Bauchgefühl

Wenn man etwas über viele Jahre macht, hat man so viele Informationen gesammelt, dass ein solides „Bauchgefühl“ entsteht. Dieses Bauchgefühl ist in Wirklichkeit eine Ansammlung von Informationen, die sich über die Jahre zu einem Gesamtbild zusammengefügt haben und eine enorm gute Leitlinie sind. Als wir Diego 2012 gekauft haben, haben wir uns die Aufgaben gut eingeteilt: Arnulf hat auf sein Herz gehört und sich gefragt, ob Diego SEIN Pferd ist. Ich habe auf mein gut geschultes Bauchgefühl gehört, um zu sehen, ob Diego gesund ist. Mein Bauchgefühl war mir wichtiger als eine Ankaufsuntersuchung, denn während man dort natürlich gut erfahren kann, ob Knochen, Sehnen, Augen und Rücken in Ordnung sind, können viele Dinge nicht durch eine Untersuchung erfasst werden: hat das Pferd eine Neigung zu Koliken? Bekommt er vielleicht ein Sommerekzem oder Asthma? Hat er immer wieder Probleme mit Mauke, Raspe, Hufgeschwüren, Infekten? All das kann kein Arzt uns sagen, der das Pferd nur einmal sieht. Würde ein Verkäufer mir solche Dinge also verschweigen, würde ich sie erst nach Kauf herausfinden. Aber ich habe so viele Pferde gesehen – kranke und gesunde – dass ich meiner Einschätzung zu diesen Fragen inzwischen ganz gut vertrauen kann. Und ich lag richtig: Diego war immer gesund. In den Jahren bei uns hat er nicht mehr Probleme gehabt als eine kleine Verletzung und ein Hufgeschwür. Sonst war er jeden Tag startklar, einsatzbereit und fit. Bis jetzt. Und so habe ich in 12 Jahren mit ihm mein Bauchgefühl nicht erweitern können: wie benimmt er sich, wenn es ihm nicht gut geht? Was hilft ihm? Was könnte er haben? Keine Idee. Und dann hat er jetzt ja auch noch eine unbekannte Erkrankung über die die Tierärztin sagte „wir haben keine Anhaltspunkte außer dem Blutbild und seinem Befinden“. Und mit „Befinden“ sind all jene diffusen Dinge gemeint, die man gerade bei einem sowieso introvertierten Typen wie Diego so furchtbar schlecht objektiv an irgendwas festmachen kann. Also ist mein Hauptkriterium die Frage, wie viel Heu er frisst. Die Verweigerung von Heu war das erst Symptom und scheint auch das letzte zu sein was weggeht. Klar, um Ostern herum ging es ihm wirklich so deutlich schlecht, dass es nicht zu übersehen war. Aber davor und danach wechselte sein Zustand häufig, mal sah er eingefallen aus, mal wieder ganz gut, mal nahm er ganz normal am Herdenleben teil, dann wieder war er etwas stiller als sonst. Und ich war leider dumm. Denn weder habe ich Fieber gemessen, noch seinen Puls gefühlt, wenn er kein Heu fressen mochte. Warum? Weil ich so unglaublich auf die Zähne fixiert war, weil für uns alles nach einem Zahnproblem aussah. An dieser Stelle hat unser Bauchgefühl uns komplett in die Irre geführt und ich habe wieder was gelernt.

Objektive Kriterien sind die Mutter des Bauchgefühls. Woran mache ich fest, wie gut oder schlecht es einem Pferd geht? Puls, Atmung und Temperatur – himmelherrgottnochmal – das haben wir doch schon im Reitverein gelernt und sind doch wunderbare, objektive, leicht messbare Kriterien. Noch bevor ich meinem Pferd im Gesicht rum gucke und nach der Schmerzskala schaue, die zwar auch sehr gut erforscht und „messbar“ ist (und die jeder Pferdebesitzer kennen sollte!), aber manchmal auch nicht so leicht zu erkennen. Zumal Diego nicht oft ein Schmerzgesicht hatte, weil er wohl keine Schmerzen hat. Eine Infektion irgendeiner Art muss ja nicht mit Schmerzen einhergehen. Appetitlosigkeit, Müdigkeit, Abgeschlagenheit, das alles kennen wir Menschen ja auch ohne Schmerzen, wenn wir krank sind.

