Fitness

Jetzt haben wir es raus: Duncan galoppiert wunderbar gleichmäßig unter mir, völlig entspannt, ein Sprung wie der andere. Ich kann ihn lenken, ich weiß auch, dass ich ihn jederzeit durchparieren kann. (Meine Freundin hinter mir kann das übrigens auch, wenn sie das passende Stimmkommando gibt, pariert Duncan durch). Zwischendurch feuere ich ihn etwas an, damit er im Galopp bleibt. Wo ist die Grenze? Wie weit kann ich ihn treiben, ohne ihn zu überfordern und ohne dass er die Freude am Laufen verliert? Zwischendurch hat er einen toten Punkt. Plötzlich ist er schreckhaft und etwas klemmig und mir ist nicht klar, warum. Aber einige Minuten später ist er wieder da und schlägt noch einen Galopp vor. Langsam entwickelt sich ein neues Verhältnis zwischen uns, eins in dem er weiß, wie er Vorschläge machen kann und ich weiß, was sein Verhalten bedeutet. Immer öfter sage ich ja zu seinen Ideen, weil ich sie gut finde. Er benimmt sich immer so einwandfrei, er hat sich seine kleinen Freiheiten wirklich verdient. Seit wir mit dem Bosal unterwegs sind, bin ich auch nicht mehr so pingelig mit der Försterei unterwegs, so lange er weiter läuft. Er übt also jetzt das Abreißen kleinerer Zweige im Galopp… und es stört mich nicht, weil er es so geschickt macht, dass es eben nicht stört. Auch das Trinken ist für ihn ohne Gebiss so viel leichter, das kommt uns sehr zu Gute wenn wir jetzt so viel galoppieren. Mir tut es gut, mit meiner Freundin unterwegs zu sein. Die hat einfach ganz andere Maßstäbe als ich. Ich selbst reite zum ersten Mal ein Pferd, das Lust hat, so viel zu Laufen. Mein alter Warmblüter ist auch gern gelaufen, aber am liebsten nach hause. Merlin wollte nie wirklich lang ausreiten gehen und Finlay war zwar gerne draußen unterwegs aber nicht so schnell bitte. Duncan dagegen kann gar nicht genug kriegen von unseren Touren. Er läuft gern UND er ist gern draußen. Das einzige was ihn stört ist, wenn er schon alle Wege so oft gelaufen ist. Dann möchte er mal an neuen Stellen abbiegen und die Welt erkunden – eines Tages wird er auch hier gelegentlich selbst entscheiden dürfen (und dann oft erfahren, dass es sich um Sackgassen handelt – was ihn in Anbetracht der Grasmengen, die sich am Ende dieser Sackgassen oft finden, wohl nicht betrüben wird…..).

Während ich also immer Sorge habe, es könnte Duncan zu viel werden, ist das, was wir da an Strecke und Tempo reiten, für meine Freundin völlig normal. Sie ist schon als Jugendliche viele Stunden schnell geritten und ihre Ponys waren immer fit. Als ich sie kennenlernte, war es für sie die normale Sonntags-Kutschtour 20-25km im Trab. Und ihr kleines Pony ist die 28km Distanzritt mit Finlay im Reisegalopp gelaufen während Finlay mit seinen längeren Beinen nebenher getrabt ist. Sie hat nicht die Vorstellung die in meinem Kopf herum geistert, dass mein Pony plötzlich völlig überfordert oder überhitzt sein könnte und Kreislaufprobleme kriegt oder einfach total erschöpft ist und nie wieder ausreiten gehen will. Sie schaut Duncan kurz ins Gesicht, fängt an zu lachen und sagt „dem geht´s prima“.

Duncan ist vor und nach solchen Ritten oft sehr ruhig. Er wirkt dann auf mich manchmal müde, aber ich muss lernen, dass das nicht stimmt. Er ruht in sich und vergeudet keine Energie mit hampeln oder auch nur erhöhter Aufmerksamkeit. Immer öfter schafft er es, von tiefenentspannt stehen und gesattelt werden direkt in flottes Laufen umzuschwenken und von da direkt wieder in die Entspannung. Eine wertvolle Fähigkeit und ich arbeite daran, das noch auszubauen, so dass es dann auch mit fremden Pferden in fremder Umgebung entspannt bleibt. Aber jetzt frage ich mich vor und nach dem Ritt manchmal ob es ihm gut geht, weil er so still ist. Dann muss ich über mich selbst lachen. Viele Reiterinnen würden mich beneiden um diese Eigenschaft meines Ponys. Und wenn es wirklich mal auf Distanzritt geht, kommt noch genug Aufregung dazu, da ist es gut wenn er diese Grundentspannung mitbringt.

