Duncan ist ziemlich erwachsen geworden in den letzten Wochen. Schwer zu beschreiben, aber er ist viel stabiler in sich und es kommt mir so vor als würde er sich nicht mehr so oft selbst im Weg stehen. Seine Laune ist besser, er wirkt vernünftiger. Klar, es kann immer alles am Wetter liegen und ich habe auch wieder an der Fütterung herumgeschraubt – also wer weiß? Aber ich sehe eben wie er sich verhält und dann heißt das, dass ich mein Verhalten an seines anpasse. Und dazu gehört, dass ich ihm mal wieder ein paar Privilegien gebe. Das wichtigste Privileg ist, dass er frei über den Hof laufen darf. Dafür gibt es verschiedene Gelegenheiten, zum Beispiel wenn alle Ponys ihre Schüsseln bekommen. Denn ein Pony – das von unserer Mieterin – bekommt von mir keine Schüssel. Er bekommt dann in der Zeit Heu, aber wenn er die anderen mit ihren Schüsseln sieht, will er da natürlich hin. Ich habe es also am einfachsten, wenn die Ponys mit ihren Schüsseln außer Sicht- oder außer Reichweite stehen. Und das wiederum geht am einfachsten, wenn Duncan über den Hof in einen anderen Stallteil gehen kann. Bisher war ich aber nicht sicher, ob ihm nicht auf dem Weg allerhand „wichtige“ Dinge einfallen, die er tun muss und die plötzlich wichtiger sind als ich (und ja, teilweise auch wichtiger als die Schüssel). In den letzten Wochen – vielleicht auch durch das Freedom Based Training das wir gemacht haben – ist er besser in der Lage, mich und meine Wünsche als Priorität wahrzunehmen und vorrangig zu erfüllen. Während es vorher ziemlich egal war, ob ich geschimpft habe wie ein Rohrspatz, ist durch ruhiges, körpersprachliches „Kommentieren“ seiner Verhaltensweisen jetzt eine viel schönere Art der Kommunikation entstanden. Aber ich glaube nicht, dass das ein reiner Trainings-Erfolg ist, denn auch in der Herde verhält Duncan sich deutlich erwachsener, übernimmt mehr Verantwortung, ist nicht mehr so launenhaft wie vorher.
Wir waren schon einmal an dem Punkt, an dem Duncan auch frei auf dem Hof stehen durfte. Dann kam aber eine Zeit, in der er das ein paar mal ausgenutzt hat und ich entschied, dass es dieses Privileg dann eben nicht mehr gibt. Wer nicht wartet, wenn ich das sage, der wird eben ans Halfter gelegt und auch angebunden, damit ich in Ruhe tun kann, was eben gerade zu tun ist.
Ob die Pferde verstehen, dass das freie Stehen – auch ohne Halfter – ein Privileg ist, dass man sich verdient? Dass man es selbst auch wieder verspielen kann? Ich weiß es nicht. Aber es schadet in diesem Fall nicht, davon auszugehen, dass sie das verstehen. Wenn sie es nicht verstehen, hat es keinerlei negative Konsequenzen. Wenn sie es aber verstehen, können sie lernen, mit kleinen Freiheiten gut umzugehen. Wenn Duncan ohne Halfter auf dem Hof steht und ich ihn rufe, damit er in den Stall kommt, finde ich es völlig ok, wenn er auf dem Weg noch schnell einmal in all die leeren Schüsseln schaut, die da stehen oder noch eine kleine Förster-Einheit an der Stallwand einlegt, wo wieder mal ein Löwenzahn durch die Ritze am Boden wächst. Nur von seinem Weg abweichen soll er eben nicht.
Mein älteren Ponys dürfen auch mal auf dem Hof grasen. Sie wissen ganz genau: wenn sie die Grundstücksgrenze überschreiten, hole ich sie sofort in den Stall und der Schmaus ist beendet. Das führt dazu, dass ich manchmal nur kurz meine Stimme warnend erhebe und die Ponys ihre grase-Richtung dezent ändern. So weit ist Duncan mit Sicherheit noch nicht, aber das kommt irgendwann auch noch. Und nebenbei erleichtert es MEIN Leben ungemein. Nicht immer erst ein Halfter anziehen zu müssen, sondern ein Pferd auch mal eben aus der Stalltür raus lassen zu können, ist für MICH ein Privileg.
Mal sehen, welche Privilegien sich noch ergeben. Im Gelände bleibt es schwierig, denn auch wenn Duncan gern den Weg aussuchen würde und ich grundsätzlich nichts dagegen hätte, wählt er eben doch keinen Weg (es gibt auf unsere Hausrunde einfach nur zwei Stellen wo das möglich wäre), sondern möchte lieber aufs Feld (vorzugsweise auf jedes das grün aussieht). Aber wer weiß, eines Tages. Und auch die Wahl der Gangart werde ich ihm vielleicht eines Tages öfter überlassen (können), was allerdings von mir gelegentlich mehr Mut erfordern wird (und mehr Zutrauen in seine Fähigkeiten, dann im Zweifel schnell wieder hinzuhören). Und vielleicht gibt es noch andere Stellen, die ich finden kann, um ihm mehr Freiheiten zu geben – mit dem gleichzeitigen Auftrag, mehr Verantwortung zu übernehmen.
Erstmal bin ich jetzt gespannt, ob er erwachsen bleibt (bei Finlay war das so, der war mit 6 Jahren erwachsen und blieb es auch) oder ob noch ein, zwei oder mehr Pubertätsschübe kommen. Dann kann es sein, dass ich Privilegien zeitweise wieder abschaffe. Vorerst freuen wir uns wohl beide darüber, dass es gerade so fein läuft.