Je länger ich mich mit dem Dschungel der Reitweisen beschäftige, desto mehr Bewegungsideen gibt es in meinem Hirn. Jede Reitweise hat so ihre Ideale, wie es mal aussehen soll. Dann gibt es Fotos, heutzutage auch Videos, aber auch die sind natürlich immer nur Ausschnitte und fühlen kann man das alles nicht. Man schaut also hin und nimmt mit den Augen wahr, was da ist. Manchmal werden dann Linien, Winkel und Hebel eingezeichnet, damit auch der Laie erkennen kann, was es da zu sehen gibt. Das ist nicht verkehrt, aber eben nur die halbe Wahrheit. Denn was bleibt: das eigene Pferd (und die meisten Freizeitreiter haben nunmal nur eins) sieht man selten von außen beim reiten. Man fühlt es wenn man drauf sitzt. Und jetzt versucht unser Gehirn verzweifelt, das, was da an Gefühl ankommt, in ein Bild zu übersetzen und dann mit dem Bild abzugleichen, das wir gesehen haben. Aber auf dem Bild, das wir gesehen haben, war nicht das eigene Pferd, sondern ein anderes – vielleicht ein Warmblut, während man selbst einen Norweger reitet. Und das Pferd auf dem Bild hatte einen anderen Ausbildungsstand, genau wie der Reiter auf dem Bild. Und schon passt nichts mehr zusammen. Dann fangen viele an, zu sezieren: Kopf muss tiefer, Hinterbein muss weiter untertreten, Biegung stimmt nicht. Es ist nichts dagegen einzuwenden, ab und zu was zu sezieren. Aber das Pferd kann damit nicht so viel anfangen. Das Pferd kann zwar lernen, einzelne Körperteile anders zu verwenden, aber das macht nicht notwenigerweise das Gesamtkunstwerk besser.
Früher hat man uns im Reitunterricht gesagt, der Absatz sollte runter. Warum? Hat uns keiner erklärt. Wie? Hat auch keiner erklärt. In Wirklichkeit ist – zumindest nach meinem Verständnis – der tiefe Absatz das Ergebnis eines guten Sitzes (Sitz! Also das was im Becken und Rumpf stattfindet). Einer Reiterin zu sagen, sie soll den Absatz tiefer nehmen, wird ihre Bewegungsidee für den Rumpf wohl kaum ändern und somit nicht viel helfen.
Und den Pferden geht es sicher ähnlich. Auch die Pferde brauchen vorwiegend ihren Rumpf, um sich und evt den Reiter zu tragen. Dem Pferd etwas über sein linkes Hinterbein zu sagen, wird sich nur begrenzt darauf auswirken. Wichtiger ist sicher die generelle Bewegungsidee, die ich meinem Pferd vermittle, über mein innere Bild, über das Lob an entsprechender Stelle und auch über die Aufgaben, die ich ihm stelle und die das eine oder andere Bewegungsmuster fördern.
Zu versuchen, diese grundsätzlichen Bewegungsideen zu verstehen, die sich in jeder Reitweise etwas anders darstellen, ist ganz schön interessant (für mich viel interessanter als mich im Klein-Klein der einzelnen Übungen, Linien für Beine und Winkel für Kopf und Hals zu verlieren). Es eröffnet sich mal wieder eine große Spielwiese für Experimente…. Ich versuche, diese Bewegungsideen mehr zu erspüren als mit Linien in Fotos einzuzeichnen. Das eine schließt das andere übrigens nicht aus. Aber während ich meinem Pferd ein Gefühl vermitteln kann – durch meinen Sitz, mein inneres Bild, meine eigene Bewegung – werde ich ihm nicht helfen, indem ich ihm ein Foto mit Linien hinhalte. Das heißt auch wenn ich mal Fotos oder Videos mit Linien anschaue: am Pferd muss ich es schaffen, das in etwas umzusetzen, was mein Pferd verstehen kann. Eine Bewegungsidee. Und dann werde ich ja sehen, was mein Pferd daraus macht und wie es sich damit fühlt.