Der Unterrichtstag beginnt mit einem Pferd, das eine kleine Schwellung am Bein hat und deswegen nur Schritt gehen soll. Wir üben also Handarbeit und gehen dort noch einmal zurück zur Basis: Gebisshilfen erklären. Gutes Timing ist gefragt und meine Schülerin hat schnell erste Erfolge. Dann fragt sie mich zu einem anderen Pferd um Rat und schon habe ich 5 Minuten Verspätung, weil wir noch kurz über das dortige Problem sprechen (auch hier liegt die Lösung in Basis-Arbeit).
Die zweite Schülerin wartet derweil schon auf dem Reitplatz. Ihr älterer Warmblutwallach ist etwas abgestumpft gegenüber treibenden Hilfen, alles ist sehr zäh. Wir arbeiten daran, dass er mit dem inneren Hinterbein auf eine einseitige Schenkelhilfe etwas übertritt, nach einer Weile klappt das dann auch ganz gut, aber es fühlt sich für mich etwas mühsam an. Wir arbeiten erst das dritte Mal zusammen und es gibt so viele Dinge, die ich für die beiden gern verbessern möchte! Dann neige ich dazu, zu viele Anweisungen zu geben, was leider immer wieder dazu führt, dass die Reiterinnen überfordert sind und bis zum nächsten Mal die Hälfte wieder vergessen (verstehe ich gut, geht mir ganz genauso!). Ich erinnere mich selbst also immer wieder daran: weniger ist mehr, arbeite nur an einem Thema zur Zeit. Schlechte Gewohnheiten abzulegen ist harte Arbeit und erfordet häufige Wiederholung, da sind Reiter eben auch nur Menschen.
Schülerin Nummer drei ist heute selbst nicht da, ich arbeite allein mit ihrem Pferd. Der Wallach hat leider ein paar körperliche Probleme, von denen noch nicht wirklich klar ist, wo sie eigentlich her kommen. In letzter Zeit war er sehr steif, daher entschließe ich mich, auch mit ihm vorsichtige, lösende Handarbeit zu machen und fange auch bei ihm an der Basis an: Gebisshilfen erklären. Der Wallach bemüht sich sichtlich, aber ich kann auch merken, wie schwer ihm zur Zeit alles fällt. Es macht mich traurig, den netten Kerl so zu sehen und ich wünschte, ich könnte ihm helfen. Seine Besitzerin wird das natürlich tun, sie ist schon auf der Suche nach dem richtigen Profi, aber ich fühle mich machtlos. Das ist sicher der Moment, in dem viele Reitlehrerinnen anfangen, Fortbildungen zu buchen und ihr Repertoire zu erweitern in Richtung Gesundheit. Ich denke kurz darüber nach, aber ich weiß: das Grundproblem wird bleiben. Denn mein Grundproblem ist, dass ich niemals alle Probleme werde lösen können, die die Pferde in meinem Kundenkreis haben. Selbst wenn ich Tierärztin, Sattlerin, Hufschmiedin, Physiotherapeutin, Fütterungsberaterin und Geistheilerin werden würde – abgesehen davon, dass ich dann nichts davon jemals richtig gut können würde, liegt es immer in den Händen der Besitzerin, welche Behandlung ein Pferd bekommt und selbst bei der besten Behandlung ist nicht jedes Problem vollständig lösbar. Oft sind die Probleme ja auch der Haltung geschuldet und den perfekten Stall gibt es eben auch nicht so wahnsinnig oft. Ich entscheide mich also, meinen Job so gut wie möglich zu machen, anstatt mich im Dschungel der Möglichkeiten zu verlaufen.
Die nächste Schülerin hat ein besonderes Problem: Ihr Wallach kommt mit einer neuen Stute in seiner Herde nicht klar. Die Pferde sind im Moment getrennt, sie möchte mit mir Möglichkeiten besprechen und Ideen aushecken. Wir wandern, jede ein Pferd am Strick, durch Paddock und Offenstall, damit die beiden Streithähne etwas friedliche Zeit miteinander verbringen. Dann, an der Heuraufe, schlage ich vor, ob die Heuraufe nicht von beiden Seiten genutzt werden könnte, so dass die Pferde zwar getrennt bleiben, aber gemeinsam fressen.
Als nächstes sehe ich wieder das Pferd, das heute nur Schritt gehen darf, diesmal mit seiner zweiten Reitbeteiligung. Mit ihr erarbeite ich beim Reiten, was ich mit der anderen vom Boden angefangen habe. Meine Schülerin zeigt mir, wie gut das Pferd mit dem Gebiss klar kommt, solange sie selbst mental total offen und entspannt ist. Das sensible Tier geht gegen die Hilfe, sobald die Reiterin nicht ganz in ihrer Mitte ruht. Ich finde das genauso faszinierend wie sie, merke aber an, dass sie eventuell auch mal nicht ganz zentriert sein wird, wenn gerade der Trecker von vorne kommt und ich es deswegen angemessen finde, dem Pferd beizubringen, dass auch eine etwas mechanische (trotzdem ja feine!) Hilfe akzeptabel ist. Sie stimmt mir zu und wir üben das gemeinsam. Im Anschluss darf ihre Tochter noch kurz aufs Pferd, sie übt 10 Minuten lenken, während ich viel Strecke rückwärts über die unebene Wiese vor dem Pferd her gehe (nein, das ist fast gar nicht anstrengend….)