Was mir auch noch völlig fehlt an Informationen ist die Sache mit der Müdigkeit. Wie müde ist er, wenn er langsamer wird? Kommt da nochmal was, ist da noch Reserve oder ist er dann am Ende seiner Kräfte angekommen? Ich möchte so gern gut auf mein Pony achten, aber ich möchte ihn auch herausfordern, weil ich weiß, dass er das mag. Und ich möchte ja auch demnächst mal auf Distanzritt – wann auch immer dieses „demnächst“ sein wird. Wieder muss ich über die Distanzreiter lachen, die sagen „jedes normal gerittene Pferd kann einen Einführungsritt gehen“. Wann ist mein Pony denn normal geritten? Im Moment kann ich mir nicht vorstellen, dass er das schaffen kann. Ich habe ihn nach unseren 14,4 km gesehen, ich kann mir nicht vorstellen, dass er nächste Woche die doppelte Strecke schaffen würde. Ist er also immer noch nicht „normal geritten?“ Oder liege ich total falsch und er könnte das ganz entspannt schaffen, wenn ich nicht so ein Helikopter wäre? Ich werde es nicht ausprobieren. Erst werde ich unsere Strecken weiter steigern. Ich hoffe nach wie vor, dass wir bald allein ausreiten können, aber irgendwas kommt mir immer dazwischen, das Wetter, die Zeit oder mein Energielevel. Aber immer auf Begleitung angewiesen zu sein ist auch enorm bremsend, denn es bedeutet meistens auch mit dem Anhänger los zu fahren und da gehen schnell ein, zwei Stunden mehr ins Land als wenn man einfach von zu hause losziehen kann. Dieses Jahr war schon wieder so zerstückelt, als wir gerade angefangen hatten mit unseren Ausritten, fing der Ausreitkumpel an zu lahmen und Diego war krank. Wochen sind ins Land gegangen bis mal wieder irgendetwas passiert ist was Richtung Training ging. Also hoffe ich wieder, dass es nächstes Jahr besser wird. Immerhin haben wir doch auch schon einiges von unserer Liste abgehakt: erste Ausritte mit anderen Begleitpferden als den bisher bekannten hat Duncan mit Bravour gemeistert. Das erweitert unsere Möglichkeiten schon mal.

Derweil beobachte ich Duncan jetzt nochmal neu, denn vielleicht ist er jetzt – über ein Jahr nach der Kastration und mit fast 6 Jahren – ungefähr so, wie er eben als erwachsenes Pony sein wird. (Ich vergesse ja oft, wie jung er eigentlich noch ist). Und das heißt ich kann jetzt rausfinden, wann er gut drauf ist, wann er zu viel oder auch mal eher wenig Energie hat. Wann er viel Arbeit will und braucht und wann Pausenzeiten sein können und sollen. Im Moment ergibt es sich, dass wir wenig auf dem Platz machen, dafür aber ständig unterwegs sind – zum Ausreiten, zum Kurs, für Spezialtraining und zum „extra“ Ausreiten mit anderen Pferden. Vielleicht gönnen ich uns eine Auszeit vom Platz, auf dem wir noch genug Zeit verbringen werden. Im Moment ist er nur immer noch so schief, dass ich denke wir müssen da ab und zu ein bisschen ran. Ich bin in all diesen Dingen noch unsicher und denke an eine Reiterin, die ich in einem Podcast über die TransGermania gehört habe – ein Distanzritt über 21 Tage mit Tagesetappen von 60 km. Theoretisch darf man dort mit einem 7jährigen Pferd starten, aber Tatiana Peter sagt im Interview, sie glaubt kaum, dass man ein so junges Pferd schon gut genug kennen könne um so einen Ritt anzugehen (ganz abgesehen von körperlichen Trainingsfragen). Das fand ich eine tolle Aussage, weil ich mir schon langsam ein bisschen blöd vorkomme wenn ich denke, wie wenig ich immer noch über mein Pony weiß. Wie viele Fragen ich noch habe, wie oft ich noch nicht weiß, warum er heute so drauf ist und morgen so, an welchem Tag ich mit welchem Verhalten rechnen muss.

Wir bleiben dran – sowohl an der Fitness, als auch am Kennenlernen. Vielleicht bin ich nächstes Jahr schon schlauer – oder es passieren dann wieder unvorhergesehene Dinge. Vielleicht ist nächstes Jahr dann ja endlich das Jahr des alleine Ausreitens und das Jahr unseres ersten Distanzrittes. Denn auch das habe ich von den Distanzreitern gelernt: Fitness kommt nicht in einer Saison, sondern wird über viele Jahre aufgebaut. Wie immer in der Pferde-Ausbildung gilt es also, langfristig zu planen und Geduld zu haben.

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