Entscheidungshilfe

31 Jahre ist mein Merlin jetzt alt. Und es geht im gut – noch. Die alten Knochen machen ihm nicht allzu viel Ärger, auch wenn ein Galopp auf die Weide selten geworden ist und abenteuerlich aussieht. Seine Zähne werden stetig weniger, im Unterkiefer sind kaum noch Backenzähne und der, den er Zahnarzt beim letzten Besuch rausgenommen hat (einfach so mit der Zange in ein paar Sekunden, weil der Zahn eh schon lose war), hatte kaum noch Wurzel. Merlin hat seine Zähne einfach aufgebraucht.

Mein Zauberer

Eines Tages – in absehbarer Zeit – werden wir eine schwere Entscheidung treffen müssen. Die Entscheidung, ihm nur noch ein letztes Mal zu helfen, nämlich beim Sterben. Nur: wann ist der richtige Zeitpunkt? Jetzt noch nicht – zum Glück. Aber wenn es so weit ist, will ich nicht zu lange zögern, das wäre nicht im Sinne meines Pferdes. Und ich will nicht anfangen zu diskutieren, sondern schnell und entschlossen handeln.

Schon seit ein paar Jahren hängt in unserer Waschküche ein „Notfallplan“. Dort steht, was wir nicht mehr tun wollen: er soll nicht mehr in die Klinik gefahren werden. Sollte er festliegen, soll er auf keinen Fall „hochgespritzt“ werden. Und ich möchte ihm auch nicht ständig mechanisch hoch helfen, wenn es mit dem Aufstehen nicht mehr klappt. Sollte eine Verletzung Boxenruhe erfordern, werden wir ihn nicht einsperren – entweder wir versuchen es dann ohne einsperren, oder wir lassen ihn gehen. Wiederholt auftretende Koliken wären in seinem Fall ein Anzeichen dafür, dass der Organismus nicht mehr funktioniert (Merlin hatte in den 23 Jahren bei mir nur eine einzige Kolik, deswegen sehe ich das bei ihm so). Diese kleinen Eckdaten stehen also schon lange fest. Und erst neulich fiel mir auf, dass das eine reine „negativ-Liste“ ist: Dinge die wir nicht mehr tun wollen. Jetzt arbeite ich an einer „positiv-Liste“: Dinge, die meiner Meinung nach noch gehen müssen, damit sich für Merlin das Leben noch lohnt. Schmerzfrei im Schritt laufen und auch nochmal ein Stück traben, meinetwegen mit leichten, gut verträglichen Schmerzmitteln. Gut um die zwei Kurven am Eingang seines Separees kommen. Aktiv am Herdenleben teilnehmen, also mal Fellkraulen machen und mit den anderen zusammen dösen. Sich hinlegen zum schlafen. Das sind Dinge, die ich persönlich für unabdingbar erachte. Es reicht mir nicht dass ein Pferd „noch frisst“. Die fressen auch noch wenn sie unter größten Schmerzen leiden.

Wie ist es gelungen, dass mein Pony so alt geworden und dabei einigermaßen fit geblieben ist? Lag es an meiner tollen Hufpflege, meiner „gesunderhaltenden“ Reiterei? Sicher nicht, denn ich habe in beiden Bereichen viele Fehler gemacht. Hätte ich beides besser hinbekommen, wäre er vielleicht noch fitter – aber verbrauchte Zähne hätte er halt trotzdem. Die Tatsache, dass mein Pony noch so gut dasteht ist im wesentlichen wohl zwei Faktoren zu verdanken: unserer Offenstallhaltung mit viel Bewegung und der Futtermittelindustrie. Denn die Möglichkeit, dem fast zahnlosen Greis 5 Eimer „Matsche“ am Tag zu füttern, ist das, was ihn noch am Leben hält. Heu fressen geht nicht mehr und selbst Gras wird nur noch unzureichend verwertet. In der Natur wäre seine Zeit also längst abgelaufen und ohne Heucobs würde es nicht mehr gehen.

