Ich bin schon immer eher eine ängstliche Reiterin gewesen. Seit Finlays Tod hat sich das potenziert, mein Kopf ist allzu gut darin, Horror-Szenarien zu erdenken. Dabei habe ich nie Angst um mich selbst, immer nur um mein Pony. Gräben, Stacheldraht, Straßen…. die Auswahl ist groß und in meinen Gedanken ist mein Pony immer gleich tot. Das ist nicht rational, das weiß ich auch. Und zum Glück wird es auch besser, nach und nach. Neulich, als wir im Wald über den rutschigen, blätterbedeckten Boden geschlittert sind, ich vorneweg auf dem schmalen Weg und Duncan hinter mir her, habe ich gemerkt, wie viel weniger Angst ich hatte als noch vor zwei Jahren. Ich habe mich sogar ziemlich sicher gefühlt. Früher hätte ich das so hingenommen und mich gefreut. Von Elsa habe ich aber gelernt, dass es sich lohnt, näher hinzuschauen und zu versuchen, mehr Einzelheiten zu identifizieren. Was war anders als früher, warum habe ich mich sicherer gefühlt? Ist das nur meine eigene Entwicklung, fühle ich mich selbst in der gleichen Situation besser oder hat sich Duncans Verhalten geändert? Und ich stelle fest: beides ist wahr. Duncans Verhalten hat sich geändert, er selbst ist ruhiger geworden und souveräner in so einer Situation. Früher hätte er gedrängelt und ständig versucht, etwas zu essen, denn das ist seine Strategie, mit Aufregung umzugehen. Diesmal war er einfach mit genügend Abstand hinter mir und hat sich auf den Weg und auf seine eigenen Füße konzentriert. Später, als ich wieder aufgestiegen war und ihn bat, mich den Berg runter zu tragen, konnte er sogar in Ruhe kommunizieren, dass er das schwer findet (er ist einmal stehen geblieben, ich habe ihm Mut zugesprochen und versprochen, sofort abzusteigen wenn er noch einmal stehen bleibt. Er hat es dann geschafft, mich den Berg runter getragen und unten kräftig abgeschnaubt. Eine tolle Leistung in jeder Hinsicht!)
Auch in anderen Situationen habe ich weniger Angst. Und ich habe mir angewöhnt, Duncans Verhalten genauer zu beobachten, um dann, wenn wir allein ausreiten gehen, besser einschätzen zu können, ob sein Verhalten normal ist. Denn ganz oft beurteilen wir Verhalten unterschiedlich, ohne es zu merken. Zum Beispiel ist es vollkommen normal, dass Duncan anfangs langsam geht. Es gibt da Abstufungen – vielleicht je nach Tagesform, das weiß ich (noch) nicht – aber er startet nicht mehr direkt durch (das war früher so. Hat sich geändert, wie sich fast alles mal ändert während so ein Pony erwachsen wird). Ich merke aber auch, wie oft ich unbewusst noch auf der Bremse stehe. Wie sehr ich ihm vielleicht BEIGEBRACHT habe, so langsam unterwegs zu sein. Denn „auf der Bremse stehen“ ist nicht so aktiv gemeint wie es sich anhört. Ich meine damit, dass ich mich doch oft etwas wohler fühle, wenn ich ein bisschen treiben muss als wenn ich das Gefühl habe, er trabt mir gleich an. Das versuche ich jetzt bewusst zu ändern und zu genießen, wenn er fröhlich voran schreitet.
Ich nehme aber auch wahr, was mir ein unsicheres Gefühl macht und ich bin gewillt, mein Pony auf eine Art auszubilden, die mich nachher sicher macht. Z.B. hat Duncan die Angewohnheit, irgendwo hin zu schauen und dann auch dort hin zu laufen. Wie ein kleines Kind. Aber in unserer Gegend muss man natürlich auf den Wegen bleiben, man kann leider nicht einfach da hinlaufen wo man gerade hin schaut. Und oft genug ist zwischen dem wo man gerade ist und dem wo man hinschaut auch noch das eine oder andere Hindernis – ein Knick, ein Zaun, eine Straße. Also möchte ich, dass er lernt, zu gucken und trotzdem auf dem Weg zu bleiben. Wie genau ich anstelle, dass er das langfristig selbstständig kann – keine Ahnung, Tipps sind mir willkommen. Was mir auch noch fehlt ist das eindeutige Gefühl, zur Not einen One-Rein-Stop zu haben, denn Duncan kann seinen Hals derart stabil machen, dass ich keine Chance habe, mit einer Zügelhilfe durchzukommen. Das ist ein fieses Gefühl, auch wenn er noch nie wirklich etwas blödes gemacht hat. Dazu können wir allerdings noch einiges auf dem Reitplatz üben, da können wir uns im Winter drum kümmern und sehen ob es sich dann besser anfühlt.
So ein Pferd weiß nicht von selbst, was wir brauchen um uns gut zu fühlen. Selbst in der Herde müssen die Pferde immer wieder untereinander kommunizieren, welches Verhalten ihnen gefällt und welches nicht. Und reiten ist so eine unnatürliche Situation für ein Pferd, dass es keine „Vorlage“ dafür hat, sondern einfach das tun wird, womit es bisher „Erfolg“ hatte (was auch immer das ist: Harmonie, Kekse, Feierabend aber vielleicht auch ein kleiner Galopp oder die Wahl des Weges, es gibt viele Möglichkeiten). Je besser wir also wissen, welches Verhalten unser Sicherheitsgefühl stärkt, desto besser können wir unser Pferd passend dazu ausbilden und in der Regel wird ein Pferd sich gerne in diese Richtung ausbilden lassen, weil es dazu führt, dass der Mensch ein angenehmerer Zeitgenosse wird. Man muss es ihnen halt nur mal sagen, dann tun sie vieles sehr gern für uns.