Geheimcode

Wir reiten im Schritt an einem Trafo-Häuschen vorbei. So etwas interessiert Duncan nicht – höchstens wenn es im Galopp überraschend zwischen zwei Büschen in seinem Sichtfeld auftaucht, dann schaut er da mal hin. Aber Willi, der im Moment neben ihm her läuft, findet das Häuschen plötzlich doch suspekt und schaut ein bisschen. Und Duncan imitiert ihn sofort. Ich bin überrascht: wenn der Ausreitkumpel die wildesten Sätze zur Seite macht, kümmert Duncan das überhaupt nicht. Er schaut nicht nach, was sein Freund da gesehen haben könnte. Aber wenn Willi findet, das Häuschen ist gruselig, dann überprüft Duncan, ob Willi recht hat (hatte er aber nicht).

Wenige Minuten später zuckt Duncan deutlich zusammen als ein wirklich kleiner Vogel wirklich leise und ziemlich weit weg aus dem Gebüsch fliegt. Und jetzt verstehe ich: er ist aufgeregter, als er es zugibt. Ausritt mit Willi ist eben doch noch kein Alltag, sondern ein Abenteuer. Duncan verbirgt seine Anspannung gut. Auch Finlay hat das getan, es ist sicherlich typisch für Highlandponys. Und es ist manchmal ein bisschen gefährlich, denn sie verbergen unter Umständen die Anspannung so lange, bis sie es gar nicht mehr aushalten können, und explodieren dann. Oder sie sind im Dauerstress, den niemand bemerkt.

Finlay, der immer ein Problem mit besonderen Fahrzeugen hatte (normale Autos waren ok aber LKWs, Motorräder, Autos mit Anhänger etc fand er tendenziell gruselig), konnte einige solcher Begegnungen aushalten, bevor es dann nicht mehr ging. Einmal rannte er mit wehenden Fahnen nach hause (zum Glück nicht weit) als wir bei Fahrübungen vom Boden mit LKWs konfrontiert waren. Meine Freundin sagte dann eines Tages: „jetzt sehe ich es, er zuckt vorher mit der Haut“. Etwas was ich ehrlich gesagt nie gesehen habe. Da war ein Signal, das mir völlig entgangen war.

Langsam entschlüssele ich Duncans individuellen Geheimcode. „Ich bin aufgeregt“ kann sich sowohl in erhöhter Schreckhaftigkeit als auch in zähen, langsamen Bewegungen äußern. „Ich bin unsicher“ zeigt sich je nach Situation durch Heben eines Vorderbeins oder schnelle, hektische Bewegungen bei denen er rempelt, schubst und unbedingt essen möchte. Das wirkt frech und ungezogen, überhaupt nicht unsicher. Aber es ist Unsicherheit und wenn ich es als solche erkenne und entsprechend reagiere habe ich bessere Chancen als wenn ich Streit anfange (was mir noch zu oft passiert). Oft sind das natürlich dann Situationen in denen ich selbst unsicher bin, was es nicht einfacher macht für uns beide.

Als wir neulich vor dem kleinen Bächlein standen und es durchreiten wollten, verhielt Duncan sich zunächst so, wie ich es von Pferden in dieser Situation kenne: ein Schrittchen vor, ein Schrittchen zurück, stehenbleiben, ein Schrittchen vor. Ich erwartete die Reaktion, die die meisten Pferde zeigen: ein gewagter, schneller Satz. Aber plötzlich und für mich ohne jede Vorankündigung legte Duncan den Hebel um und ging im Schritt ohne weiteres Zögern durchs Wasser auf die andere Seite, als wäre es normaler Waldweg gewesen. Hier fehlt mir noch eine Menge seines Geheimcodes: woher hätte ich wissen können, wann er da durch geht? Wie kann ich abschätzen, ob er diese Hürde meistern kann oder nicht? Auch an der schlimmsten Stelle, an der ich mir selbst nicht sicher war, hat er sich ganz genauso verhalten. Kein Satz, keine Aufregung in der Bewegung zu fühlen. Hätte er vorher nicht so lang gezögert, hätte ich nicht gemerkt, wie schwer ihm das fiel.

Ich habe also noch viel zu lernen über mein Pony, dass ich seit 5 Jahren bei mir habe und schon gut kennen müsste. Je erwachsener er wird, je mehr Abenteuer wir erleben, desto mehr entdecke ich Lücken in meinem Wissen um seine Gefühlswelt. An den Rindern (auf dem Kurs) hat er mich mit manch schneller Bewegung überrascht. Allerdings habe ich mich gefreut, dass er in der Lage war, die Menschen dabei im Blick zu behalten. Einmal ist er kurz gestiegen, hat sich aber von mir weg gedreht dabei. Groß am Strick gezogen hat er nie und er war immer sofort wieder ansprechbar. Trotzdem: ich habe es nicht kommen sehen und das ist nicht gut.

Und noch eine wichtige Information fehlt mir: wo ist sein Normal Null? Dieses Frühjahr war Duncan extrem schreckhaft. Er ist teilweise wegen raschelnder Blätter kurz angaloppiert, was ich völlig absurd fand. Aus verschiedenen Gründen habe ich seinen Zinkwert überprüfen lassen und siehe da, der ist niedrig. Nun bekommt er also mehr Zink und die Schreckhaftigkeit ist weg. Allerdings ist die im Sommer wohl immer weg, das ist meine Erfahrung der letzten Jahre. Also wo ist sein Normal Null zu welcher Jahreszeit? Was bedeutet es, wenn er phasenweise enorm schreckhaft ist und wie kann ich ihm dann am besten helfen? Diese Dinge lernt man nicht in ein paar Wochen. Diese Dinge lernt man in Jahreszyklen und bei einem Pony, das noch nicht erwachsen ist, ändern sie sich naturgemäß auch so nochmal. Ich werde also noch viel zu entschlüsseln haben und muss noch manches Rätsel knacken bis ich Duncans Geheimcode gut genug beherrsche um ihn wirklich verstehen zu können. Mit Sicherheit ist er mir da weit voraus….

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