Wenn ich unerfahrene Menschen am Pferd sehe, wundere ich mich oft, dass nicht viel öfter etwas schief geht. Die Pferde retten uns Menschen wieder und wieder, obwohl wir so unglaublich viele Fehler machen. Manche Fehler passieren aus Unwissenheit, einige aus Unachtsamkeit, weil man es gerade eilig hat oder abgelenkt ist. Manche passieren, weil wir eben Menschen sind, eine lange Reaktionszeit und (im Vergleich zum Pferd) ziemlich stumpfe Sinne haben. Viele Fehler passieren, weil wir so Hand-orientiert sind in unserem Tun und manche passieren aus Selbstüberschätzung. Die Liste der Möglichkeiten ist bestimmt noch viel länger. Dass es fast immer gut geht, ist oft den Pferden geschuldet, die Unmögliches möglich machen um uns zu beschützen. Oft haben die Tiere eine hohe Fehlertoleranz und machen auch dann noch das Richtige, wenn die Informationen, die sie bekommen, nur wenig verständlich sind.
Duncan hat neulich mit einem kompletten Pferde-Neuling eine erste Doppellongen-Einheit gemacht und bewiesen, wie gut er menschliche Unklarheit tolerieren kann und sich zu helfen weiß (in diesem Fall meistens, indem er bei mir nachgefragt hat, was ja völlig legitim und sogar sehr schlau ist).
Aber gestern war es dann doch zu viel – ich hatte einfach zu viele Fehler gemacht. Das Wetter nicht beachtet, mein Timing total im Eimer und mir meiner Sache zu sicher – das endete darin, dass mein Pony ohne mich mit wehendem Strick vom Nachbarn nach hause galoppierte. Wir wollten nur eben zu Fuß rüber gehen und üben, dass es da nicht gruselig ist. Das war wohl nix.
Wenn dann so eine Panne passiert ist, ist mir am Anfang nur eins klar: ich muss etwas falsch gemacht haben. Aber was? Dann fallen mir oft ein, zwei kleine Faktoren ein (in diesem Fall der Wetterumschwung von heiß auf kühl und windig mit Temperatursturz von 10 Grad). Aber nur das Wetter kann es bei Duncan nicht sein. Also muss ich noch was falsch gemacht haben. Aber was? Mir hilft, darüber zu reden. Mit mehreren Leuten, die verschiedene Meinungen dazu haben. Meistens brauche ich weniger den Rat, was ich üben kann, sondern eine gute Analyse dessen, was schief gegangen ist. Denn daraus ergibt sich, was ich üben kann. Und wenn ich mit drei Leuten gesprochen habe, die drei verschiedene Ansichten dazu haben, woraus sich 6 verschiedene Übungen ergeben und mir fallen dann auch noch 2 Übungen ein, dann kann ich 8 Dinge üben, damit die Fehlertoleranz meines Ponys weiter steigt. Das wiederum gibt mir die Sicherheit, dass ich das Problem von allen Seiten angehen und letztlich lösen kann.
Vorher muss ich aber meinen Frust abbauen. Bisschen heulen, bisschen jammern, mich total unfähig fühlen. Nützt nix, das muss ich erst erledigen, bevor ich wieder klar denken kann. Danach gehe ich zu meinem Pony und versuche mich im Freedom Based Training oder irgendeiner Art des einfachen Zusammenseins ohne Anspruch. Ich checke die Lage und er tut das auch. Das beiden anderen Male, die er mir wirklich weggelaufen ist, sind lange her, aber auch damals hat er dieses Verhalten gezeigt: er kommt dann sehr freundlich zu mir, sucht nach meiner Nähe und nach Harmonie, ist viel kuscheliger als sonst. Ich kann nur vermuten, warum das so ist, aber es war jetzt jedenfalls wieder so und ich behaupte mal, dass es bedeutet, dass er mir nicht böse ist. Er läuft nicht vor mir weg, sondern er kommt und stellt Verbindung her, das ist doch schon mal gut. Und es beruhigt meine Nerven auch direkt wieder.
Danach geht es dann also ans Üben. In unserem Fall
- ich übe mal wieder mein Timing
- ich mache mir (mal wieder) klar, dass mein Pony möchte, dass ich die Umgebung im Blick behalte, anstatt entspannt in Harmonie mit ihm zu stehen
- ich mache Führübungen, bei denen ich die Situation in Zeitlupe nachstelle
- ich werde üben, Freiarbeit zu machen, während der Strick auf dem Boden hängt und ihn „verfolgt“ (denn der wehende Strick hat ihn wohl zusätzlich noch beschleunigt)
- ich übe im Freedom Based Training weiterhin daran, dass er beim Grasen nicht alles um sich herum vergisst
- ich übe für mich, ihn beim Grasen draußen immer wieder zu unterbrechen und ihn aufzufordern, seine Umgebung wahrzunehmen (das klingt so leicht und fällt mir so schwer und bestimmt werde ich es oft vergessen oder nicht wollen…. )
- ich übe ganz von vorn, dass wir allein vom Hof gehen und fange diesbezüglich bei Null wieder an (und ich Dummerchen dachte, wir gehen alsbald wirklich allein ausreiten….. )
- ich lerne, mein Pony noch besser zu lesen und seine Anspannung noch früher zu erkennen bzw ernster zu nehmen (gesehen hatte ich es, aber ich dachte „das geht schon“)
Achja, es gibt immer viel zu tun.
Abends, in der zweiten Doppellongen-Einheit mit besagtem Pferde-Neuling hat Duncan schon sehr viel mehr auf ihn geachtet als beim ersten Versuch. Der Mensch war sehr viel klarer und Duncan konnte ihn besser verstehen. Dennoch fiel seiner Freundin, die zuschaute, auf, dass Duncan mir immer kleine Seitenblicke zuwarf um sich abzusichern, dass das alles richtig ist. Nachher sagte sie zu mir „ich will, dass mein Pony das auch tut“ und ich fühlte mich ein bisschen geehrt. Denn Duncan hatte klar gezeigt, dass er mich als kompetent betrachtet, und das obwohl ich wenige Stunden zuvor meine Inkompetenz unter Beweis gestellt hatte. Jetzt liegt es an mir, ihm zu zeigen, dass ich lernfähig bin. Er hingegen kann hoffentlich seine Fehlertoleranz noch ausbauen, damit er mir nie wieder weglaufen muss, auch wenn ich machmal sehr dummes Zeug mache. Das wäre toll (und entbindet mich natürlich nicht von meiner Pflicht, weniger dummes Zeug zu machen).