Meine Workshop-Teilnehmer der 2. Generation (die den wesentlich besseren Workshop genießen konnten) haben sich ein neues Thema bestellt und das geistert durch meinen Kopf. Und ich glaube, ein großer Teil dieses Themas besteht in der Frage, was wir von unseren Pferden verlangen dürfen. Eine Schülerin hat das, was viele von uns insgeheim empfinden mal so schön auf den Punkt gebracht. Ihre Formulierung war ungefähr „er soll das machen was ich möchte, aber er soll es freiwillig und gern tun“. Da muss ich spontan an die Frauen denken, die sich wünschen, dass ihr Mann ihnen Blumen mitbringt, ihm das aber nie sagen, weil er es sonst ja nur tun würde, weil sie es ihm gesagt haben. Und dann ist es nicht freiwillig. Und überhaupt: wenn er mich wirklich lieben würde, wüsste er doch, dass ich Blumen möchte. Ja, so schwer kann man sich das Leben gegenseitig machen und ich höre das soll gar nicht so selten sein. Ich bin ja, wie man heutzutage so schön sagt, „socially awkward“ an der Stelle. Wenn ich gefragt werde, was ich will, sage ich, was ich will. Und oft genug sage ich das auch dann, wenn ich nicht gefragt werde. Gleichzeitig erwarte ich das selbe von meinem Gegenüber. Spuck´s halt aus und sag nicht lauter unwahres Zeug, von dem du denkst dass ich es hören will.
Vielleicht mag ich deswegen die Highlandponys so gern (und die meisten anderen Ponyrassen), weil die meist genauso geraderaus sind. Die haben keinen übermäßigen Respekt vor irgendwem, die möchten nicht um jeden Preis gefallen, die verbiegen sich nicht endlos für jemand anderen. Die kooperieren oder sie tun es eben nicht. Insofern ist ein gewisses Maß an „Freiwilligkeit“ bei diesen Rassen immer gegeben, denn wenn die etwas nicht wollen, dann sagen sie das. Man kann da nicht aus Versehen drüber hinweg gehen ohne es zu merken und zu wollen. Die teilen einem auch mit, wenn sie etwas blöd finden. Man kann trotzdem natürlich mit beliebig viel Druck über so ziemlich alles hinwegbügeln, was sich einem als Widerstand bietet, aber ich hoffe sehr, dass die Leserinnen meines Blogs nicht zu den Leuten gehören, die das tun.
Wirkliche Freiwilligkeit sehe ich bisher nur bei Elsa Sinclair. Sie hat gezeigt, dass die Pferde wirklich bereit sind, aus freien Stücken mit uns zu arbeiten, wenn wir genug Zeit und Wissen investieren. Warum arbeite ich trotzdem nicht ausschließlich nach ihrer Methode? Weil mein Pony – genetisch bedingt ein sehr guter Futterverwerter – sonst noch weniger essen dürfte, weil der Sport fehlen würde. Und weil ich mit ihm vereinbart habe, dass wir gemeinsam Abenteuer erleben wollen. Jedes einzelne Mal, wenn er von selbst in den Anhänger einsteigt, bestätigt er mich darin. Jedes einzelne Mal, wenn er drängelnd am Zaun steht und dringend etwas tun möchte, bestätigt er mich darin. Er kennt die Zusammenhänge, er weiß, was passiert, wenn er mit mir auf den Reitplatz geht oder den Hof verlässt. Und wenn er mir deutlich signalisiert, dass er Lust darauf hat, dann ist das zwar alles nicht ganz freiwillig (er trägt ein Zaumzeug, ich bestimme Gangart und Richtung), aber Spaß macht es ihm trotzdem. Deswegen glaube ich nicht, dass nur die reine Freiwilligkeit Pferde glücklich macht. Bei uns Menschen ist das übrigens nicht anders, wenn man es mal kritisch beleuchtet. Viele Dinge tun wir durchaus nicht ganz freiwillig – Spaß machen können sie trotzdem.
Als ich hier eine tolle Doku über den Tevis-Cup, das härteste Distanzrennen der Welt, gesehen habe, habe ich genau die beiden Seiten sehen können. An einer Stelle habe ich zu Arnulf gesagt: „ich möchte nicht, dass mein Pferd so müde aussieht“. Hier wäre für mich die Grenze, über die ich mein Pferd nicht hinweg treiben wollen würde. Andererseits: diese Pferde sind bereits viele Distanzritte gelaufen. Sie wissen, was sie erwartet. Einige sind auch schon mehrfach beim Tevis Cup gestartet, natürlich wissen sie, wo sie sind. Trotzdem starten sie hochmotiviert, sie haben Lust, sie geben Gas und müssen am Start vielfach noch ausgebremst werden. Ich denke, gute Distanzpferde haben – so wie menschliche Hochleistungssportler – auch Spaß daran, ihre eigenen Grenzen auszuloten. Ganz abgesehen vom menschlichem Ehrgeiz wissen wir hoffentlich alle, wie gut es sich anfühlen kann, etwas geschafft und geleistet zu haben. Da sind einfach Hormone im Spiel, die sicherlich auch die Tiere haben, auch wenn die kein Interesse an einem Pokal oder einer Preisverleihung haben.
Wie viel Leistung darf ich also verlangen von meinem Freizeit-Pony? Ich glaube, der Knackpunkt an dieser Frage ist, dass die Antwort sich jeden Tag ändert. Wie ist das Wetter, die Fitness, der Trainingszustand, die Laune? Je trainierter ein Pferd ist, desto mehr möchte es tun. Diese Lektion hat Duncan mir neulich ja auch mal wieder erteilt, als er dieses innere Kribbeln spürte.
Ich möchte alle Freizeitreiterinnen ermutigen, ihre Pferde mal ein bisschen mehr zu fordern. Viele bleiben weit unter ihren Möglichkeiten und ich persönlich glaube, dass das einen Beitrag zu den vielen körperlichen Problemen leistet, die unsere Pferde haben. 20 Minuten Galopp jede Woche, so sagt man, braucht eine Pferdelunge um gut belüftet zu werden. Und auf Kilometerzahlen von 10-30km am Tag kommt auch kaum ein Pferd. Leider kann keine Kopfarbeit der Welt ersetzen, dass unsere Pferde – seit vielen Generationen auf Bewegung spezialisiert – einfach laufen müssen um gesund zu bleiben und das auch auf der Weide und im allerschönsten Offenstall nicht genügen tun.
Die allerwenigsten Reiterinnen werden den Ehrgeiz haben, den Tevis Cup zu reiten (ich persönlich bin – ganz abgesehen vom Pferd – weit davon entfernt mir selbst so etwas antun zu wollen), aber ein bisschen mehr Sport wäre nicht nur für uns Menschen, sondern eben auch für unsere Pferde eine feine Sache. Und wenn wir es dann schaffen, das so zu gestalten, dass unsere Pferde Lust darauf haben und dass sie ein gewisses Mitspracherecht haben, dass sie auch mal „nein“ sagen dürfen oder einen Gegenvorschlag machen, dann können wir schon auch mal Leistung verlangen und am Ende sehen, wie stolz ein Pferd sein kann, wenn es etwas geschafft hat.