Ausbildungstempo

„Auf Instagram hab ich gesehen …. – können wir das auch lernen?“ Ich muss ein bisschen kichern, denn das scheint eine neue Mode zu sein. Wenn ich zum Unterricht komme und frage, was wir machen wollen, kommt das jetzt immer mal wieder als Antwort. Oft ist das, was meine Schülerin da auf Instagram gesehen hat, ein relativ einfacher Trick. In diesem Fall war das Pferd seitwärts gegangen, währen die Besitzerin vorneweg ging – diese Übung ist leicht zu erkennen anhand der Beschreibung der Gertenhaltung („die hat die Gerte hier so und da so“ – aha, das hört sich nach Kruppeherein an.) Wie dem auch sei, in diesem Fall war schnell geklärt, was wir heute üben, nämlich dass das Pferd die Kruppe auf Gertenzeig Richtung Mensch bringt. Das ist an sich eine einfache Übung, aber viele Menschen tun sich damit schwer – und manche Pferde anfangs auch, wobei ich bei den Pferden eher vermute, dass sie die Bewegung als falsch empfinden, weil ihnen von anfang an gesagt wurde, dass man den Hintern nicht zum Menschen dreht. Da ich oft erlebt habe, dass Schülerinnen am Anfang Schwierigkeiten haben, ist das eine der Übungen bei denen ich anbiete, es zunächst selbst zu machen. Die Schülerin kann dann übernehmen, sobald sie eine Idee hat wie es gehen kann. Diese spezielle Schülerin hat noch wenige Erfahrung in diesen Dingen und war nur allzu glücklich, das Pferd an mich abzugeben.

Ich hatte Glück: die Seite, die ich zuerst versuchte, ging recht leicht. Das Pferd hat nur wenige Fehlversuche gemacht, bis es verstanden hatte, worum es ging. Es brauchte bei dem sensiblen Wallach nur ganz wenig, um ihn in Bewegung zu bringen und dann konnte ich diese Bewegung schnell in die erwünschte Richtung lenken. Tadaaa! Aber dann kam die andere Seite. Und das Pferd hatte einen Knoten im Hirn. Er ging viel rückwärts, war verwirrt, verstand mich nicht. Ich versuchte, ihm ganz viel Ruhe zu geben. Und das sind die Momente, in denen ich kurz zucke: warum brauche ich jetzt so lange für diese einfache Übung? Wenn ich jetzt einmal kurz etwas mehr Druck machen würde, dann würde er das wahrscheinlich machen. Dauert es meiner Schülerin zu lange? Findet sie es blöd, eine ganze Einheit mit dieser Übung zu verbringen? Wie kann ich schneller zum Erfolg kommen? Dann erinnere ich mich, wie ich mit dem Pferd arbeiten würde, wenn es mein eigenes wäre und versuche, mich daran zu orientieren – egal was die Schülerin darüber denkt. Manche Leute sehe ich nach so einer Einheit nicht wieder. Ist mir schon passiert. Natürlich höre ich keine Begründung, aber der Verdacht liegt nahe, dass es ihnen zu lang gedauert hat. Sie haben ein Problem, das wollen sie jetzt lösen und ich bin dafür zuständig. Zeitdruck ist in unserer Welt allgegenwärtig, auch am Pferd.

In diesem Fall hatte ich gegen Ende unserer Einheit endlich Erfolg, das Pferd hatte mich verstanden. Er hat dann auch mit seiner Besitzerin die Übung auf beiden Seiten wiederholt und ich konnte klar sehen, dass er wirklich verstanden hat, was wir wollen. Er war ruhig und klar in seinem Verhalten, hat kurz überlegt bevor er sich bewegt hat und dann präzise den erwünschten Schritt gemacht. Feierabend! Ich fuhr weg und war ein bisschen gespannt, was damit jetzt passiert.

