Beziehung im Wandel

Bald wird Duncan 6 Jahre alt. Nach dem Wachstumsschub im Frühjahr scheint er jetzt – besonders nach dem Reitkurs – unglaublich erwachsen zu sein. Und unsere Beziehung verändert sich.

Bei Finlay habe ich nicht so sehr darüber nachgedacht, aber bei Duncan fällt mir jetzt plötzlich auf, wie sehr unsere Beziehung sich im Laufe der Jahre verändert hat. Jedes Lebewesen, das von Natur aus im Familienverband aufwächst, macht vielleicht ähnliche Entwicklungsstufen durch, wie wir sie von Menschen kennen. Denn der eigene Platz in der Familie und die Beziehung zu Eltern und Geschwistern ändert sich, während man heranwächst. Und da Duncan schon mit einem Jahr hier in seine „Familie“ gekommen ist und sich an dieser Familie auch nichts geändert hat, konnte (bzw kann) er diesen Prozess näher an „normal“ durchlaufen als die meisten anderen Pferde mit denen wir hier in Deutschland so zu tun haben.

Aber ich sehe vor allem, wie unsere Beziehung sich verändert. Als er klein war, hatte ich immer die volle Verantwortung. Manchmal war ich dieser Verantwortung nicht gewachsen und habe Fehler gemacht, er hingegen war gar nicht in der Position, Verantwortung zu übernehmen und konnte somit genau genommen auch keine Fehler machen. Er hat sich – in der Herde und auch mit mir – einfach an den erwachsenen orientiert und viel nachgemacht und ausprobiert. Dann kam ein bisschen Pubertät, in der er genau das in Frage gestellt hat: warum ich eigentlich immer entscheide. Die Antwort war klar: weil die meisten seiner Ideen eher untauglich bis gefährlich waren. Meine Aufgabe änderte sich, ich trug weiterhin Verantwortung, aber es war auch mein Job, Duncan Grenzen zu setzen, die er dringend suchte. Die Herde hier zu hause war dabei mein Vorbild und hat mir Orientierung gegeben. Ich versuchte, meinem Pony einen Rahmen und Halt zu bieten. Nach und nach merkte ich, wie er sich in diese Grenzen einfügt und sich nicht nur arrangiert, sondern sich ganz wohl fühlt. Es gibt Sicherheit, wenn man weiß, was man zu tun hat.

Ich fing an, mehr von seinen Vorschlägen in die Tat umzusetzen. Du möchtest traben? Dann warte kurz, ich erlaube es gleich. Du möchtest galoppieren? Warte kurz, zeig mir, dass du dich an die Regeln hältst, dann darfst du los. Erst in den letzten Wochen habe ich gemerkt, dass wir beide das so nicht mehr brauchen. Zumindest nicht mehr immer. Er fragt kurz an und ich sage ja. Denn Duncan ist ja nicht der einzige, der in den letzten 5 Jahren etwas gelernt hat. Ich habe ja auch gelernt – vor allem über ihn. Ich habe gelernt, wie er seine Wünsche äußert und vor allem habe ich inzwischen die Erfahrung, zu wissen, wann er entspannt ist und wann nicht. Und wenn er entspannt ist, das weiß ich jetzt auch, trifft er haufenweise gute Entscheidungen. Nur wenn er nicht entspannt ist, dann muss ich das Ruder wieder übernehmen und für ihn entscheiden.

Elsas Worte fallen mir ein: wenn du ein Jungpferd hast, musst du nicht 1 Pferd kennenlernen, sondern ungefähr 27. Weil ein Jungpferd sich ständig ändert und du nie genau weißt, was dich heute erwartet. Genau so war es in den letzten Jahren oft. Aber jetzt wird das weniger, das Pendel schwingt nicht mehr so stark von der einen in die andere Richtung und ich weiß schon sehr viel besser, wo die Mitte ist. Jener Ort, an den wir kommen, wenn Duncan in sich ruht und ganz er selbst ist.

5 Jahre sind eine lange Zeit – ich habe viele meiner ursprünglichen Ausbildungs-Ideen verworfen oder mindestens abgewandelt. Und ich bin dankbar, dass ich Finlay hatte, denn von dem habe ich schon so viel gelernt. Ohne diese Erfahrung wäre es mir mit Duncan nicht so gut gelungen. Aber wenn ich ihn jetzt anschaue, meinen kleinen Ritter, dann finde ich, das Ergebnis meiner Bemühungen kann sich sehen lassen. Ich glaube, es ist mir gelungen, seinen Charakter nicht zu verbiegen, sondern sich entfalten zu lassen. Aber ich muss natürlich auch zugeben: er hat es mir sehr, sehr leicht gemacht. Und die 4 erwachsenen Ponys, die haben die meiste Arbeit gemacht. Ich bin überzeugt, dass auch die ihre Erfahrungen mit Finlay gemacht haben und deswegen so viel besser wussten, wie mit so einem Jungspund umzugehen ist.

Für mich startet jetzt nochmal eine neue Phase, denn wenn ich Duncan mehr Freiheiten lasse und mehr auf seine Vorschläge höre, werde ich auch mehr darüber erfahren, was ihm Spaß macht. Gleichzeitig möchte ich ihn nicht damit überfordern, ich möchte parat stehen um ihm notfalls helfen zu können, wenn er z.B. zu müde ist um den besten Weg zu finden. Das wird für mich sehr viel komplizierter werden, denn ich muss von Sekunde zu Sekunde entscheiden, ob ich führen oder folgen möchte. Bisher habe ich meinen Pferden immer viel Führung gegeben und wenn ich jetzt so zurückblicke denke ich, dass das auch Bequemlichkeit meinerseits war. Weil ich dann eben nicht nachdenken muss, wer jetzt entscheidet. Aber ich möchte ja auch weiter lernen und Duncan soll ja mitreden dürfen. Es bleibt also spannend….

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