Charakterbildung

Der Umgang mit Pferden ist gut für den Charakter, sagt man. Besonders kann ich das dieser Tage beobachten, wenn Duncans kleine Freundin da ist. Neulich zum Beispiel:  wir hatten schon in der Stunde zuvor besprochen, dass wir diesen kleinen Trick gemeinsam üben würden, dass Duncan zwischen zwei Tonnen einparkt, auf denen ein Mensch steht. Es war auch schon klar, wer da erstmal auf den Tonnen steht: ich. Da es nicht ganz ungefährlich ist, bei den ersten Versuchen weiß man ja doch nie ob das Pony nicht eine Tonne umstößt, den Kopf im entscheidenden Moment hochnimmt oder man selbst das Gleichgewicht verliert. Noch war es aber nicht so weit, denn Duncan wurde erst noch geputzt. Während seine kleine Freundin das tut, bin ich zwar immer in der Nähe, beschäftige mich aber anderweitig. Sie kommt gut mit ihm klar, bis es dazu kommt, dass er mal wenden soll. Dann legt sie ihm vorsichtig die Hand an die Kruppe und fragt ihn leise, ob er wohl rumgehen könnte. Er war aber gerade ein bisschen eingedöst und fand ihr leichtes Schieben wohl eher als angenehmes Schaukeln, jedenfalls rührte sich nichts. Ich riet ihr, sich ein bisschen wichtiger zu nehmen, groß zu machen und etwas lauter zu sprechen, aber da passierte nicht viel. Von ferne sagte ich „geh mal rum!“ Duncan wachte auf und ging rum. „Bei dir klappt das“ sagt das Mädchen. „ja, weil ich mich selbst wichtig nehme“ „das kann ich nicht so gut“

Und hier war mein Einsatz:

„Wenn ich nachher auf diesen beiden Tonnen stehe, dann möchte ich, dass du dich so wichtig nimmst, dass Duncan dir zuhört. Ich will da nicht runterfliegen, weil du dich nicht wichtig genug genommen hast und er die Tonnen umschubst oder sowas“ Ich habe sehr darauf geachtet, das sachlich zu sagen und nicht streng zu klingen. Weiter haben wir nicht darüber gesprochen. Aber als ich dann auf den Tonnen stand, da hatte sie das wunderbar im Griff. Sie steuerte Duncan präzise und genau und hatte eine so klare, ruhige Ausstrahlung, dass der Trick auf Anhieb gelang. Und mir wurde klar: sie hat sich selbst wichtig genommen um mich zu schützen, das fiel ihr leichter als sich selbst einfach nur wichtig zu nehmen, damit Duncan wendet. Wenn sie es so ein bisschen üben kann, wird sie vielleicht eines Tages auch mehr für sich selbst einstehen. Man muss einem feinen, freundlichen Pony wie Duncan dazu ja keinen Druck machen oder ärgerlich sein. Wenn man ausstrahlt, dass das gerade wichtig ist und dass man nicht bereit ist, Gezappel oder Ignoranz hinzunehmen, dann ist Duncan ja mehr als bereit, gut mitzumachen. Er freut sich über klare, sachliche Anweisungen und kann sich dann auch prima konzentrieren. Und das ist doch das perfekte Setting für ein Mädchen, um zu lernen wie das geht: ruhig und selbstsicher für die eigenen Ziele und Wünsche einstehen, klare Grenzen setzen ohne ärgerlich zu werden.

In der nächsten Stunde haben wir uns dann mit Fußballspielen beschäftigt. Hier ging es darum, das Pony genau zu beobachten, Kriterien festzulegen, wann belohnt wird und Zwischenschritte zu erkennen. Auch mal kurz auszuhalten, dass es nicht geklappt hat und Duncan Frust schiebt, weil es keinen Keks gab. Zu erkennen, wann er eine Frage stellt und wann er einfach irgendwas tut ohne nachzudenken.

Wenn beide Fähigkeiten zusammenkommen – die genaue und gute Beobachtung des Gegenübers sowie das eigene „Standing“, dann wird Kommunikation auch mit Menschen leichter. Der Umgang mit Pferden ist gut für den Charakter – wenn wir guten Umgang mit Pferden lernen und lehren.

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