenn es gefährlich wird. Mir ist es lieber, all die kleinen Details zu diskutieren und ich hoffe, dass damit ein großer Kampf ausbleibt. Eine Garantie gibt es dafür nicht.

An der Longe ist Duncan mir auch noch zweimal schön abgebrettert, als meine Freundin mich unterrichtet hat. Ihr Plan war, mit ihm Frustrationstoleranz zu üben und zumindest der Plan, den Frust auszulösen, hat schonmal sehr gut funktioniert. Immerhin konnte ich einige Tage später die gleiche Situation noch einmal herstellen und eleganter lösen.

Auf der anderen Seite – und das ist wieder mal sehr faszinierend – ist mein Pony motivierter denn je. Er kommt aus der letzten Ecke angeflitzt wenn ich ihn rufe und dackelt auch mal beim Absammeln hinter mir her um nach Beschäftigung zu fragen. Er gibt sich an vielen Stellen große Mühe, seine Artigkeit unter Beweis zu stellen, manchmal fast ein bisschen demonstrativ, als würde er mir etwas beweisen wollen, während er an anderen Enden Diskussionen startet. Seine Laune ist prima, ER findet es gar nicht schlimm, dass ich plötzlich so kleinlich und etwas streitsüchtig geworden bin. Er sucht nach Grenzen und Reibung und mir geht das alles gewaltig auf die Nerven, weil ich doch gerade eigentlich das Gefühl hatte, dass wir schon so schön weit sind.

Bis ich dieses Gefühl wieder habe, wird sicher noch viel Zeit ins Land gehen. Die Panne hat mich gewaltig zurückgeworfen. Gleichzeitig ist da dieses Ziel: 44km am 18.5. Aufgeben ist keine Option. Und zwischen diesen beiden Polen darf ich jetzt den richtigen Weg für uns beide finden. Soll halt nochmal einer daherkommen und sagen, Pferdeausbildung sei doch ganz einfach…

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