Geschwindigkeit

„Aber er war doch total langsam“ sagt meine Freundin als ich Duncan mit etwas Mühe endlich aus dem Galopp durchpariert habe. „Ja ich weiß!“ entgegne ich „aber es hat sich nicht so angefühlt als würde ich noch bremsen können und er wurde immer schneller!“

Und dann das umgekehrte Erlebnis: nach unserem bisher schönsten, gleichmäßigsten, ruhigsten Galopp mit tiefen, sehr hörbaren Atemzügen von Duncan, zeigt die App mir, dass das unser bisher schnellster Galopp gewesen ist. Nun ist diese App nicht so wahnsinnig zuverlässig, aber ich glaube schon, dass das so ungefähr stimmt. Jedenfalls war der Galopp nicht langsamer als die anderen, sondern tendenziell schneller. Und dennoch hat er sich sicher angefühlt für mich (und auch für Duncan, davon bin ich überzeugt). Eigentlich hat er sich sogar langsamer angefühlt, weil er gleichmäßig war im Tempo und nicht stetig schneller wurde.

Es geht – wie so oft im Reiterleben – um Balance. In diesem Fall nicht um meine, sondern um Duncans (wobei ich ihn natürlich unterstützen kann). Denn Duncan hat, wenn er die Balance verliert, die Tendenz, sich nach vorne hin zu stabilisieren. Der Hals wird lang und gerade und er macht ihn dann so fest, dass eine Ansprache über Zügelhilfen nicht mehr möglich ist. Da er aber auch den Rumpf komplett fest macht, kann ich ihn auch über den Sitz nicht mehr erreichen. Er braucht dann seine ganze Kraft, um sich und mich zu halten und kann nicht mehr weich und beweglich sein. Und weil sein Schwerpunkt ein Stück zu weit nach vorne gerutscht ist, wird er immer schneller. Und das ist es, was mich immer wieder dazu veranlasst, durchzuparieren, weil es sich anfühlt, als würde Duncan durchgehen (wollen). Genau genommen fühlt es sich so fies an wie damals, als ich auf schneebedeckter Straße mit dem Auto bremsen wollte und einfach weiter gerutscht bin. Wer das mal erlebt hat, weiß, wovon ich rede: man steht mit dem Fuß voll auf dem Bremspedal aber es tut sich einfach nichts. Mein Auto hat sich nicht gedreht oder ähnliches, es hat sich einfach weiter geradeaus vorwärts bewegt, bis eine Verkehrsinsel uns gestoppt hat. Noch heute, über 20 Jahre später, träume ich manchmal von ähnlichen Szenen, obwohl damals nichts schlimmes passiert ist. Ich hasse dieses Gefühl und auf meinem Pony im Gelände hasse ich es genauso. Ich will es nicht haben, ich kann nicht – wie andere es könnten – darüber hinwegreiten bis er raus gefunden hat, wie es besser geht. Also folge ich dem klugen Tipp meiner Freundin und reite Übergänge. Trab, Galopp, Trab. Spätestens wenn er im Galopp die Balance verliert, pariere ich ihn wieder durch, oft auch vorher. Anfangs ist das nach wenigen Galoppsprüngen der Fall, doch je mehr Übergänge wir machen, desto länger kann er den Galopp halten, ohne sich so fies anzufühlen. Und dann, bei unserem Ausritt am Montag, kommt plötzlich dieses Atemgeräusch dazu. Kein sanftes Schnauben, sondern ein lautes, kräftiges Ausatmen bei jedem Galoppsprung, das mich erst mal ein bisschen erschreckt. Was bin ich immer dankbar, wenn ich dann einen Menschen dabei habe, der sagt „ja, er atmet halt, ist doch super!“. Denn der kleine Schotte unter mir hört sich an wie eine ausgewachsene Dampflok.

Von Amanda Barton habe ich gelernt, dass es gar nicht ungewöhnlich ist, dass Pferde im Galopp nicht richtig atmen. Im Galopp MUSS ein Pferd bei jedem Galoppsprung atmen, weil die Eingeweide sich so stark bewegen und damit die Lunge auf- und wieder zumachen. Wenn das Pferd also versucht, gegen diesen Rhythmus zu atmen, wird es nicht viel Luft kriegen, was wiederum zu (sehr verständlicher) Angst führen kann. Deswegen hat Amanda mit einigen Schülerinnen auf ihren Kursen daran gearbeitet, das Pferd so lange galoppieren zu lassen, bis es richtig atmet, und dann eine Pause zu machen. Ohne es geplant zu haben, ist das jetzt bei uns von selbst passiert. Mir war gar nicht aufgefallen, dass Duncan nicht richtig atmet, bis ich ihn plötzlich atmen hörte. Ich hoffe, dass Duncan also in Zunkunft schneller in seinen Atemrhythmus kommt und leichter in seine Balance findet. Das alles dann länger durchzuhalten ist eine reine Trainingsfrage.

Der Reisegalopp, den er mir am Montag angeboten hat, war jedenfalls so verlockend, dass ich definitiv mehr davon will und mein lauffreudiges kleines Pony wird da sicher keine Einwände haben.

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