Zurück zum Bauchgefühl. Geht es Diego besser? Ja, das tut es ganz sicher. Auch seine Blutwerte verbessern sich. Aber nach wie vor frisst er wenig Heu. Das kann nun verschiedene Ursachen haben. Einerseits haben wir ihn in den letzten Wochen haltlos verwöhnt. Die Devise war: Hauptsache er frisst überhaupt irgendwas. Es gab Gras, Müsli, Heucobs und Möhren. Und nicht nur ein Müsli und auch nicht nur eine Sorte Heucobs: wir haben wirklich aufgefahren, wie ich es noch nie in meinem Leben getan habe. Anfangs stand er vor 5 Schüsseln und naschte mit Glück von einer davon. Aber jetzt? Jetzt kann es gut sein, dass er einfach wartet, bis es etwas schmackhafteres gibt und dafür das dröge Heu einfach liegen lässt. Vielleicht hat er gelernt, dass wir weitere Leckereien servieren, wenn er ein bisschen enttäuscht auf der Speisekarte herumschaut? Oder aber es sind eben doch die Zähne, die ja nun laut Experte Nr 3 zu glatt geschliffen wurden, was das Heu mahlen etwas mühselig gestalten könnte, auch wenn nichts wehtut. Oder aber – und das wäre natürlich die schlechteste Version – es geht ihm eben doch noch nicht so gut, wie wir denken. Ein Bauchgefühl habe ich dazu nicht im Angebot, denn ich habe noch nie ein Pferd mit einer so unklaren Erkrankung gehabt. So heißt es jetzt: ausprobieren. Erstmal wieder objektive Maße finden. Sein Puls ist für mich ein solches Maß geworden. In der Anfangsphase der Antibiose war sein Ruhepuls bei 44 und das ist für Diego viel zu hoch. Später ging er wieder runter auf die üblichen 36. Ich finde den Puls nicht an allen Tagen und er unterliegt natürlich auch gewissen Schwankungen – der Anblick von Leckereien kann sicherlich dazu beitragen, dass er mal auf 40 hoch geht. Aber so im Mittel kann ich schon sehen, wie der Ruhepuls ist und mich daran ein bisschen orientieren. Fiebermessen steht jetzt sowieso jeden Tag auf dem Plan, aber er hält sich ganz brav im Normalbereich auf. Heute haben wir ein weiteres objektives Maß hinzugefügt: wir waren mit Diego auf der Waage. An seinem schlimmsten Tag wog er 540kg, heute waren es 585kg. Das ist gut, jetzt dürfen es gern noch 15-20kg mehr werden. Da wir Duncan auch mit hatten, wissen wir jetzt auch, dass unser derzeitiges Heu anscheinend extrem mager ist, denn Duncan hat abgenommen, obwohl er mehr Heu bekommt als im Winter. Das bedeutet, dass ich für Diego jetzt nach Heu mit mehr Kalorien suchen werde, denn das was wir da haben, ist für tendenziell zu dicke Ponys prima, aber kein Appetitanreger, der Speck auf die Rippen zaubert.

Alles weitere muss uns das nächste Blutbild sagen, das eine Woche nach dem Absetzen der Antibiotika gemacht wird (vermutlich Anfang übernächster Woche). Wenn die Werte sich normalisiert haben und normal bleiben, wissen wir, dass zumindest an dieser Front alles wieder gut ist. Dann heißt es wieder, das Bauchgefühl einzuschalten und genau zu beobachten, wie Diego sich entwickelt, wenn wir wieder anfangen, mit ihm zu arbeiten und ihn normal zu füttern. Denn die Tatsache, dass das Blutbild ok ist, heißt ja nicht zwangsläufig, dass er vollkommen gesund ist.

Beim Unterrichten lerne ich jeden Tag, Gefühl und Erfahrungswerte objektivierbar zu machen, so dass ich meinen Schülerinnen Kriterien an die Hand geben kann: woran erkenne ich, ob mein Pferd den Rumpf anhebt? Wie kann ich fühlen, ob der Takt stimmt? Manchmal ist es schwer, das Gefühl in Worte zu bringen. Aber ich habe durch Diegos Krankheit wieder einmal gelernt, wie wichtig das ist. Bauchgefühl entwickeln, indem man Erfahrungswerte sammelt, ist das eine. Das Bauchgefühl dann wieder messbar und erklärbar zu machen, ist das andere. Und wenn man – wie wir in den letzten Wochen – im Panikmodus unterwegs ist, dann ist auf das Gefühl kein Verlass mehr. Dann braucht es harte Fakten, kontrollierbare Daten, die uns Halt und Orientierung geben. Nach und nach kann daraus dann wieder ein „schlauer Bauch“ werden.

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