Da waren wir nun auf unserem ersten Reitkurs. Der Kurs, den wir 2022 bei Elsa Sinclair mitgemacht haben, bestand ja für Duncan tatsächlich nur daraus, 4 Tage im Paddock mit Diego zu sein, was damals wirklich aufregend genug war, weil er noch Hengst war und viel herum gerannt ist.
Jetzt ist er nicht nur Wallach, sondern auch 2 Jahre älter. Er kann die Anwesenheit fremder Pferde ganz gut wegstecken, das hat er in den letzten Wochen mehrfach bewiesen. Also war ich guter Dinge, dass er den Kurs gut meistern wird.
An einem einzigen Wochenende war dann auch gleich so ziemlich alles dabei: übernachten auf einem fremden Weidestück mit Rindern und anderen Pferden nebenan, später Unterbringung in der Box mit Sicht auf den Hof, der voller Kinder und Hunde war und auf die Stallgasse, auf der auch immer wieder reges Treiben herrschte, wenn die Gruppen wechselten. Reiten in der Halle (die ich ihm zum Glück vorher zeigen konnte) mit Zuschauern und offener Tür zu besagtem Hof (Hunde und Kinder), Rinder treiben in der Gruppe mit fremden Pferden auf der großen Koppel und schließlich noch in der Halle mit fremden Pferden reiten. Ich sah sie förmlich, die kleinen Rauchwolken, die aus Duncans Kopf aufstiegen. Als wir einmal vor Arnulf und Diego in die Halle gegangen und dort alleine waren, hat Duncan sein Unwohlsein deutlich zum Ausdruck gebracht: er wollte zum Ausgang. Ja, er war artig. Aber er war nicht entspannt, er fühlte sich nicht sicher.
In meinen Augen ist so ein Kurs genau deswegen immer ein kleines Risiko. Die meisten Pferde sind unfassbar nett und kooperativ. Sie versuchen ihr bestes, im Zweifelsfall so lange, bis es nicht mehr geht. Wenn es dann nicht mehr geht, ist es zu spät, denn dann ist vorher schon so viel schief gelaufen, dass man das nicht mal eben schnell wieder ins Lot bringen kann. Mein Klassiker an der Stelle sind die Menschen, die mich für Verladetraining holen. Ganz oft begegnet mir das Problem, dass das Pferd zu hause super einsteigt, aber dann, wenn man irgendwo war, geht nichts mehr. Der Kopf des Pferdes ist dann voll, das Budget ist aufgebraucht. Nach dem Kurs, dem Strandritt oder gar dem Klinikbesuch ist es dem Pferd nicht mehr möglich, in den Anhänger einzusteigen.
Die Lösung heißt auch hier: Training. Jeder, der mal in einem fremden Supermarkt einkaufen war, kennt das Problem. Und jetzt stellt euch vor, ihr sollt nicht nur in dem fremden Supermarkt einkaufen, es ist auch eine fremde Sprache, eine fremde Währung, fremde Produkte. Es ist nicht nur irgendein Einkauf, sondern der Wocheneinkauf für eine 10köpfige Familie, die am Sonntag ein großes Fest feiern will. Und ihr seid knapp in der Zeit. Ihr wisst nicht, was wo steht, was wie heißt und dann stellt ihr fest: Einkaufszettel vergessen.
Da kann man schon mal schnell unter Stress kommen. Und je nachdem was für ein Typ man ist, wird man dann die Hälfte vergessen, die Kassiererin anbrüllen, das Glas mit den sauren Gurken fallen lassen oder im Anschluss einen Autounfall bauen. Wenn das Gehirn überlastet ist, wird das Leben auf jeden Fall nicht schöner. Im vertrauten Supermarkt wäre das alles doch einfacher gewesen, denn je mehr Informationen bereits bekannt sind, desto einfacher wird es, mit den neuen Informationen umzugehen. Deswegen war es mir wichtig, Duncan den Ort des Geschehens vorher schon einmal zu zeigen. Ich hatte diese Möglichkeit und ich bin sehr dankbar dafür. Er hat alles schon einmal gesehen.
Training heißt also in diesem Fall, einerseits einen Haufen gute Routinen zu erschaffen. Wenn mein Pferd nicht so viel nachdenken muss über die einfachen Dinge – führen von A nach B, an einer beliebigen Aufsteigehilfe einparken, fremde Pferde ignorieren, Rinder ignorieren, in den Anhänger einsteigen – habe ich schon mal Gehirnkapazität gewonnen. Diese Routinen kommen durch Wiederholung.
Zum Training gehört dann aber auch, zu lernen, die Füße langsam zu bewegen, wenn das Gehirn viel zu tun hat (beim Pferd von Natur aus eher umgekehrt, sofort schnell laufen, nicht erst viel denken! Sonst wird man Frühstück….). Zum Training gehört, den Menschen im Fokus zu behalten (für Pferde sind erstmal alle Reize gleich wichtig. Zu lernen, dass der Mensch immer Priorität hat, ist ein langer Prozess). Zum Training gehört, gute Reaktionen zu verinnerlichen: stehenbleiben und gucken. Nur gucken, nicht anfassen. Und dann den Fokus wechseln, nicht festglotzen. Rücksprache mit dem Menschen halten.
