Steigerung

Wie Duncan Euch berichtet hat, waren wir am Montag so flott unterwegs wie noch nie. Es war plötzlich warm geworden und in meinem Kopf waren diese Stimmen „Pferde bei Hitze nicht überfordern“ aber unter mir war mein Pony und das galoppierte fröhlich und neben mir war meine Freundin die sagte „der hat ja noch nicht mal erhöhte Atmung“.

Ich war nie im Leistungssport – weder selbst für mich noch mit Pferd. Ich kenne mich mit echtem, sportlichem Training gar nicht gut aus. Das was bei uns „Training“ heißt, ist für Sportler ein Witz.

Einen Tag nach unserem flotten Ritt mit über 11km/h Durchschnittsgeschwindigkeit höre ich den Distanzreitpodcast und stelle fest: auf der deutschen Meisterschaft ist die Siegerin in knapp 11,5 Stunden (Reitzeit) 160km mit über 3000 Höhenmetern geritten. Das ist eine Durchschnittsgeschwindigkeit von knapp 14km/h . Und da wird mir dann klar: Training ist halt ganz was anderes. Klar messe ich mich nicht mit der deutschen Meisterin und mein Highlandpony könnte eine solche Leistung auch gar nicht erbringen, weil er für andere Sachen gezüchtet wurde. Aber wenn man die Obergrenze mal sieht, kann man manchmal die eigene Leistung besser einsortieren. Wenn ich das Gefühl hatte, soooooooo schnell und lang geritten zu sein und dann höre, dass Leistungssportler diese 10km mit ihrem Pferd durchgängig galoppieren, dann bin ich wieder still. Es tut mir gut, so etwas zu hören, weil es mir klar macht: ich bin in keinem Bereich, in dem mein Pferd irgendwie ernsthaft gefordert ist. Und jetzt kommt der spannende Teil, denn ich will unser Training ja steigern. Und das ist übrigens der Teil, den die meisten Freizeitreiter meiner Meinung nach verpassen. Sie üben mit ihrem Pferd so allerhand und sie gehen auch mal ausreiten, aber sie steigern sich nicht. Und ich glaube mittlerweile, dass viele genau deswegen nicht gut vorankommen. Die Horsemanship-Bewegung hat uns allen eingetrichtert, aufzuhören, wenn es gut läuft. Und das ist ja auch richtig, wenn das Pferd etwas lernen soll. Aber die Freizeitpferde, die ich so sehe, die scheinen Dinge nur noch zu lernen und dann nie zu trainieren. Und dann steigert sich da halt keine Leistungsfähigkeit. Und ja, die meisten Freizeitreiter sollten die Leistungsfähigkeit ihrer Pferde dringend steigern, das würde nämlich zu mehr Gesundheit führen. Mehr Galopp verbessert die Atmung, mehr Krafttraining verbessert die Fettverbrennung, mehr Ausdauertraining verbessert die Laune. Ich vermisse bei den meisten Pferden eine gute Grundfitness – und da nehme ich mich und mein Pony nicht aus, aber ich arbeite daran.

Und also soll sich Duncans Pensum steigern. Und das heißt: mein innerer Helikopter muss das mal überleben. Ihn mal anfeuern, ihm vorschlagen, nochmal zu galoppieren, ihm was zutrauen. Und staunen, wie er da raus kommt bei der Wärme und die Pulswerte völlig in Ordnung sind. Und mich freuen, wie er am nächsten Tag kommt und fragt, was wir heute machen. Und nicht glauben, dass er gleich kaputt geht, selbst wenn ich ihn mal überfordern SOLLTE (was mir auf körperliche Leistung bezogen noch nicht gelungen ist). Natürlich ist so ein Pulswert auch nur eine Aussage über das Herz-Kreislauf-System. Natürlich muss ich auch Bänder, Sehnen und Knochen im Blick haben. Aber das darf nicht zur Ausrede werden, nie aus dem Quark zu kommen.

