Richtig gute Ausbilder können Dinge üben, ohne sie zu üben. Oder wie mein Reitlehrer immer sagt: wenn ein Pferd sich im Schritt sauber vom Renvers ins Traver umstellen kann, kann es auch einen fliegenden Wechsel springen. Vom fliegenden Wechsel sind Duncan und ich noch weit entfernt und ich fand ihn auch mit Merlin gar nicht ganz so einfach, aber an einer anderen Stelle habe ich jetzt völlig ungeplant wieder die Erfahrung gemacht, etwas zu üben ohne es zu üben.
In letzter Zeit waren wir ja ziemlich viel unterwegs auf Abenteuer-Tour, Sir Duncan und ich. Im Frühling ein paar Ausritte ohne Begleitpferd, dafür mit meiner Freundin auf dem Fahrrad, dann der Reitkurs und einige Ausritte mit fremden Pferden – auch längere Ritte als bisher. Viel Galopp, öfter mal ein bisschen ans Limit – vor allem ans Kopflimit, aber auch mal ans körperliche Limit (glaube ich). Ich habe geübt, an leicht gruseligen Dingen entschlossen vorbei zu reiten, nicht mehr immer jemanden vor zu lassen oder abzusteigen, sondern das Kommando ganz klar zu übernehmen – und damit auch die Verantwortung. Wir haben geübt, Abstand vom Vorderpferd zu halten und ich habe geübt, Duncan genauer zu lenken und ihm den Weg klar vorzugeben wenn ich es für sinnvoll halte (weil er z.B. müde oder unaufmerksam ist). Wir waren ganz allein zum Spezial-Training und danach auch ganz allein an einem völlig fremden Ort, wo wir auf unsere Ausreitbegleitung gewartet haben. Duncan hat immer alles richtig gemacht, wie es so seine Art ist (was sicher auch daran liegt, dass ich bisher immer einigermaßen richtig lag mit meiner Einschätzung dessen, was er gut schaffen kann). Und ich habe weiter gelernt. Dann kam eine denkwürdige Reitstunde mit einer Schülerin, die das galoppieren üben wollte. Gut für mich, Duncan einmal von unten zu sehen und seinen Gesichtsausdruck zu beobachten. Auf dem Reitkurs sagte jemand, Duncan habe so einen stillen, feinen Humor – und den entdecke ich gerade erst so richtig. Vielleicht kommt er jetzt erst so richtig hervor oder ich habe ihn bisher nur nicht so wahrgenommen, weil ich mit so vielen anderen Dingen beschäftigt war. Finlay war da ja sehr viel offensichtlicher, hat gern Dinge ins Maul genommen und mit einem Grinsen im Gesicht zum Streit herausgefordert. Duncans Humor ist etwas hintersinniger. Er ist dieser Typ, bei dem man sich oft nicht ganz sicher ist, ob er gerade einen Witz gemacht hat oder nicht und auf jeden Fall würde er als Mensch seine Sprüche knochentrocken bringen ohne eine Miene zu verziehen. Während ich versuchte, meiner Schülerin zu erklären was sie tun soll, musste ich selbst ziemlich viel lachen, weil ich Duncans Gesicht sehen konnte. Immer wenn er in meine Richtung lief, wurde seine Reiterin eine Spur unsicher und das fand er offensichtlich höchst amüsant. Er war nicht bereit, ihr zu helfen oder sie zu retten, er spielte sein Spielchen weiter – bis ich es ihr erklärt hatte und sie selbst beschloss, nicht mehr mitzuspielen. Und schon war Duncan das artigeste aller Highlandponys, spielte die Unschuld vom Lande und tat wie ihm geheißen. Nur seine Augen blitzten schelmisch unter seinem Schopf hervor….
Für mich war das alles sehr informativ, denn beim reiten sehe ich ja sein Gesicht nicht und weiß manchmal nicht, wann er unsicher ist und wann nicht. Ich beschloss an diesem Tag, deutlich seltener von Unsicherheit auszugehen und häufiger mal eine klare Ansage zu machen, was zu tun ist und mich selbst weniger aus dem Konzept bringen zu lassen. Manchmal, wenn Duncan im Gelände kopfmüde wird, macht er ja merkwürdige Dinge. Irgendwo abbiegen ist seine Lieblingsmarotte. Anstatt mich davon verwirren zu lassen, habe ich die letzten Male sehr schnell ziemlich deutlich auf solch kuriose Ideen reagiert und ich hatte das Gefühl, dass das nicht nur das Problem löst, sondern ihm auch tatsächlich hilft. Wenn er müde ist oder anderweitig am Limit (fremdes Pferd neben ihm kann das auch mal auslösen), kann er keine vernünftigen Entscheidungen mehr treffen und es hilft ihm, wenn ich dann in aller Deutlichkeit sage: wir machen das so. Übrigens eine Erfahrung, die Teilnehmerinnen auf dem Workshop gemacht haben: es kann unglaublich angenehm sein, die Verantwortung abzugeben und sich führen zu lassen.
Und als wir dann am Montag nach langer Zeit wieder mal wirklich allein ausreiten waren, da setzten sich all diese Dinge zusammen. Ich wusste jetzt: wenn ich entschlossen und mutig reite, ist Duncan auch dabei. Gleichzeitig kann ich jetzt viel besser einschätzen, wann er wirklich Hilfe braucht – oder wann ich mich einfach nicht traue und lieber absteige, weil ich selbst nicht genug Mut mitbringe und ihm dann von oben nicht genug Sicherheit vermitteln kann.
Und so fühlte alleine ausreiten sich plötzlich wie etwas machbares an. Keine Zitterpartie mehr, sondern nur etwas, was zwar noch außerhalb unserer Komfortzone liegt aber von dem ich plötzlich das Gefühl hatte, es kann in unsere Komfortzone hineinrutschen, wenn wir es ein bisschen öfter machen. Und schon fange ich wieder an zu träumen, von einsamen, stillen Ritten durch den nebligen Herbst. Ob es dieses Jahr wahr wird und ob es sich dann auch so anfühlt, wie ich es mir wünsche? Wir werden sehen.
„Üben hilft“ sagt eine Kundin von mir. Wenn man üben will, ohne zu üben, muss man die Übungsmöglichkeiten finden, die sich anderswo bieten. Allzu oft sehe ich, wie Leute schnell über kleine Probleme hinwegbügeln, weil sie sich jetzt nicht darum kümmern wollen. Ein zappelndes Pferd am Anbinder, eine kleine Diskussion über das Tempo. All das ist nicht schlimm, wenn es einmal passiert. Passiert es aber hundert mal, wird daraus womöglich ein Problem. Umgekehrt gilt das gleiche: ich kann in jeder Situation üben, wenn ich sie genau betrachte und kläre. Nichts ungeklärt lassen ist zu einem Motto von mir geworden. Keinen eierigen Zirkel, keinen vermasselten Übergang, keine unklare Situation im Alltag so stehen lassen, sondern immer wiederholen und zeigen, wie es hätte sein sollen. In aller Freundlichkeit! So setzt sich nach und nach im Kopf des Pferdes ein glasklares Bild zusammen, wie die gemeinsame Zeit laufen soll und Pferde sind nur allzu bereit, klare Wünsche auch zu erfüllen. (Sogar Highlandponys, die gern mal Schabernack treiben). Und dieses Bild funktioniert dann auch in Situationen, die wir nie geübt haben. So einfach ist das (und so schwer).