Ein Freund, ein guter Freund

Neulich habe ich in einem Podcast  eine schöne Umschreibung gehört für das was Elsa „in Harmonie gehen“ nennt. Sie lautet: „verhalte Dich wie ein Freund“. Und ist es nicht das, was wir alle sein wollen? Ein Freund für unser Pferd? Im Freedom Based Training ist die Definition dieses Verhaltens klar umrissen, aber Freundschaft hat viele Gesichter und auch die, die kein FBT machen, können diesen Satz für sich mal durchdenken.

Wie verhält sich denn ein Freund? Ein Freund ist zum Beispiel jemand, der mit uns gemeinsame Aktivitäten unternimmt auf eine Art und Weise die sich für uns beide gut anfühlt. Wenn ich mit meiner Freundin ausreiten gehe, dann haben wir ähnliche Vorlieben, einen ähnlichen Rhythmus. Wir nehmen aber auch Rücksicht aufeinander, um diesen gemeinsamen Rhythmus herzustellen. Das ist ein Teil der Freundschaft. Ein anderen Teil von Freundschaft ist für mich, dass ich versuche, die Bedürfnisse des anderen wahrzunehmen und zu erfüllen. Wenn meine Freundin mich bittet, keinen Knoblauch an die Salatsoße zu tun, dann merke ich mir das. Ich werde es nicht nur dieses Mal machen (das ist selbstverständlich), sondern ich werde es nächstes Mal von selbst nicht tun. Ein Freund ist auch mein Mann, der mir ansieht, wann ich eine Tasse Tee gebrauchen könnte und mich dann fragt, ob er mir eine machen soll. Er kommt mir dabei zuvor bei der Erfüllung meiner Wünsche (ich könnte mir den Tee ja auch selbst kochen).  Und dann geht es noch eine Stufe weiter: manchmal, wenn ich nach hause komme, hat er mir schon eine Tasse Tee hingestellt. Weil er weiß, dass ich nach vielen Stunden im Kalten gern einen heißen Tee trinken möchte. Der Tee „köchelt“ dann auf dem Stövchen und ist für mich ein großes Geschenk von einem wunderbaren Menschen, der an mich gedacht und meinen Wunsch vorausgesehen hat. Er kennt mich eben gut!

Bei Duncan habe ich ein Beispiel gefunden, an dem ich es gut erklären kann: Popo kratzen. Duncan wird in der Regel nicht gern gekratzt. Er ist nicht so ein Anfass-Typ. Als seine Freundin weiß ich das und fasse ihn nur dann an, wenn es nötig ist. Aber es gibt eine Ausnahme: wenn er Winterfell verliert. Wir haben festgestellt – er und ich – dass es dann ein paar Tage oder Wochen gibt, an denen er gern oberhalb der Schweifrübe gekratzt wird. Das ist ein sehr kleiner Bereich vom Pferd und eine sehr kurze Zeit im Jahr in der er das mag. Letztes Jahr hat er herausgefunden, wie er mir sagen, kann, dass er da jetzt gekratzt werden will: er dreht den Po in meine Richtung (ohne mir nah zu kommen) und schaut sich dann zu mir um und macht eine „Genusslippe“. Klare Ansage! Der Bitte komme ich natürlich gerne nach. Ich verhalte mich wie eine Freundin. Dieses Jahr möchte ich versuchen, den Zeitpunkt zu erhaschen, zu dem es anfängt. Ihm gelegentlich anbieten, dass ich ihn kratzen könnte, noch bevor er mich danach fragt. Er kann dann ja sagen oder nein, es ist ja nur ein Angebot. So als würde mein Mann sagen „möchtest Du eine Tasse Tee?“. So kann ich Duncan zeigen, dass ich seine Bedürfnisse im Blick habe. Es ist nur ein kleines Beispiel, aber eines an dem ich es gut sehen kann. Ein Freund ist jemand, der Wünsche erfüllt die du aussprichst. Ein noch besserer Freund, der dich gut kennt, ist jemand, der Deine Wünsche schon erahnt und vorab anbietet, sie dir zu erfüllen.

Der Grat ist schmal. Ich habe mal ein paar mal einen jungen Mann gedatet, der beobachtet hatte, dass ich beim ersten Essen gehen einen KiBa trank und danach meinte, das würde ich so wollen. Da wurde ein KiBa für mich bestellt, ohne dass ich gefragt wurde, und das hat mich doch massiv gestört. Er kannte mich einfach noch nicht gut genug, bildete sich aber ein, mich zu kennen. Er hat versucht, sich wie ein guter Freund zu verhalten, obwohl er das noch gar nicht war, und das funktioniert eben so nicht. Das kann auch beim Pferd ganz schön nach hinten losgehen. Wenn wir echte Freunde sein wollen, liegt es also an uns, zu überprüfen, was wir denn schon wirklich über unser Pferd wissen und wo wir vielleicht falsche Schlüsse gezogen haben. Ein guter Freund ist man nicht, indem man einfach nur nett ist. Ein guter Freund zu sein bedeutet echtes „Investment“. Sich Mühe geben, beobachten, nachfragen, zuhören, es ernst meinen. Egal, ob mein Gegenüber ein Mensch ist oder ein Pferd.

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