Duncans kleine Freundin ist 12 Jahre alt. Und ihre bisherigen Erfahrungen mit Pferden sind ziemlich schlecht. Geschichten, die sie mir erzählt, handeln immer von Pferden, die ihrer Aufgabe anscheinend gar nicht gewachsen waren. Die durchgehen, wenn es die kleinste Störung gibt (weil z.B. ein Kind beim Absteigen das Bein nicht hoch genug genommen hat und am Sattel hängen geblieben ist). Wörtlich ist mir der Satz im Ohr geblieben „Duncan ist das erste Pferd das ich kenne, das keine Angst vor der Gerte hat“. Sprich: die Zustände müssen gruselig gewesen sein. Ich dachte, seit ich als Kind in der Reitschule war, hätten sich die Dinge verbessert…
Ganz langsam erarbeitet Duncan sich ihr Vertrauen. Er kennt sich jetzt schon ganz gut aus, ist selbst nicht mehr so aufgeregt, wenn sie da ist, sondern weiß, dass er im Zweifel immer bei mir nachfragen kann, wenn er etwas nicht verstanden hat. Und dass Stehenbleiben auch hier immer eine gute Option ist. (Natürlich hat er auch herausgefunden, dass sie Kekse in der Tasche hat, das soll ja nicht unerwähnt bleiben)
Wir probieren allerhand Dinge, die man mit Pferden machen kann. Fahren vom Boden fand sie z.B. toll und diese Woche haben wir es mal mit longieren versucht. Im Schritt haben Duncan und sie das schnell hingekriegt. Dann schlug ich einen Trab vor. Unsicherer Blick. Ich fragte, was sie denn befürchtete was passieren könnte. „weiß nicht“. Sag doch mal: was ist das Schlimmste was passieren könnte? „er könnte losrennen und mich hinterherschleifen“
Das ist – theoretisch – eine realistische Möglichkeit. Was sage ich jetzt? Das macht er nicht? Nein, denn sie soll nicht MIR glauben, sondern selbst entscheiden, ob sie sich mit dem Pony in dieser Situation sicher fühlt. Also habe ich ihr erklärt, dass wir Menschen (als Affen) immer dazu neigen, uns festzuhalten. Dass aber im Umgang mit Pferden immer gilt: loslassen, loslassen, loslassen. So wie sie die Longe hält, kann sie im Notfall sofort loslassen, ohne, dass sich etwas zuziehen kann. Damit war sie einverstanden. Ok. Sonst noch schlimme Ideen? „er könnte sich erschrecken und losrennen und dann falle ich hin“. Ja, auch das kann theoretisch passieren. Ich fragte, wovor er sich denn hier erschrecken könnte. „vor einem Spatz der hier rum flattert“ (möglich) „wenn eins der anderen Pferde plötzlich auftaucht“ (möglich) „oder wenn ich aus versehen ein lautes Geräusch mache“ (auch möglich). Keines der Szenarien wäre geeignet, Duncan in Galopp zu versetzen. Aber sie soll selbst rausfinden, woher sie das wissen könnte. Also sage ich: neulich hast du ihn erschreckt, weißt du das noch? „ja stimmt, da war er in der Scheune angebunden und ich bin plötzlich um die Ecke gekommen“. Und woran hast du gemerkt, dass er sich erschreckt hatte? „er hat so geguckt“ stimmt. Und er ist vorher ganz doll zusammengezuckt. Ist er da losgaloppiert? „nein“ gut, dann weißt du also, dass er nicht der Typ ist der gleich losgaloppiert. Wenn wir draußen im Gelände wären, wäre das vielleicht was anderes aber hier drin ist er zu hause und fühlt sich sicher. (kurzes Gespräch darüber, wie und wo ein Pferd sich zu hause fühlt. Eigentlich wie ein Hund, der auch weiß wo zu hause ist, meint sie, und ich stimme ihr da zu. Ich erzähle, wie er sich im Gelände losgerissen hat beim Spazierengehen und direkt nach hause galoppiert ist.)
„und wenn ich hinfalle?“ Tja da schlage ich vor, wir probieren das aus. Große Augen. Du lässt ihn im Schritt um dich rumgehen und dann lässt du dich fallen. Gesagt, getan.
Duncans Reaktion war wie erwartet. Keks! Meine kleine Schülerin war sehr glücklich und sofort bereit, den Test für die Kamera zu wiederholen.
Danach hatte ich noch ein Angebot, was noch schlimmes passieren könnte: er könnte zu dir kommen und dich umrennen oder umschubsen. Was machst du um das zu verhindern? In die Luft springen, mit den Armen wedeln und schreien, wenn du ihn auf dich zukommen siehst. Ok.
Und jetzt überlegen wir, ob noch etwas schlimmes passieren könnte. Keine Idee mehr. Dann nehmen wir uns jetzt noch ein paar Momente und malen uns aus, was denn passieren SOLL. Was ist das BESTE was passieren kann? Damit du dieses Bild im Kopf hast und er das an deiner Körpersprache sehen kann.
Nach dieser Besprechungs- und Test-Reihe konnte sie ihn ohne Angst traben lassen. Und ich bin froh, denn sie hat nicht einfach MIR geglaubt, sondern das Pony kennengelernt, eingeschätzt und einen kleinen Test gemacht. Gerade so, wie ich es persönlich auch mache, bevor ich etwas mit einem mir unbekannten Pferd tue.
Horrorszenarien im Kopf sind nicht dazu da, weggewischt zu werden. Anschauen, auseinanderbauen, Wahrscheinlichkeiten abwägen, Sicherheitsmaßnahmen ergreifen und Tests durchführen. Wenn dann alles ok ist und noch viel Angst übrig bleibt, kann man die Aufgabe immer noch in kleine Häppchen zerlegen. Wenn danach noch Angst übrig bleibt kann man entweder sagen „ich mache es trotz Angst“ oder man holt sich Unterstützung, die kompetent ist, bei übertriebenen Ängsten zu helfen. Aber vorher finde ich es ganz wichtig, festzustellen, ob die Angst nicht vielleicht begründet ist. Und ihre Ängste waren aufgrund ihrer Vorerfahrung sogar sehr begründet, nur eben nicht für Duncan.
Ich wünsche mir so sehr, dass kein kleines Mädchen, das Ponys liebt, solche Erfahrungen machen muss wie sie. Anfänger (egal welchen Alters) brauchen Anfänger-geeignete Pferde!! Und gleichzeitig bin ich unfassbar stolz auf meinen kleinen großen Ritter, der ihr so fein hilft mit seiner beständigen, verlässlichen Art – und das wo er selbst erst 6 Jahre alt ist.