Muskelaufbau

Ein häufig gewünschtes Thema in meinem Unterricht ist der Muskelaufbau. Das Pferd soll bitte schön bemuskelt sein. Und ich nehme mir fest vor, das nächste mal nachzufragen, warum. Ich mag solche Fragen, die mir erstmal komische Blicke bescheren, sie machen das Leben interessanter.

Unser Diego (wir warten noch auf Blutwerte…) hat in den letzten Wochen zum Glück etwas zugenommen und fühlt sich offensichtlich wieder wohler in seinem Körper. Neulich schaute ich ihn an und sagte zu Arnulf „der sieht aus als hätte er Muskeln aufgebaut“. Was ja nun mangels Training eigentlich gar nicht sein kann. Er hat sich auch nicht mehr bewegt, sondern eher weniger, während er vor seinen Heuhaufen steht und sich nach und nach wieder der normalsten Sache der Welt widmet. Training hatte also lediglich seine Kaumuskulatur. Aber er hat eben eine rundere Form bekommen und er hält sich wieder aufrechter, lässt sich nicht mehr so hängen. Und schon sieht er aus, wie all die vielen vielen Pferde, von denen Vorher-nachher-Fotos auf social media zu sehen sind und die für die eine oder andere Trainingsmethode Werbemodell stehen (manchmal auch für Pülverchen aller Art und Sorte). Häufig betrachte ich diese Bilder mit Skepsis: da werden Pferde im Winterfell und im Sommerfell verglichen, Pferde mit Weide-Luxusbäuchlein und ohne, Pferde stehen unterschiedlich da, halten den Kopf anders oder das Licht kommt von der anderen Seite. Unser running gag an der Stelle ist eine Hufpflegerin auf einer Fortbildung, die uns vorher-nachher-Huffotos zeigte und dazu sagte „das ist jetzt nicht der selbe Huf aber das selbe Pferd“. Klar, das ist natürlich total vergleichbar. So wie meine rechte Hand ja auch genauso aussieht wie die linke. Nicht. Huffotos haben mich geheilt was die Vergleichbarkeit angeht. Man kann sich wahnsinnig täuschen. Und so sehe ich es auch mit Muskelfotos von Pferden. Ich mache sie trotzdem, aber man muss sich daran nicht festgucken. Und dann ist da ja noch die Unterscheidung zwischen Muskeln und Fett, die viele Pferdebesitzer so gar nicht beherrschen und die auf Fotos so gut wie unmöglich sein dürfte. Figuren von Pferden werden stets und ständig falsch eingeschätzt („das sind Muskeln“ ist mein Lieblingsspruch wenn ich anmerke, dass ein Pferd übergewichtig ist. Wo ein Pferd da so angeblich überall Muskeln haben kann, ist schon wirklich interessant.)

Und selbst wenn ein Pferd toll bemuskelt ist, ist es dann stark? Ich erinnere mich an einen der muskulösesten Männer die ich kennengelernt habe. Der hat mich – als er schweißgebadet nach zwei Hufen die Raspel abgegeben hat – gefragt, wie ich das mache mit der Hufpflege. Seine Frau, ihres Zeichens Hundephysiotherapeutin, kicherte nur. Seine Muskeln, so sagte sie mir, „taugen nix“, die sehen nur toll aus. Und ich denke an den schlacksigen jungen Mann, der so unglaublich viel Kraft hatte. Oder auch das eine oder andere „Dickerchen“, die etwas fülligeren Frauen, die wahnsinnig unsportlich aussehen und mich dann ganz geschmeidig bei jedem Ausdauertraining abhängen, während mir schnell nachgesagt wird, ich sei ja so sportlich, weil ich von Natur aus einfach eine Figur habe, die etwas athletischer wirkt. Wie ein Körper aussieht, sagt nicht so ganz direkt etwas darüber aus, wie stark oder funktionell er ist.

Das Pony von meiner Freundin, der in meinem Dunstkreis wohl die meisten Kilometer in der Woche reißt, sieht weiß Gott nicht aus wie ein durchtrainierter Sportler. Dagegen sieht mancher Koppelgänger durchaus gut bemuskelt aus und das eine oder andere Quarter Horse bekommt einfach vom Füttern schon Muskelmasse, wo der Araber daneben sich einfach nur eine Weidewampe zulegt und viele, viele, sehr viele Kilometer machen muss, um die wieder loszuwerden.

Irgendwie ist Reiten zur Raketenwissenschaft geworden. Reiter versuchen, all die Muskeln zu kennen, die ihr Pferd (angeblich) braucht und jeden einzeln ansteuern zu können. Sie versuchen, dem Pferd eine bestimmte Körper- oder schlimmstenfalls Kopfhaltung beizubringen in der Annahme, so sei es „richtig“ und das Pferd würde „korrekt“ laufen. Ich hätte nichts dagegen, wenn man sich denn einig wäre, wie „richtig“ und „korrekt“ aussehen. Ist man aber nicht. So viele schöne Theorien, eine widerspricht der anderen und in der Praxis sind sie entweder für den Laien gar nicht umsetzbar oder selbst beim Profi nicht erfolgreich. Da wir getrickst, gefummelt, schöngeredet und hinfotografiert und die, die sich wirklich große Gedanken machen, die wirklich alles richtig machen wollen zum Wohle ihres Pferdes, die sind dann komplett verunsichert, trauen sich gar nix mehr und schmeißen irgendeinem Guru haufenweise Euros in den Rachen.

Und dabei sehe ich ganz klar an Diego: wenn unsere Pferde sich wohlfühlen, sehen sie eh gleich viel schöner aus. Wenn wir ihnen vielfältige Aufgaben stellen, dann kriegen die ihren Körper in den Griff. Wenn wir den unpassenden Sattel weglassen, haben die auch wieder einen Rücken. Und dann sehen die vielleicht nicht instagramm-tauglich aus, aber sie sind gesund und munter – im Winter mit zotteligem Fell und im Sommer vielleicht mit einem (kleinen!) Wohlstandsbäuchlein. Fertig. Ich schätze all jene Reiterinnen, die so sehr alles richtig machen wollen. Ich selbst möchte das auch. Aber mehr als einmal habe ich nun schon gelernt: dieser Wunsch kann uns total blockieren. Kann uns verpassen lassen, wie einfach alles sein kann und uns total den Spaß an unseren Pferden vermiesen. Und das ist doch schade. Die Zeit mit unseren Pferden ist so wertvoll. Sie soll voller Freude sein für alle Beteiligten. Und unsere Pferde haben auch oft keine Lust, ständig kritisiert zu werden, weil sie „nicht korrekt“ laufen und nicht gut genug bemuskelt sind.

(Das alles gilt für die einigermaßen gesunden Pferde. Für die Spezialfälle braucht es vielleicht spezielle Super-Methoden, das mag angehen. Oder auch nicht, wer weiß?)

Ihr bekommt ein Diego-Update sobald ich eins habe, versprochen.

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