Dann fahre ich weiter zu meiner letzten Schülerin für heute. Wir machen eine gute Unterrichtsstunde, in der sie ihre erste Galopp-Traversale schafft (nicht elegant, aber immerhin einen Ansatz, mit dem sie selbst gar nicht gerechnet hätte). Ich komme seit vielen Jahren hier her, das ursprüngliche Problem war, dass das Pferd im Galopp buckelte. Daran erinnere ich mich gern, wenn ich das Gefühl habe, nichts bewirken zu können, denn diese beiden sind inzwischen ganz schön weit gekommen. Es ist eben ein langsamer Prozess, aber wenn alle Beteiligten dran bleiben, dann können schon tolle Dinge entstehen, auch – wie in diesem Fall – auf der Wiese hinterm Haus! Im Anschluss machen wir eine zweite Einheit, in der wir mit ihren beiden Ponys ins Dorf wandern, um ein Auto-Problem zu lösen. Als wir mit den zwei Ponys an der Dorfstraße stehen, haben wir Glück: es kommen so ziemlich alle Fahrzeuge, denen man so begegnen kann. Der Linienbus fährt freundlich langsam, der Reisebus hingegen zischt an uns vorbei. Auch fast alle Autos fahren ungebremst und ohne Abstand an uns vorüber, selbst als ich schon mit meinen Füßen auf der Straße stehe, fährt man so dicht an mir vorbei, dass ich mit ausgestrecktem Arm den Außenspiegel wegklappen könnte. Sogar der Motorradfahrer, von dem man meinen möchte, dass er auch mal kurz an seine eigene Sicherheit denkt, kommt nicht auf die Idee, einen kleinen Schlenker zu fahren oder gar das Tempo zu drosseln. Ich bin – wie immer – fassungslos und traurig. Meine Schülerin sagt sehr treffend „die Leute sagen, wenn du mit dem Pferd an der Straße unterwegs sein willst, muss er halt straßensicher sein. Aber wie soll er denn straßensicher WERDEN?“ Recht hat sie, unter den heutigen Bedingungen ist das nicht so einfach. Und auch das straßensicherste Pferd kann sich vor etwas anderem erschrecken und einen Satz zur Seite machen, deswegen sollten Verkehrsteilnehmer ja eigentlich mindestens 1,5m Abstand halten und das Tempo deutlich drosseln…. aber das bleibt auch heute wieder reine Theorie. Selbst der Rettungswagen geht nicht vom Gas. Die gute Nachricht ist: ihr Pony hat gar keine Angst vor Fahrzeugen. Er hat ein anderes Problem, er glotzt sich an Sachen fest, steigert sich rein und erschreckt dann vor einer Kleinigkeit, die ihn normalerweise gar nicht gestört hätte. Wir besprechen ihre Übungsmöglichkeiten.
Ich steige ins Auto und fühle mich ausgepowert. Ich brauche dringend eine große Tasse Tee und etwas Ruhe. Obwohl der Tag nicht schlecht lief, fühle ich mich irgendwie immer noch so machtlos: ich kann die gesundheitlichen Probleme der Pferde nicht lösen, ich kann nicht bewirken, dass jedes Pferd eine stabile Herde mit guten Freunden hat, ich kann nicht ändern, dass die Welt außerhalb des Stalls so unglaublich pferdeunfreundlich ist und Menschen meinen, dass ihnen die Straße allein gehört.
Zu hause, in meinem kleinen Paradies, begrüßt mich mein Pony an der Stalltür und zaubert mir ein Lächeln ins Gesicht. Wir haben großes Glück, hier so wohnen zu dürfen, ich fühle mich extrem privilegiert. Ich trinke Tee und gehe dann mit Duncan auf die Wippe. Er macht das wunderbar, ist sehr mit mir in Kontakt und erinnert sich an alles, was wir die letzten Male geübt haben. Jetzt geht es mir besser. Als ich wieder rein komme, finde ich eine Nachricht auf meinem Handy: die Heuraufe ist jetzt abgezäunt, alle Pferde fressen gemeinsam friedlich daraus, jeder auf seiner Seite des Zauns. Die Schülerin bedankt sich für den guten Tipp, sie hat jetzt Hoffnung, dass das dazu führt, dass die Pferde sich anfreunden können. Ich freue mich und denke, dass ich doch vielleicht hier und da etwas bewirken kann. Am nächsten Tag schreibt mir die andere Schülerin: sie hat „Anti-Glotz-Training“ gemacht und fühlt sich jetzt schon sehr viel sicherer mit ihrem Pony, weil sie endlich einen Ansatzpunkt hat. Der Wallach mit den körperlichen Problemen hat demnächst einen Tierarzt-Termin, bei dem die Möglichkeiten besprochen werden, was zu untersuchen ist.
Die Arbeit müssen sie alle selbst tun, das kann ich niemandem abnehmen. Aber wenn ich immer mal einen kleinen Anstoß geben kann, bewirkt das eben doch etwas. Jetzt bin ich wieder versöhnlich gestimmt und stürze mich guten Mutes auf die nächsten Fragen und Probleme, die an mich heran getragen werden.