Dass Merlin noch so gut dasteht liegt also auch daran, dass wir die Pferde am Haus haben und problemlos 5 mal am Tag füttern können. Und natürlich daran, dass wir es uns leisten (können) jeden Monat viel Geld für Heucobs auszugeben. Nach allem, was mein wunderbares Pony für mich getan hat, ist das das mindeste was ich tun kann. Ansonsten passiert mit uns beiden nicht mehr viel – ab und zu bestellt er sich nachdrücklich eine Bauch-kraul-Einheit und das war es dann auch. Sicher könnte ich auch mein altes Pony noch mit etwas Gymnastik fit halten, aber mir fehlt die Zeit bzw Energie, noch ein Pony zu bespaßen und ich glaube der Nutzen würde sich in Grenzen halten. Er scheint auch ganz zufrieden zu sein und fragt nicht nach mehr. Die Vorfreude auf den nächsten Eimer bestimmt seinen Tagesablauf und das ist doch völlig in Ordnung.

Ich weiß jetzt schon – aus Erfahrung – dass ich manches bereuen werde, wenn es ans Abschied nehmen geht. Aber ich weiß auch – ebenfalls aus Erfahrung – dass es mir persönlich hilft, schon vorab ein bisschen Abschied zu nehmen. Vorher schon zu überlegen, wie es sein wird, wenn der weiße Zauberer nicht mehr da ist. Wie werden die anderen Ponys reagieren? Es wird merkwürdig sein, wenn ich keine riesigen Eimer mehr anrühren muss und es wird mich schmerzen, dass da kein drängelnder Opa mehr ist, der jetzt gleich unbedingt zu seinem Futter muss und mich hungrig anwiehert. Kein Pony wird dann mehr in der Lage sein, das Stalltor aufzumachen. Aber ich weiß auch, dass mein wunderbares Pony – genau wie unser Hund – mir einen Topf voll Gold hinterlassen wird in Form von schönen Erinnerungen. Ich weiß auch, dass es mir ein Trost sein wird, dass er so alt geworden ist und sein Leben voll gelebt hat. Und dass ich überzeugt bin dass es – trotz aller Fehler, die ich gemacht habe – insgesamt ein gutes Leben war. Merlin hinterlässt neben dem Topf voll Gold auch einen Topf voll Wissen. Duncan hat jetzt ein besseres Leben, weil ich von Merlin so viel gelernt habe. Und viele, viele meiner Kundenpferde profitieren von all dem, was Merlin mich gelehrt hat.

Noch ist er hier, mein Zauberer. Wie lange noch – das weiß niemand. Und deswegen sind wir vorbereitet, damit es dann, wenn es so weit ist, so reibungslos wie möglich geht.

Damals, als mein alter Warmblüter mit schwerer Kolik da stand, war ich enorm dankbar, dass wir so eine Notfall-Liste hatte. Er war fast 30 Jahre alt und der Tierarzt sagte „ich könnte noch eine Nasenschlundsonde legen oder ihr könntet in die Klinik fahren, aber ich weiß, das wollt ihr beides nicht.“ Genau. Und der Tierarzt wusste das deswegen, weil nicht nur in unserer Waschküche unser Notfallzettel liegt, sondern auch schon lange beim Tierarzt, dem wir die Liste geschickt haben. Es hat uns an jenem schwarzen Tag viel Abwägen, Diskutieren und Überlegen erspart und das war gut so. Mein alter Wurzel war tags zuvor noch über die Koppel galoppiert, aber es war nicht seine erste Kolik und diese war zu schwer um ihm das noch anzutun. Wofür? Wenn altersbedingt danach keine guten Jahre mehr kommen können, sondern allenfalls ein paar Wochen, dann mache ich da nicht mehr mit. Und ich entscheide so, wie ich ein Leben lang über mein Pferd entschieden habe – nach bestem Wissen und Gewissen. Ich möchte mich nicht im letzten Moment drücken und mein Pferd plötzlich sich selbst überlassen. Egal wie schwer es für mich ist: es ist der letzte Liebesdienst, den ich meinem alten Tier erweisen kann.

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