Wenn ich es schaffe, mein Pony an den Rand seiner Gehirn-Leistungsfähigkeit zu bringen aber ein gutes Ende zu finden und ihm ein Erfolgsgefühl zu vermitteln, wird der nächste Kurs noch besser. Dann kann ich nächstes Mal eine neue Herausforderung dazu nehmen (z.B. ohne Diego irgendwo hin fahren). Wenn es ihm aber zu viel wird und er zu gestresst ist, muss ich beim nächsten mal einen oder mehr Schritte zurück gehen. Woran erkenne ich ob es zu viel war? Tja, dafür muss ich nun wieder Dinge über mein Pony lernen, die ich bisher noch nicht weiß. So richtig werde ich das erst in der nächsten vergleichbaren Situation herausfinden können, aber es gibt natürlich schon auch ein paar andere Anzeichen.
Zu meinem Glück ist Duncan ja in der Regel der Meinung, dass ein Abenteuer, nach dem man so richtig müde ist, etwas großartiges ist. Ich möchte, dass das so bleibt. Und dafür lasse ich mich gerne auch mal etwas belächeln, wenn ich mit Argusaugen auf mein Pony schaue und den kleinen Dingen viel Bedeutung beimesse: das Haschen nach Gras, obwohl er den ganzen Tag auf der Weide stand, ist eine Übersprungshandlung, das habe ich gelernt. Es bedeutet, dass er Stress hat. Das Ziehen zum Ausgang, auch wenn ich ihn dort weg lenken kann, ist kein gutes Zeichen und ich möchte nicht zu oft darüber hinweg gehen. Dass er mir einmal auf den Fuß getreten ist, ist gar kein gutes Zeichen, denn das hat er noch nie getan. Er war unaufmerksam, das ist er sonst nicht. Diese vermeindlich kleinen Dinge sind wichtige Hinweise bei einem Pony, das eben nicht sichtbar durchdreht, herumbrüllt, rennt oder die Augen groß aufreißt. Gerade auf die stillen Typen muss man besonders gut aufpassen.
Aber ich habe auch gemerkt, wie Duncan sich helfen lässt von mir. Er weiß, dass ich versuche, ihm zu helfen. Er nimmt wahr, dass ich ihn beachte und nicht über seine kleinen Signale hinweg gehe. Und dann nimmt er seine Kräfte zusammen und tut was Merlin immer getan hat: er liefert ab. Er gibt sein allerbestes, legt sich für mich ins Zeug. Und ich vermute dass es das ist, was unseren Ponys das „gewisse Etwas“ verleiht, worauf wir oft angesprochen werden.
Nachher sind wir beide erschöpft, aber stolz. Wir sind beide gewachsen und wenn wir das nächste Mal auf einen Kurs fahren, wird es sicher schon weniger stressig sein, weil wir beide mehr trainiert haben. Duncan wird bald 6 Jahre alt, es wird Zeit, diese Dinge anzugehen. Und ich merke für mich, dass ich jetzt auch die Kraft und den Mut dazu gesammelt habe. Jetzt können wir uns neue Herausforderungen suchen und ich hoffe, dass das dahin führt, dass mein kleiner großer Duncan irgendwann genauso gelassen und kompetent ist wie Diego, der immer und überall zurecht kommt. Meine Hauptaufgabe ist – wie im körperlichen Training auch – die richtige Dosierung zu finden. Herausfordern ohne zu überfordern. In so einer Kurssituation ist das nicht leicht zu steuern, denn ich bin ja nicht allein. Da sind so viele andere Menschen und Pferde. Deswegen war es mir wichtig, einen guten ersten Kursort zu finden und das ist uns gelungen. Bei meinem Reitlehrer Alex Zell sind wir natürlich immer in den besten Händen, aber im Stall Quindalup hat halt auch alles andere gestimmt. Das Wohl der Pferde stand wirklich im Mittelpunkt, die Menschen waren alle freundlich miteinander, es gab keine Konkurrenz, kein Geläster, keine kleinen Sticheleien. Wenn ich entspannt bin, weil die Leute alle nett sind, kann ich mich voll auf mein Pony einlassen. In diesem Kurs hat die gesamte Gruppe an einem Strang gezogen und das ist eine tolle Atmosphäre. Duncan und ich hatten zwei großartige Tage und ich bin sicher, mein Pony ist ein bisschen gewachsen an diesem Erlebnis. Danke an alle, die daran beteiligt waren!
Total gut beschrieben mit dem Einkauf im fremden Gschäft!
Mir reicht das schon ganz alleine, ohne all die anderen Stressfaktoren..
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