Einige Tage später kam eine Whatsapp „Ich bin immer noch sehr beeindruckt, was du mir in der letzten Reitstunde gezeigt hast. Mein Pferd konnte es nach ein paar Tagen immer noch abrufen. Und deine Ruhe und Geduld hat mich etwas gelehrt, vielen lieben Dank!“

So eine Nachricht ist so ziemlich das beste, was mir passieren kann. Wenn eine Schülerin – die ja zu mir kommt, um etwas zu lernen – dann nicht nur diese Übung versteht, sondern auch an mir beobachten kann, dass Ruhe und Geduld sich auszahlen, dann habe ich viel erreicht. Die Ruhe, die den meisten von uns immer so fehlt, können wir beim Pferd finden, wenn wir uns darauf einlassen. Wenn wir zulassen, dass das Pferd das Lerntempo bestimmt.

Kurze Zeit später bekomme ich eine weitere Nachricht, diesmal von einer Kollegin, die ich aus der Ferne unterstützen darf bei ihrem schwierigsten Projekt. Sie hatte unter Zeitdruck einen Rückschritt mit ihrem Pferd und hat sich vorgenommen, es in Zukunft ganz sein zu lassen, wenn sie nicht genug Zeit hat. Ich rate davon ab: wenn wir nichts mit unseren Pferden machen, weil wir „heute nur so wenig Zeit“ haben, werden wir bald nur noch sehr selten mit unserem Pferd arbeiten. Denn „heute wenig Zeit“ ist für die meisten von uns eher Standard als Ausnahme. Ich habe gelernt, dass es oft besser ist, trotzdem was mit dem Pferd zu machen. Es muss halt nur dem Zeitrahmen angemessen sein. 10 Minuten Freedom Based Training bringen erstaunlich viel und brauchen null Vorbereitung. Wer das nicht machen will kann in 10 Minuten zum Beispiel kleine Übungen wiederholen, die eigentlich sitzen, aber eine Auffrischung vertragen können. Oder 10 Minuten massieren und vorsichtig dehnen. Ich stelle mir dann oft den Wecker auf 8 Minuten, dann habe ich, wenn er klingelt, noch 2 Minuten für einen guten Abschluss, brauche aber zwischendurch nicht pansich auf die Uhr zu schauen.

Trotzdem möchte ich allen raten, sich gelegentlich Zeit freizuschaufeln um „open end“ mit ihrem Pferd arbeiten zu können. Sich reinfallen zu lassen in die gemeinsame Zeit und die Ruhe haben, etwas neues zu probieren. Oder einen größeren Ausflug (egal ob geritten, gefahren oder gelaufen) zu machen.

Wer eine neue Übung anfangen will, hat entweder beliebig viel Zeit dafür, oder einen guten Plan an Zwischenschritten, so dass man jederzeit mit einem guten Zwischenergebnis enden kann. Letztendlich sind in der Ausbildung eines Pferdes ja eh alles nur Zwischenschritte, denn fertig ist man wohl nie. Man gibt sich mit einem bestimmten Status quo zufrieden, der heute hoffentlich ein bisschen höher ist als gestern. Vielleicht kann uns dieser Gedanke trösten an den Tagen an denen wir denken, dass wir nicht vorankommen.

Ich jedenfalls freue mich über jede Pferdefrau, die bereit ist, mit ihrem Pferd in Ruhe zu arbeiten und meine Leistung als Ausbilderin nicht daran bemisst, wie schnell ein Pferd eine bestimmte Lektion zeigt. Viel bessere Kriterien sind: wieviel Stress und wie viel Spaß hatte das Pferd beim Lernen, wie gut ist das Gelernte nachher abrufbar, wie „haltbar“ ist das Gelernte auch wenn man es längere Zeit nicht abruft und wie ist die Beziehung zwischen Mensch und Pferd gewachsen durch das gemeinsame Lernen. Macht das Gelernte mein Pferd langfristig gesünder, schöner, stolzer, selbstbewusster, sicherer? Bereitet das Gelernte mir und meinem Pferd Freude oder hilft es uns in Situationen, die vielleicht etwas schwierig sind und verbessert dadurch unser beider Lebensqualität?

Leider haben wir in unserer Gesellschaft im Allgemeinen wenig Aufmerksamkeit auf diesen Dingen, aber die Pferde können uns das lehren und das macht auch unser eigenes Leben wertvoller.

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