Vor 30 Jahren bin ich meinem ersten Pferd „Wurzel“ begegnet. Ein Warmblüter, der vom Reitverein als Schulpferd gekauft wurde. Alsbald stellte sich jedoch heraus, dass Wurzel für diese Aufgabe nicht geeignet war, denn er entwickelte einige Marotten, die sich immer weiter verschlimmerten. Eine davon war die, die für mich rückblickend meinen persönlichen Startpunkt in eine neue Art des Umgangs mit Pferden darstellt:
Am Ende jeder Reitstunde stellten alle Reiter ihre Pferde auf der Mittellinie auf. Bei A war der Ausgang aus der Reithalle. Wurzel sorgte dafür, dass er immer direkt dort stand, egal, was man versuchte. Sobald man dann abgestiegen war und ihn durch die Tür in den angeschlossenen Stall führen wollte, rannte er los und sauste von der Reithalle in seine Box – ohne Rücksicht auf Verluste. Niemand, auch nicht unsere sehr resolute Reitlehrerin, konnte ihn davon abbringen.
Eines Tages hatte ich eine Idee: ich ließ Wurzel in seine Box flitzen, aber als er dort war, führte ich ihn ungerührt zurück in die Halle. Der Vorgang wiederholte sich ein paar mal, bis Wurzel schließlich verstand und gesittet neben mir her in seine Box ging, wo ich ihn dann absatteln konnte. Seitdem ging er mit mir immer anständig aus der Halle in die Box. Dieser Tag war für mich der, an dem ich verstand, stur zu sein, statt gewaltätig zu werden. Weder wildes Gezerre am Gebiss, noch Schläge mit der Gerte oder Geschrei hatten Wurzel dazu gebracht, sein Verhalten zu ändern. Aber stures Wiederholen hatte etwas geändert.
Wenn ich heute daran denke, was für ein schreckliches Leben die Pferde dort hatten, möchte ich Wurzel im Nachhinein zurufen: lauf! Lauf nicht in deine Box, sondern so weit weg, wie du nur kannst…
Einige Zeit später wurde Wurzel mein erstes eigenes Pferd und vielleicht mein größter Lehrmeister. Er war kein gutes Lehrpferd, er war der Typ Pferd, der so lange „nein“ sagt, bis man als Mensch notgedrungen andere Wege findet. Das ist eine sehr harte Schule für den Menschen und fürs Pferd ein schmerzhafter und steiniger Weg. Ich bin dankbar, dass Wurzel so sehr für sich selbst eingestanden hat und mir immer ganz klar die Grenzen aufgezeigt hat. Wer weiß, wo ich ohne ihn heute wäre?
Heute ist die Pferdewelt eine andere als vor 30 Jahren und das ist gut so. Und heute steht hier mein kleiner großer Duncan und lernt, ein Lehrpferd zu sein. Ein echtes Lehrpferd, nicht eins, was nur „nein“ sagt. Eins, das Menschen unterstützt, zu lernen. Und ich beobachte mit Faszination, wie Duncan von Woche zu Woche lernt, zu lehren.
Was macht ein gutes Lehrpferd aus? Ich finde, an erster Stelle steht immer die Sicherheit. Duncan lernt, dass langsamer werden immer – ausnahmslos – die bessere Option ist. Er beobachtet, während er mit seiner kleinen Freundin arbeitet, jede meiner Reaktionen und leitet sich daraus ab, welches Verhalten ich gut finde und welches nicht. Wenn er nicht weiter weiß, fragt er mich um Hilfe, indem er mich anschaut und sich dann von mir „fernsteuern“ lässt. Dazwischen versucht er, die noch sehr undeutlichen und wenig überzeugenden Anweisungen seiner kleinen Freundin zu entschlüsseln. Ein gutes Lehrpferd ist eines, das weiß, wann es genau das macht, was ihm vom Schüler gesagt wird und wann nicht. Als das Mädchen Duncan so ungeschickt geführt hat, dass er auf ihrem Fuß zu stehen kam, war das ein Zeichen für Duncans Unerfahrenheit. Er hatte genau getan, was sie gesagt hatte. Nun darf er lernen, in manchen Situationen selbständig anders zu entscheiden, damit so etwas nicht wieder passiert. Denn es wird nicht der letzte Fehler dieser Art gewesen sein – ein Lehrpferd ist ja genau dazu da, dass eine Schülerin Fehler machen kann, ohne in Gefahr zu geraten.
Was für eine schwierige Aufgabe für ein Pony! Ich habe Merlin vor Augen, der ein perfekter Lehrer war. Woher er das konnte, weiß ich nicht (beim Vorbesitzer hatte er das sicher nicht gelernt). Und ich wünsche mir, dass Duncan in ein paar Jahren auch so souverän ist. Dass er genau weiß, wann er die Verantwortung übernehmen soll und wann er – zu Ausbildungszwecken – genau das machen soll, was der Mensch ihm sagt. Ich weiß noch genau, wie Merlin immer geschaut hat, wenn er in aller Seelenruhe genau den Blödsinn gemacht hat, den die Reiterin auf seinem Rücken ihm gesagt hat. Sein Gesichtsausdruck war klar: „ich weiß, dass das nicht das ist, was du WILLST aber es ist das was du SAGST“. Niemals jedoch hätte er sich so verhalten, wenn dabei jemand zu Schaden gekommen wäre. Dann übernahm er die Führung und sein Gesicht sagte „nein, das machen wir nicht. Versuch es nochmal“. Und ich war immer aufs Neue fasziniert von dieser wunderbaren Fähigkeit, zu unterscheiden.
Gestern, als Duncans kleine Schülerin ihn zum ersten Mal selbst gelenkt hat und er der Wand in der Halle zu nah kam, hat er vorbildlich angehalten und auf weitere Anweisungen gewartet. So blieb ihr Bein unversehrt und ich konnte Duncan einen Tipp geben, was in so einer Situation zu tun ist. Und jede solcher Situationen gibt mir das Gefühl: er wird großartig werden in dem Job. Und was noch wichtiger ist: er hat eindeutig Spaß daran.