Fast noch etwas spannender als der erste Ausritt alleine, bei dem ich ja noch gar nicht wusste ob wir überhaupt die ganze Runde gehen, war für mich jetzt der zweite.
Wie wird Duncan reagieren, wenn ich vorschlage, das Abenteuer zu wiederholen? War er zufrieden letztes Mal? Oder bekommt er doch wieder Angst, möchte stehen bleiben oder umdrehen? Und wie wird es mir gehen?
Die erste Erkenntnis: Duncan hat Lust. Er stiefelt munter los und ich muss ihn erst mal daran hindern, die Kurve so zu schneiden, dass ich am Straßenschild hängen bleibe. Seine erste Irritation setzt allerdings ein, als ich ihn bitte, am rechten Straßenrand zu gehen statt am linken. Naja, er ist eben Brite…. er lässt sich aber überreden und scheint sich dann auch rechts wohl zu fühlen.
Seine Reaktion auf die Papiertüte, die still mitten auf dem Weg liegt, zeigt mir, dass er doch sehr viel aufmerksamer ist als wenn Pferde-Begleitung dabei ist. Aber wir sind lang genug zusammen, ich kann gut einschätzen, wie groß bzw klein die Besorgnis ist und sobald er das unbekannte Objekt als Tüte identifiziert hat, ist es ja auch ok.
Wie fast immer möchte er am Baum links abbiegen. Generell biegt er lieber links ab als rechts, das fällt mir auf. Auch sonst wenn wir im Gelände unterwegs sind, schlägt er oft vor, links abzubiegen. Und er schlägt oft vor, Wege zu nehmen, die er noch nicht kennt. Dass er das jetzt auch alleine tut, macht mir Mut: er scheint sich sicher genug zu fühlen.
Wir traben ein bisschen, er läuft munter voran und ich überlege, ob ich nicht nächstes Mal den Sattel nehme, damit er noch munterer laufen kann. Dann passiert das, worauf ich eigentlich schon länger gewartet habe: ein Erschrecker. Der Vogel im Gebüsch, Duncans Erzfeind. Es ist immer das selbe Geräusch dass ihn auf die selbe Art erschreckt. Ein Satz, Vorderbeine breit in den Boden, hinschauen. Ich frage mich im Nachhinein ob das Geräusch das selbe ist, das eine Schlange machen würde. Und ich freue mich über den Erschrecker! Denn nun weiß ich, dass der auch allein nicht anders ausfällt als in Gesellschaft. Bisher hatte ich Sorge, er könnte, wenn wir allein sind, losrennen, weil er keine Orientierung an ein anderes Pferd hat. Aber von losrennen ist keine Rede, im Gegenteil, für einen Moment ist er erstarrt. Ein Keks, weil ich Erstarrung so viel besser finde als rennen, dann treibe ich ihn voran, weil ich gelernt habe, dass er besser und leichter aus der Erstarrung kommt, wenn wir einfach weiter traben. Schnell beruhigen wir uns wieder. Mir fällt auf, dass Duncan sich angewöhnt hat, in angespannten Momenten abzuschnauben. Ich habe das abschnauben immer mal belohnt und ich glaube fast, er hat gelernt, dass es ihm hilft, sich zu beruhigen. Wie ein Kind, das singt, wenn es die Kellertreppe runter geht oder ein Erwachsener, der bewusst ruhig und tief atmet, um der Angst Herr zu werden.
Mein persönlicher Stress geht wieder am Dornröschenweg hoch, aber ich bin schon deutlich entspannter als letzes Mal. Danach genießen wir unsere Graspause. Auf dem Rest des Weges stelle ich fest: im Trab geht alles besser. Wenn wir längere Zeit Schritt gehen, wandert Duncans Aufmerksamkeit immer weiter und weiter in die Ferne, die Ohren werden immer spitzer und er beobachtet entfernte, noch nicht gut zu erkennende Objekte mit Argwohn. Im Trab passiert das nicht, da tingelt er einfach durch die Landschaft, ist sehr viel mehr bei mir und bei ihm selbst als im außen. Das merke ich mir!
Ich selbst beobachte meine eigenen Aufmerksamkeit. Mein Kopf spielt mir Streiche: gleich könnte etwas passieren! Ich übe, mir ganz klar vor Augen zu führen, dass gleich alles passieren kann aber JETZT in diesem Moment, mein Pony unter mir gleichmäßig läuft. Ich denke an Elsas Worte „Rhythm equals Confidence“ (Grob übersetzt: Der Rhythmus spiegelt die Selbstsicherheit wieder). Je rhythmischer mein Pony sich bewegt, desto sicherer fühlt er sich, desto geringer die Chance, dass er blöde Entscheidungen trifft. Also konzentriere ich mich auf den Rhythmus, meinen und seinen um uns darin zu unterstützen. Das hilft. Ich rufe mich immer wieder in den Moment zurück und fange Gedanken ein, die in eine angsteinflößende Zukunft reisen wollen.
Ganz am Ende des Ritts, als Duncan beim Nachbarn nochmal ein bisschen angespannt ist, steige ich ab. Ich finde, wir beide haben das toll gemacht und können diese letzte kleine Herausforderung einfach entschärfen, von unten ist es kein Problem. Duncan bringt mich noch einmal zum lachen, indem er mir die Futterschüsseln zeigt, die hinterm Weidezaun stehen, und seiner Betrübnis darüber Ausdruck verleiht, dass es nicht SEINE Schüsseln sind, dann gehen wir gemeinsam nach hause. Wir haben beide enorm gute Laune und ich bin sicher, dass mein Pony genauso viel Spaß hatte wie ich.