Mein Finlay musste viel trainieren um unseren ersten kleinen Distanzritt in der vorgegebenen Zeit zu schaffen. Für den zweiten war er zu schlecht trainiert und wir haben es nicht in der Zeit geschafft (macht ja nix). Aber obwohl er sich immer so schwer getan hat, hatte er Spaß dabei. Finlay hat immer gut auf sich aufgepasst und Pause gemacht, wenn er eine brauchte. Ich wurde da nicht gefragt. Duncan tut sich von Natur aus leichter, obwohl der so klein ist und damit prozentual gesehen mehr Gewicht trägt (Finlay war 12 cm größer und wog fast 600kg, Duncan nur gut 400kg). Mein kleines Pony ist enorm stark und läuft sehr effizient. Vor allem läuft er gern, sehr gern.

Ich höre inzwischen von zwei Schülerinnen, die an ihren Ställen keine Mitreiter fürs Gelände finden. Weil die potentiellen Mitreiter 12km „zu weit“ finden und 8km/h Durchschnitt „zu schnell“. Und einer dieser Ställe steht voller Isländer – eigentlich doch die Rasse für Leute die gern im Gelände unterwegs sind. Wenn ich zurückdenke an unseren Ritt am Montag, habe ich einen leisen Verdacht, warum das so sein könnte. Denn so eine Steigerung erfordert einen gewissen Mut. Gerade in den sozialen Medien wird einem – wenn man in den entsprechenden Filterblasen unterwegs ist – quasi permanent eingebläut, wie schnell das geliebte Pony Schaden nehmen kann. Zu früh geritten, zu schnell geritten, zu harter Boden – Pony kaputt. Einem Faktencheck halten diese Behauptungen zwar so einfach nicht stand, aber im Unterbewusstsein sind sie abgespeichert. Ich habe das „Glück“ dass ich überall die Gefahren vom Gegenteil sehe: zu dicke Ponys, Ponys die Atemprobleme haben, Arthrose bei Pferden, die überhaupt nie ernsthaft etwas geleistet haben. Das macht mich ein bisschen immun gegen die Stimmung, die mir im Internet entgegenschwappt. Trotzdem habe ich immer wieder Angst, ich könnte mein Pony überlasten. Und dann tut es mir gut, wieder und wieder von den anderen zu hören. In meinem Fall von den Distanzreitern, die nicht müde werden zu betonen, dass „jedes normal gerittene Pferd“ einen Einführungsritt von 30km schafft. Und das heißt nach deren Maßstab ist Duncan noch kein „normal gerittenes Pferd“. Oder von meiner Freundin, für die 20km Trab vor der Kutsche einfach die normale Sonntagstour sind und die gern einen ihrer Ausbilder mit den Worten zitiert, das Pferd sollte dreimal in der Woche nass geschwitzt sein.

Wir müssen uns immer und ständig bewusst machen, wie sehr unsere Wahrnehmung und unsere Maßstäbe sich nach dem richten, was wir täglich sehen und hören. Und anstatt andere zu verteufeln für das, was sie ihren Pferden abverlangen, können wir ja mal hinschauen, ob wir nicht etwas lernen können. Und uns und unseren Pferden mal mehr zutrauen, und das eine oder andere mal staunen, wie toll unsere Pferde das finden. Duncan, der mich in unseren gemeinsamen 5 Jahren nur eine handvoll mal angebrummelt hat, hat genau das heute getan in freudiger Erwartung von mehr Abenteuer und Anstrengung. Dass unser Reitplatz bereits in der prallen Sonne lag, war ihm egal, er stand parat. Und ja, heute haben wir nur im Schritt an seiner Balance gearbeitet, aber ich weiß genau, was er hätte leisten können und wollen und gedenke das auch demnächst wieder abzurufen denn ich kann eins ganz konsistent beobachten: ein paar Tage nach den größten Herausforderungen hat mein Pony die beste Laune und die meiste Motivation für mehr. Er will sich gern steigern und freut sich, wenn ich mich traue. Und ich glaube kaum, dass er das einzige Pony ist, das so empfindet.

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