„Raketenwetter“ oder auch „Drachenpferd“ – es ist Winter, manche Pferde haben deutlich mehr Laufbedürfnis als im Sommer. Und das liegt nicht daran, dass die irgendwie eingesperrt wären, die meisten leben genauso wie im Sommer. Aber das Wetter macht sie einfach „wild“. Von allen Seiten höre ich, dass es nicht nur beim Ritter „kribbelt“. Während das bei manchem ruhigeren Kandidaten sogar ganz angenehm sein kann (Merlin bin ich immer am liebsten geritten wenn es unter 5 Grad war und auch heute ist das noch seine Wohlfühltemperatur), wird manch anderer dann eher unkontrollierbar.
Wenn ich als Ausbilderin komme, wird von mir oft erwartet, dass ich das Energieniveau des Pferdes auf magische Art und Weise sofort regulieren kann – rauf oder runter, je nachdem was der Mensch gerade möchte. Und erst jetzt wird mir so richtig bewusst, was wir da von unseren Pferden eigentlich verlangen. In so einer Herde ist das Energielevel oft gut eingespielt. Je nach Tageszeit, Wetter und Jahreszeit ist da mal mehr, mal weniger Action. Meist wird gemeinsam geruht, gemeinsam gerannt oder gewandert. Und dann komme ich als Mensch und habe meinen ganz eigenen Plan. An einem Tag ist so schönes Wetter, da möchte ich gern einen feinen Ausritt machen. Mein Pony hat aber beim ersten Sonnenschein nach 3 Tagen eigentlich eher ein Nickerchen in der Mittagswärme geplant. An dem Tag hingegen, an dem es krachkalt und neblig ist, möchte ich als Mensch nicht so lang draußen sein und plane daher eine kürzer Einheit – dabei wäre das für mein Pony vielleicht eher der Tag an dem man mal 3 Stunden loszieht. Mensch und Pferd sind sich da einfach von Natur aus so gar nicht einig und das kommt im Winter besonders zum tragen (weil wir Menschen eben keinen vernünftigen Pelz haben, wie Duncan immer wieder feststellt).
Ich versuche immer, Kompromisse zu finden. Wenn mir kalt ist und mein Pony flitzen möchte, nehme ich ihn an die Longe und laufe selbst viel mit. So wird mir warm und er kann sich austoben. Wenn die Sonne scheint und es sehr warm ist, gehen wir viel Schritt, meist wird er dann munter wenn er schwitzt und sich darüber abkühlt. An ganz schwierigen Tagen habe ich mit Duncan zum Glück immer die Möglichkeit, wippen zu gehen. Egal wie überdreht er ist, das kriegt er einigermaßen hin. Und auch wenn er ein bisschen müde war, wacht er beim Anblick der Wippe sofort auf.
Auch diesen Winter sehe ich ihm den Energieüberschuss am ehesten an seiner Laune an. Er meckert dann sehr rum wenn ich Heu füttere und wirkt mit der Gesamtsituation unzufrieden. Man möchte ja meinen, dass Offenstallpferde sich selbst austoben können, aber sie tun es eben nicht so richtig. Ein bisschen wie Kinder, die nicht so richtig wissen, was sie mit sich anfangen sollen.
Damit ich als Mensch meine Pläne verfolgen kann und weil ich nun mal diejenigen mit den Terminen und der Uhr bin, wird mein Pferd lernen müssen, sich anzupassen. Klar kann ich auch auf Wünsche eingehen, aber wenn ich zum ausreiten verabredet bin, kann ich manchmal nicht warten, bis mein Pony ausgeschlafen hat. Und wenn er gerne nur galoppieren möchte, der Boden aber einfach zu rutschig und mir das deshalb zu gefährlich ist, wird er sich auf Trab beschränken müssen. Und wenn alles vereist ist, dann sind wir auf unsere winzige Halle beschränkt, in der auch nicht viel mit Tempo los ist. Dann ist Kopfarbeit das Mittel der Wahl. Ich komme ihm so weit wie möglich entgegen, aber letztlich muss er lernen, sich anzupassen. Seine eigene Energie zu regulieren, sich runter zu regeln oder ein bisschen aufzuwachen. Am einfachsten ist es sicher, wenn wir als Menschen immer ein ähnliches Energieniveau möchten. Das ist leicht, wenn jemand sehr gleichmäßig arbeitet, also z.B. viel reitet und longiert, so dass immer viel Bewegung im Spiel ist oder umgekehrt eher viel Hand- und Bodenarbeit im Schritt macht, so dass es immer ruhig zugeht. Wenn ich mein Pony hole, weiß er aber oft nicht, was gefragt ist. Und das was gefragt ist, reicht von Handarbeit im Schritt bis zu 15km flottem Ausritt weitgehend im Trab und Galopp. Ich denke, dass er inzwischen gelernt hat, sowohl am Equipment, als auch an der Vorbereitung und meiner eigenen Stimmung zu erahnen, was wohl auf dem Programm stehen könnte. Ansonsten gebe ich ihm eben die Zeit, die er braucht, um sein Energieniveau anzupassen. Wir alle kennen das vielleicht vom Sport: erstmal anfangen, das dauert, bis der Körper sich darauf eingestellt hat, dass jetzt mehr Energie gebraucht wird. Aber nach einer Weile geht es dann. Wenn zu viel Überschuss da ist, baue ich erst etwas Kopfarbeit und Konzentration ein oder versuche, das „Überdruckventil“ gerade so zu regulieren, dass er laufen kann, aber nicht durchdreht.
Manchmal schätzt einer von uns (oder wir beide) die Situation aber auch falsch ein. Als wir gestern in Begleitung der Kutsche unterwegs waren, hatte ich vermutet, dass wir ordentlich Gas geben müssen um mitzuhalten. Aber dem war nicht so, Eria war eher langsamer als wir, im Schritt so wie im Trab. Also war plötzlich angesagt, das Tempo nach unten zu regulieren, das stieß bei Duncan zunächst auf Verwirrung. Und ich meine wirklich Verwirrung, denn Energieüberschuss hatte er nicht, er war ganz entspannt. Er hatte sich nur auf ein flottes Workout eingestellt, das dann keines wurde. Auch solche Dinge passieren, gerade wenn man mit anderen unterwegs ist die man noch nicht so gut kennt.
Ich glaube, die Fähigkeit, zu einer beliebig von außen vorgegebenen Zeit Energie bereitzustellen oder sich zu entspannen ist eine wesentliche Fähigkeit um gut zurechtzukommen im Leben – sei es als Mensch oder als Pony. Und ich möchte der Entwicklung dieser Fähigkeit mehr Aufmerksamkeit widmen. Wenn jemand Trainer oder Bücher zum Thema kennt, her mit den Tipps.
Vielleicht haben sie mehr Laufbedürfnis, weil Bewegung ja auch warm hält und ihnen sonst kalt ist?
Für Offenstallpferde könnte das schon ein Argument sein.
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(zumindest solche, die von der Natur keinen Pelzmantel bekommen)
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